Berlin - Man kann als Schiedsrichter fast alles richtig machen und dennoch zum Buhmann werden. Das musste am späten Sonntagnachmittag der 45 Jahre alte Guido Winkmann im Berliner Olympiastadion erfahren. Aus Sicht der Hertha-Fans war der Polizeibeamte aus dem niederrheinischen Kerken wohl mitverantwortlich für die Niederlage ihrer Mannschaft gegen den VfL Wolfsburg, für dieses 0:3, das zur Folge hat, dass die Zuversicht, die sich die Blau-Weißen beim 2:2 zum Saisonauftakt in München erspielt hatten, schon wieder dahin ist. Allerdings dürfte auch den Fans unter den 42 738 Zuschauern nicht entgangen sein, das ihre Mannschaft im Besonderen in der Hälfte zwei zu uninspiriert und zu träge agierten, um ein besseres Ende verdient zu haben.

„Ich bin neu in der Liga, ich werde einen Teufel tun, die Leistung des Schiedsrichters zu bewerten. Das ist alles nicht so einfach für einen Menschen, diese Entscheidungen zu treffen. Für mich war es einfach nur der Wahnsinn, diese unterschiedlichen Gefühlswelten zu durchleben, erst Elfmeter, dann nicht“, sagte Herthas Trainer Ante Covic, um dann über die Leistung seiner Elf zu urteilen: „Wir haben eine gute halbe Stunden gespielt, drei, vier gute Chancen gehabt. Aber wenn du die nicht machst, kommen eben Zweifel auf. Und dann läuft dir halt auch die Zeit weg. Wir hatten ein paar gute Sequenzen, müssen aber vieles besser machen.“

Die Schlüsselszene, welche die Referee-Groteske in Schwung brachte, ereignete sich bereits nach 18 Sekunden Spielzeit. Herthas Ondrej Duda hatte sich beim ersten Angriff seiner Mannschaft flugs in der Hälfte des VfL Wolfsburg in Position gebracht, sich samt Ball geschickt um den ehemaligen Hertha-Profi John Anthony Brooks gedreht, um entschlossen in den Strafraum einzudringen. Beim Versuch eines Torschusses wurde er aber vom herbeigeeilten Josuha Guilavogui attackiert – und kam zu Fall. Winkmann pfiff, deutete entschlossen auf dem Punkt, rief dann aber dann doch mal seinen Kollegen im Kölner VAR-Keller zur Hilfe. Gut drei Minuten vergingen, während sich Winkmann an der Seitenlinie beim Videostudium die Gewissheit holte, dass Wolfsburgs Kapitän den Ball gespielt hatte. Begleitet von einem heftigen Pfeifkonzert nahm er seine Entscheidung zurück. Noch nie zuvor war der Videobeweis in einem Bundesligaspiel so früh zum Einsatz gekommen, meldeten die Statistiker.

Winkmanns Problem: Fünf Minuten später musste er sich nach einem wilden Einsatz von Herthas Karim Rekik gegen Felix Klaus erneut festlegen. Erneut entschied er auf Strafstoß – und beließ es dabei. Wobei er dieses Mal seltsamerweise auf den Gegencheck am VAR-Monitor verzichtete. Wout Weghorst verwandelte sicher zur Wolfsburger Führung.

Es spricht für die Profis von Hertha BSC, dass sie sich nach ein paar energischen Auseinandersetzungen mit Winkmann nicht im Klagen über das eigene Schicksal verloren, sondern sich erst einmal durchaus leidenschaftlich an einer Ergebniskorrektur versuchten. So eröffnete Vladimir Darida bereits in der zwölften Minute seinem Teamkollegen Salomon Kalou mit einer bestens getimten Flanke die Chance zum Ausgleich, der Ivorer allerdings setzte den Ball per Kopf knapp am Pfosten dabei. Marko Grujick wiederum scheiterte mit seinem Schuss aus sechzehn Metern an Keeper Koen Casteels, im Nachschuss schließlich auch noch an Guilavogui (21.).

Was dem Spiel der Hertha an diesem Nachmittag fehlte, war die Präzision und das nicht nur im Abschluss, sondern mit zunehmender Dauer des Spiels auch im Passspiel. Vor allem Grujic hatte als Taktgeber ein paar heftige Rhythmusstörungen zu verantworten, brachte das Spiel nicht ins Laufen, sondern ins Stocken. Wolfsburg konnte sich auch deshalb immer wieder zeitig formieren, sich auf die taktischen Änderungen von Trainer Ante Covic einstellen. Auf das kurze Experiment einer Vierer-Angriffsreihe nach der Einwechslung von Davie Selke für Darida, aber auch auf das Tempo von Daishawn Redan, der ab der 70. Minute sein Debüt in der Bundesliga gab.

Ein letzter Versuch von Covic, Einfluss auf das Spiel zu nehmen, geriet schließlich zur Kuriosität. Denn während Maxi Mittelstädt mit einem von Covic überreichten Taktikzettel übers Feld steuerte, umkurvte auf der Gegenseite Josip Brekalo samt Ball Niklas Stark und überwand Jarstein zum 0:2. Den Schlusspunkt setzte – und auch das passte zu diesem wunderlichen Fußballnachmittag – der zuvor fahrig agierende Jerome Roussillon per Linksschuss in der Nachspielzeit.