Irgendwie drängt sich Euphorie gerade eher nicht auf. Nüchtern betrachtet lässt Unions Heimauftakt in die neue Saison nur eine Schlussfolgerung zu: Durch das 2:2 (0:1) gegen Dynamo Dresden ist Unions Weg in die Top 20 des deutschen Fußballs wieder nicht kürzer geworden. „Die Enttäuschung überwiegt“, klagte Unions Trainer Jens Keller, „wir kriegen zu einfache Tore.“

Der Abend begann mit Anteilnahme: Gemeinsam wurde vor dem Anpfiff um Unions langjährige Mitarbeiterin Janine Jänicke getrauert. Sie hatte ehrenamtlich als Fanbeauftragte Union-Anhänger mit Behinderung betreut und war im vergangenen Monat mit dem Motorrad tödlich verunglückt.

Anschließend legte die Mannschaft los, als wollte sie die über dem Stadion liegende Trauer in Windeseile in eine freudigere Stimmung verwandeln wollen. Sie praktizierte das von Keller gepredigte aggressive Pressing, und die Dresdner Gäste hatten sichtlich Mühe, einen sortierten Spielaufbau vorzuführen. Doch dann zeigte sich dieselbe Schwäche wie schon bei der ersten Auswärtsniederlage der Unioner vorige Woche in Bochum. Während vorne der Druck keine großartigen Chancen kreieren half, riss er hinten ordentliche Löcher, wenn es den Dresdnern gelang, sich aus der Umklammerung zu befreien.

Die Gäste waren von Unions früherem Trainer Uwe Neuhaus sichtbar gut vorbereitet worden: „Uns erwartet ein stürmischer Gegner, der vielleicht ein bisschen mehr unter Druck steht als wir“, hatte der angekündigt. So brauchte sein Team nur acht Minuten, um aus Unions Schwächen Kapital zu schlagen: Eine Flanke von Niklas Kreuzer von der rechten Seite wusste Kristian Pedersen nicht zu verhindern, in der Mitte leitete sie Dresdens Kapitän Marco Hartmann mit der Hacke weiter und löste eine ganze Fehlerkette aus − Fabian Schönheim hob das Abseits von Dynamos Stürmer Pascal Testroet auf, den ließ Christopher Trimmel in seinem Rücken ebenso frei stehen wie Aias Aosman. Und dann konnte Torwart Jakob Busk Testroets schwachen Schussversuch noch parieren, nicht aber Aosmans Nachsetzen aus kurzer Distanz.

Dynamos Führungstor führte nur dazu, dass bei Union sichtbares Entsetzen ausbrach und die Schwächen deutlicher wurden. Vor allem in der Rückwärtsbewegung haperte es bei den Eisernen: Eilte die Viererkette stets bei gegnerischen Angriffen in gebotener Eile zurück, so schienen die offensiver ausgerichteten Spieler ihre Aufgabe zuvorderst in der gegnerischen Hälfte als erledigt zu betrachten.

Es ergab sich ein wenig schmeichelhaftes Bild für die Eisernen: Sie kamen erst in der 25. Minute zu ihrem ersten echten Torschuss und, sollte es mal gefährlich zugehen bei Dynamo, dann nur, weil die Gäste selbst dafür sorgten. Insbesondere Dynamos Torwart Marvin Schwäbe zeigte gelegentlich Unsicherheiten, etwa in der 39. Minute, als er in Uneinigkeit mit seinem Verteidiger Jannik Müller havarierte, statt den Ball zu klären, Kevin Prince Redondo aber aus spitzer Position nur das Außennetz traf.

Gnade des Herrgotts

Und während die Dresdner eine entscheidende Unsicherheit in der Union-Abwehr nicht zu verwerten wussten, als Testroet nach einem Patzer von Collin Quaner im eigenen Strafraum nur den Pfosten traf (32.), kam Union durch Dresdner Defensivnachlässigkeiten zum eher überraschenden Ausgleich. Steven Skrzybski zog von der rechten Seite in den dicht von Gelb-Schwarz zugestellten Strafraum, brachte seinen Pass trotz dessen enger Bewachung zu Quaner, der den mit einem Muskelfaserriss unpässlichen Philipp Hosiner ersetzen muss, und Quaner stoppte kurz und spielte den Ball über Schwäbe ins Tor (58.). „Alle gucken nur zu“, jammerte Dresdens Trainer Neuhaus, „jeder verlässt sich auf den anderen.“

Ohne dass eine Unioner Überlegenheit anschloss, folgte ähnlich vom Gegner und seiner Unruhe und Unsicherheit begünstigt gar die Berliner 2:1-Führung: Nach einer Ecke köpfte Schönheim auf das Tor, Schwäbe tauchte hin, statt Testroet klären zu lassen. Der Ball landete bei Quaner und der begann einen Ruf als Torjäger aufzubauen. Danach zeigte der Herrgott Gnade mit den Dresdnern, als Union zu drücken begann. Einen langen Ball von der Mittellinie erlief vor allen Unionern am schnellsten der betagte Andreas Lambertz und spielte ihn am herauslaufenden Busk vorbei zum 2:2-Ausgleich ins Tor (69.).

„Fabian Schönheim“, trauerte Keller, „steht natürlich nicht optimal in der Situation.“ Zu den folgenden Auffälligkeiten zählte vor allem noch, dass Keller wie in Bochum seinen Kapitän eine Viertelstunde vor dem Schlusspfiff auswechselte. Da Felix Kroos keine Verletzung hatte, muss es schon wieder andere Gründe gehabt haben.