Heinz Wewering war 28 Mal deutscher Champion und 29 Mal bester Trainer seiner Zunft.
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BerlinEs gibt nur wenige, die ihre Sportart über einen so langen Zeitraum geprägt haben wie Heinz Wewering. Die statistischen Daten sprengen dabei alle Dimensionen einer Randsportart, die der Trabrennsport trotz ambitionierter Versuche, das zu ändern, immer geblieben ist.

Von 1977 an war Heinz Wewering 28 Mal deutscher Champion der Berufsfahrer und 29 Mal der beste Trainer seiner Zunft. Er gewann vier Europa- und zwei Weltmeistertitel, und im Jahre 2003 stellte er mit seinem 14 899. Lebenssieg den bis dahin gültigen Weltrekord auf. Erst im Jahr 2014 wurde er von dem US-Amerikaner Dave Palone übertroffen. Immer zu gewinnen schien ein halbes Leben lang das Programm des ansonsten eher zurückhaltenden Westfalen zu sein.

Wewering hat Größe im Pferdesport definiert

Der 1950 in Münster-Albachten geborene Heinz Wewering wollte ursprünglich nicht zu den Trabern. Irgendwas mit Pferden, das schon. Also begann er, mit reichlich Ehrgeiz und Einfühlungsvermögen für die sensiblen Tiere ausgestattet, als Jockey im Galopprennsport, musste nach kurzer Zeit aber einsehen, dass er dafür eigentlich zu groß gewachsen war.

Was Größe im Pferdesport bedeutet, hat in Europa später kaum jemand so nachhaltig definiert wie Heinz Wewering. Er ist bis heute das Gesicht des deutschen Trabrennsports, an Bekanntheit und Beliebtheit folgte er ganz unmittelbar auf Johannes „Hänschen“ Frömming, der in der Nachkriegszeit den Trabrennsport beinahe im Alleingang repräsentiert hat.

In seiner Karriere, die in den 70er-Jahren so richtig an Fahrt aufnahm, kam Wewering zweifellos zu Gute, dass er buchstäblich in die Blütezeit des Trabrennsports hineingewachsen war. Seine stärkste Phase an Popularität und wirtschaftlicher Bedeutung erreichte der Pferdesport mit dem ungewöhnlichen Sulky als Fahrgerät in den späten 80er-Jahren, und Heinz Wewering wusste den Aufschwung geschickt für sich zu nutzen. Zum vorhandenen Gespür für die Fahrleine stellte er ein bis dahin in Deutschland kaum bekanntes Organisationstalent unter Beweis. Heinz Wewering fuhr über drei Jahrzehnte an mehr als 350 Tagen im Jahr Rennen. Er gewann oft ein halbes Dutzend pro Tag und sammelte Prämien in Millionenhöhe für seine verschiedenen Pferdebesitzer. Die hohe Frequenz an Veranstaltungen und Rennen war natürlich eine wichtige Grundlage für den überwältigenden Erfolg in diesen Jahren, aber Heinz Wewering verfügte zudem über die Begabung, die Chancen auch zu erkennen und zu nutzen.

Mehr als 200 Pferde im Stall

Pferdesportler, die erfolgreich sein wollen, müssen auch gute Unternehmer sein. In seiner Hochphase hatte Heinz Wewering auf seiner Trainingsanlage in Bladenhorst bei Recklinghausen mehr als 200 Pferde im Stall. Er beschäftigte zu dieser Zeit mehrere ausgebildete Trainer und der gute Geist am Geläuf war dabei sein erster Stallmann Heinz Mletzko – wegen seiner ausgeblichenen Haarfarbe „der Weiße“ genannt – bei dem in der Vorbereitung der Pferde alle Fäden zusammenliefen.

Aus dem wie geschmiert laufenden Betrieb gingen große Sieger hervor, allen voran die Wunderstute Babesia aus dem Gestüt Forstwald bei Mönchengladbach und Diamond Way aus der Zucht von Springsport-Olympiasieger Alwin Schockemöhle, der Wewering auch den dritten von insgesamt acht Fahrer-Siegen im Deutschen Traberderby in Berlin-Mariendorf bescherte, noch immer der wichtigste Gradmesser für den Erfolg im Trabrennsport.

Den ersten Derbysieg fuhr er 1981 mit dem dreijährigen Hengst Noble Stardom heraus und läutete damit endgültig die Ära Wewering im Trabrennsport ein.

Menschliche Größe

Menschliche Größe jedoch bewies Heinz Wewering gerade auch in den Momenten, als es plötzlich nicht mehr ganz so rund lief in seiner Karriere. Er, der kühle Rechner und Perfektionist, war Mitte der 2000er-Jahre in eine Steueraffäre geraten, die ihn deutlich kürzer treten ließ und sogar dazu zwang, sein sportliches Glück in Italien zu versuchen. Der Versuch, mit eigenen Deckhengsten im Zuchtgeschäft Fuß zu fassen, verlief eher glücklos.

Als Wewering aus Italien zurückkehrte und wechselnde Engagements als Privattrainer annahm, hatte er zwar vorübergehend seine unternehmerische Selbstständigkeit verloren, nicht aber seine Intuition, im Rennen günstige Passagen zu finden und diese auch zu nutzen.

Sehr viel beeindruckender aber war, wie es Heinz Wewering gelang, sich   auch in der Phase der Stagnation seine Würde als fairer Sportler zu bewahren. Und obwohl nun andere den Goldhelm als Trophäe des erfolgreichsten Piloten trugen, der doch über fast drei Jahrzehnte unverwechselbar sein Markenzeichen gewesen war, hat ihm die abrupte Wachablösung nie den Spaß und die Leidenschaft geraubt. Und zur Befriedigung seiner Lust aufs Siegen und Gewinnen reichte es natürlich immer noch.

Letzter Derbysieg in Berlin 2010

Nicht selten sind Traberleute auch Hitzköpfe, Heinz Wewering aber verknüpft Routine und Geistesgegenwart mit einer natürlichen Klugheit, die ihn noch immer als wichtigsten Vertreter seines Sports erscheinen lassen.

Seinen letzten Sieg im Deutschen Traberderby erzielte er mit dem Außenseiter Unikum bereits im Jahr 2010, aber jedes Jahr ist Heinz Wewering wieder aufs Neue mit aussichtsreichen Kandidaten aus seiner Obhut vertreten oder als verlässlicher Catchdriver für andere Rennställe gefragt. Für junge Kollegen ist seine nie nachlassende Selbstdisziplin ein Ansporn und die alten schätzen ihn als angenehmen Zeitgenossen und Gesprächspartner, obwohl er ihnen über viele Jahre aus rein sportlichen Gründen sehr oft das Nachsehen gegeben hat.

2010 gelang Heinz Wewering der letzte Derbysieg auf der Trabrennbahn Mariendorf. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit gratuliert
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Ein Familienmensch war der Rennsportnomade Heinz Wewering, der seine Zelte seit einigen Jahren in Berlin aufgeschlagen hat, nie. Die Begeisterung für den Sport hat er dennoch an seine Kinder Oliver und Marie-Charlott weitergegeben, die selbst überaus erfolgreich Rennen bestritten oder es noch tun. 1999 trug sich Oliver Wewering mit dem Hengst German Titan ebenfalls in die begehrte Liste der Derby-Gewinner ein.

Wo und wie Heinz Wewering am 28. Januar seinen 70. Geburtstag feiern wird, ist natürlich Privatsache. Aber wer ihm gratulieren will, kann das mit einiger Sicherheit nachträglich im Teehaus der Trabrennbahn Mariendorf tun, wenn er dort die Übertragungen der großen Rennen des Wintermeetings von Paris-Vincennes beobachtet, um auf dem Laufenden zu bleiben.