Derby-erfahren: Heinz Wewering.

BerlinDie Startplätze sind ausgelost, die Vorläufe zum 125. Deutschen Traber-Derby sollen tatsächlich an diesem Wochenende auf der Rennbahn in Berlin-Mariendorf ausgetragen werden. Danach hatte es lange nicht ausgesehen. Wie alle Sportler waren auch die Trabrennfahrer und ihre Pferde seit März zum Training ohne Aussicht auf Wettkampf verdammt.

Der Berliner Senat verhängte ein Komplettverbot, obwohl das Nachbarland Schweden über die gesamte Pandemiezeit vorgemacht hatte, dass gerade Pferderennen ohne Publikum eine adäquate Alternative gewesen wären. Die nämlich hätten das wirtschaftliche Desaster für die Veranstalter und Rennstallbesitzer eindämmen können. Hinter den Pferden sitzen die Jockeys in größtmöglicher Sicherheit, und der mühelos digital zugängliche Wettmarkt benötigt keine Abstandsregeln.

Nun aber soll das treue Rennsportpublikum wieder in den Berliner Südwesten ziehen dürfen – sorgsam kanalisiert, versteht sich. Bis zu 5000 Besucher sind zugelassen, ordentlich registriert und mit entsprechenden Kontaktdaten versehen. Mit acht Wochen Verspätung soll das Jubiläums-Derby dann am Sonntag, den 20. September ausgetragen werden. Herbstluft statt Sommergefühle – wenn es denn bei den Plänen in unseren Zeiten für Freiluftveranstaltungen bleibt.

In der langen Geschichte des Derbys ist das wichtigste Berliner Pferdesportereignis nur ein einziges Mal ausgefallen. Das war 1945, in den letzten Tagen des 2. Weltkriegs mochte niemand darüber nachdenken, welches Pferd vor dem anderen über die Ziellinie läuft. Ein paar Wochen später war das schon wieder anders. Das erste Berliner Nachkriegsrennen fand am 1. Juli auf der zur Trabrennbahn umfunktionierten Bahn für Hindernisrennen in Karlshorst statt, die später zur einzigen Trabrennbahn der DDR wurde.

1945 fiel das Derby aus – 1949 fand es zweimal statt

Zum historischen Gesamtbild des Traberderbys gehört Karlshorst unbedingt dazu. Das als sportlicher Höhepunkt für die besten Pferde eines jeweiligen Jahrgangs im Alter von drei Jahren ausgetragene Rennen fand dort zwischen 1946 und 1948 statt, während 1949 zwei Derbys gelaufen wurden, eins auf der wieder restaurierten Bahn in Mariendorf und das andere in Karlshorst, das fortan an als DDR-Derby in die Pferdesporthistorie einging. Gewonnen hat im Jahr des doppelten Derbys allerdings ein und dasselbe Gespann: die Stute Stella bella mit dem damals aufstrebenden Jungstar Gerhard Krüger.

In der Geschichte des Rennens ist der doppelte Triumph Krügers eine immer wieder erzählte Anekdote, die nicht zuletzt die Botschaft transportiert, dass der oft dramatische Verlauf der politischen Geschichte der Tradition eines solchen Rennens wenig anhaben kann. Schließlich hat das Rennen zwei Weltkriege und eine Staatsteilung samt Wiedervereinigung überdauert.

Eine gravierende Veränderung steht dem Derby als Traditionsrennen allerdings bevor. Von 2022 an soll es erstmals als Rennen für Vierjährige gelaufen werden. Man erhofft sich, so schonender mit den Pferden umgehen zu können und ihnen länger währende Laufbahnen zu ermöglichen. Dass es 125 Jahre bis zur Umsetzung einer solchen auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Entscheidung bedurfte, hat wohl auch damit zu tun, dass dem Trabrennsport allmählich die Pferde ausgehen. Die Zahl der Fohlengeburten ist seit Jahren rückläufig, im Vergleich zur Boomzeit in den 80er-Jahren werden inzwischen weniger als ein Drittel des damals üblichen Bestands eines Jahrgangs geboren.

Großer Andrang bei den Vorläufen

Das allerdings hat sich bei der Starterangabe zu den Derby-Vorläufen nicht bemerkbar gemacht. Im Vergleich zu den Vorjahren ist die Teilnehmerzahl deutlich gestiegen. Bei den Hengsten und Wallachen treten 34 Gespanne in vier Prüfungen an, um sich für die begehrten Finalplätze zu qualifizieren. Das größte Augenmerk gilt dabei dem aus den Niederlanden anreisenden Keytothehill, dessen Trainer Arnold Mollema sich für seinen Kollegen Heinz Wewering als Piloten entschieden hat. Im Januar ist Wewering 70 Jahre alt geworden, aber hungrig nach Siegen ist der deutsche Rekordchampion, der sich insgesamt 28 Meisterschaften an seine Fahnen geheftet hat, noch immer. Sein erstes Derby gewann Wewering 1981, sein bislang letztes 2010. Der ihm anvertraute Keytothehill hat sich mit Siegen im Adbell-Toddington- und im Buddenbrock-Rennen in die Favoritenrolle gehievt, die zusammen mit dem Derby den inoffiziellen Titel der „dreifachen Krone“ ergeben. Das Kunststück ist zuletzt 2014 dem Hengst Expo Express geglückt, der damals ebenfalls von Arnold Mollema trainiert wurde.

Durch die Rennverschiebungen in diesem Jahr sind allerdings auch die routinierten Abläufe zur Trainingsvorbereitung durcheinandergeraten, sodass es möglich ist, dass manch ein Spätentwickler den Favoriten, zu denen noch Wild West Diamant (Robin Bakker), Because you love me (Rick Ebbinge) und Toto Barosso (Jörgen Sjunnesson) gehören, einen Strich die Rechnung machen kann. Mit jeweils einem Starter pro Vorlauf ist der Berliner Rennbahnbesitzer Ulrich Mommert vertreten, von denen Straight Flush (Michael Nymczyk) die größten Aussichten haben dürfte. Interesse am Wettmarkt dürften auch die beiden Starter des italienischen Spitzenfahrers Pietro Gubellini auslösen. Mit Eagle in the Sky und Hidalogo Heldia steuert er zwei ebenfalls aussichtsreiche Aspiranten.

Noch kniffliger ist die sportliche Vorhersage beim Stuten-Derby, das in diesem Jahr der vor einigen Monaten verstorbenen Marion Jauß gewidmet ist, der Grand Dame des Berliner Trabrennsports. Insgesamt 49 Gespanne bewerben sich in fünf Vorläufen um die Finalplätze, und auch hier ist Pietro Gubellini mit Namanga Bo einer der aussichtsreichsten Pferdelenker. Gespannt sein darf man aber auch auf Taste the Diamonds mit dem dänischen Champion Stehen Juul.

Das deutsche Traber-Derby präsentiert sich zu seiner Jubiläumsausgabe internationaler denn je. Da wäre es tatsächlicher ein grandioser Triumph, wenn Heinz Wewering in seinem 71. Lebensjahr noch einmal die Nase vorn hätte. Der Entscheidung dieser und anderer Fragen beizuwohnen, lohnt den Weg nach Mariendorf – trotz der erschwerten Bedingungen.

Trabrennbahn Mariendorf, Sonnabend und Sonntag, Start des ersten Rennens jeweils um 12.30 Uhr