Helmut Recknagel war im Parallelstil der König der Lüfte.
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Berlin - Helmut Recknagel kommt auf die Minute genau zum Treffpunkt. Das Café „Sibylle“ liegt ganz in der Nähe seiner Wohnung in der Berliner Karl-Marx-Allee. Der Mann, der vor 60 Jahren, am 28. Februar 1960, im US-amerikanischen Örtchen Squaw Valley der erste deutsche Olympiasieger im Skispringen wurde, hat sein Wettkampfgewicht von einst beinahe gehalten. Er wirkt fit und drahtig. Im März feiert er seinen 83. Geburtstag. „Mann oh Mann“, sagt Recknagel, „wie schnell doch die Zeit vergeht.“ Dann verrät er sofort das Geheimnis seiner Fitness: „Meine Frau und ich ernähren uns gesund. Jeden Morgen mache ich ein paar Minuten Gymnastik, Dehnübungen, auch Liegestütze. Und einmal am Tag ignoriere ich den Fahrstuhl und laufe bis in die neunte Etage zu unserer Wohnung hoch. Das ist gut fürs Herz.“

Recknagel, der nach seiner glanzvollen Karriere promovierter Tierarzt und später Betreiber zahlreicher Sanitätshäuser in Berlin war, muss es wissen, da er sich viel mit medizinischen Dingen und gesunder Lebensweise beschäftigt hat. Und er weiß natürlich auch noch ganz genau, was sich vor 60 Jahren an dem Tag abspielte, als er seinen größten Triumph feierte. „Das sehe ich noch alles vor mir“, sagt Recknagel, „wir sprangen am Abschlusstag der Olympischen Spiele. Der Himmel war blau. Ein wunderbares Wetter. Auch der Schnee war gut. Über 30 000 Zuschauer standen an der Schanze. Squaw Valley war ja nur ein kleines Nest. Ich hatte großes Selbstvertrauen.“ Der Beweis: Schon am Vorabend sagte er zu seinen Teamkameraden: „Wenn morgen einer gewinnt, dann bin ich das.“

Recknagel setzte alles auf eine Karte

Tatsächlich setzte Recknagel, damals 22 Jahre jung, alles auf eine Karte und flog in beiden Durchgängen am weitesten: 93,5 und 84,5 Meter. Weil er im ersten Versuch sehr, sehr weit geflogen war, wurde der Anlauf verkürzt. „Es gab zuvor keinen Probesprung“, erinnert sich Recknagel.

Ich hatte ja 1957 als erster Nicht-Skandinavier am legendären Holmenkollen in Oslo gewonnen und auch schon zweimal die Vierschanzentournee dominiert."

Helmut Recknagel

Zehn Tage vor seinem Triumph, den der Generalsekretär des DDR-Skiverbandes Ludwig Schröder für den DDR-Rundfunk kommentieren musste, weil ostdeutsche Reporter kein Visum für die USA bekommen hatten, war Recknagel der stolze Fahnenträger der gesamtdeutschen Olympiamannschaft. Er glaubt, dass ihm diese Ehre wegen seiner Erfolge zuvor erteilt worden war. „Ich hatte ja 1957 als erster Nicht-Skandinavier am legendären Holmenkollen in Oslo gewonnen und auch schon zweimal die Vierschanzentournee dominiert“, erzählt Recknagel und nippt an seinem Cappuccino. Noch heute ärgert es ihn, dass er die vorolympischen Wettbewerbe in Squaw Valley, dem „Tal der Indianerfrauen“, nicht erleben konnte. „Uns wurden 1959 die Visa für die USA verweigert.“ Seit seinem Olympiasieg war Recknagel nie wieder in Amerika.

Er erzählt munter weiter und kann alle seine Mitkonkurrenten aufzählen, die bei Olympia 1960 hinter ihm landeten – auf den Plätzen zwei bis zehn. „Drei Sowjets schafften das – Kamenski, Zakadse und Schamow und der Westdeutsche Max Bolkart wurde Sechster. Mit dem habe ich mich gut verstanden.“

Recknagel bezeichnet sich im Nachhinein als „sehr mutigen Springer“. „Ich habe oft das Risiko gesucht. Meine starken Mitstreiter von damals, vor allem Harry Glaß und Werner Lesser, waren die besseren Stilisten.“

Begeisterung für die Helden von Bern

Dabei hätte es den Skispringer Recknagel beinahe gar nicht gegeben – eine Episode, die in den unzähligen Würdigungen und Artikeln über die Sprunglegende selten erwähnt wird. Der junge Helmut war Fußballfan und 1954 begeistert von der deutschen Mannschaft, die in Bern überraschend Weltmeister wurde. „Das habe ich alles intensiv am Radio verfolgt“, sagt er im Café „Sibylle“ und am liebsten würde er die komplette Mannschaftsaufstellung nennen. „Fritz Walter hat mich unglaublich beeindruckt.“ Recknagel spielte als junger Bursche als Stürmer bei Grün-Weiß Steinbach-Hallenberg in seiner Geburtsstadt in Thüringen. „Ich war beidfüßig, spielte halbrechts und auch halblinks und habe viele Tore gemacht“, sagt er stolz. Ein Angebot von Turbine Halle lehnte er ab. „Der 1. FC Kaiserslautern, der Betzenberg war das Nonplusultra“, so Recknagel. Doch Kaiserslautern lag im Westen und seine Heimat wollte Recknagel nie verlassen. „Mit Fritz Walter habe ich später aber oft hin und her geschrieben.“ Gott sei Dank entdeckte ihn Trainer Hans Renner für das Skispringen. Der sei damals durch die Dörfer gefahren und habe die Jungs beim Skilaufen beobachtet und wie sie über kleine Hügel sprangen.

Zurück in die Gegenwart. Helmut Recknagel verfolgt noch intensiv das Geschehen auf den Schanzen – auf großen wie kleinen Anlagen. Eine der letzteren Kategorie, eine 70-Meter-Schanze, steht in Bad Freienwalde nahe Berlin. Dort, beim „Wintersportverein 1923 Bad Freienwalde“ ist Recknagel ein gern gesehener Gast. 2017 wurde die dortige Schanze in „Kurstadt-Schanze Helmut Recknagel“ umbenannt. Einen großen Sprunglauf der Weltelite erlebte der Olympiasieger, dreifache Weltmeister und dreimalige Sieger der Vierschanzentournee im vorigen Jahr im polnischen Zakopane. Dort holte er sich 1962 den Weltmeistertitel. Recknagel nahm die Siegerehrung vor und war später Gast beim Vater von Olympiasieger Kamil Stoch, der 2014 und 2018 insgesamt drei Goldmedaillen erkämpfte. „Im Garten waren kleine Schanzen aufgebaut, wo Jungs drüber hüpften. Eine tolle Sache.“

Helmut Recknagel hat sein Gewicht auch mit 82 Jahren gehalten.
Foto: Gerhard König/Imago Images

Helmut Recknagel, seit 2011 auch in der „Hall of Fame“ des deutschen Sports vertreten, ist mit sich im Reinen. „Mein großes Ziel als Sportler war es, in die unglaubliche Phalanx der nordischen Länder im Skispringen einzudringen. Das habe ich geschafft und fühle mich schon als Schrittmacher für den deutschen Wintersport.“

Im Moment schreibt er die Geschichte seiner einstigen Firma (Dr. Recknagel Gesundheitsservice GmbH) auf, die im nächsten Jahr 25 Jahre besteht. Einen großen Wunsch hat Helmut Recknagel noch: „Ich würde gerne mit meiner Frau nach Squaw Valley fliegen. Ob ich es schaffe, weiß ich nicht.“ Dann verabschiedet er sich, geht straffen Schritts nach Hause. Ob er sofort wieder über alle Treppen hoch bis in die 9. Etage laufen wird, hat er nicht verraten.