Platz für 74.000 Zuschauer: das Berliner Olympiastadion.
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BerlinLucas Tousart passt quer, Matheus Cunha zieht ab – und die Fans im Berliner Olympiastadion jubeln. Was vor Wochen noch wie Träumerei klang, könnte zum Start der Fußball-Bundesliga Realität werden. Die Stille der Geisterspiele ist vorbei – zumindest ein bisschen. Nahezu euphorisch begrüßten alle Klubs die einheitliche Rückkehr der Fans, die jedoch auch eine planerische Herausforderung birgt.

Waren zuletzt oft nur 300, 500 oder gar keine Besucher erlaubt, lässt der neue 20-Prozent-Beschluss schnell wieder Tausende in die Arenen strömen. Die Vereine nehmen die Situation trotz Termindruck gerne an, müssen nun aber auch zufriedenstellende TV-Bilder liefern. Den Auftrag hat Geschäftsführer Christian Seifert von der Deutschen Fußball Liga (DFL) am Mittwoch jedenfalls klar formuliert.

„Die Politik bringt den Klubs der Bundesliga und der 2. Bundesliga und ihren Fans, aber auch vielen anderen Sportarten, damit Vertrauen entgegen, das es nun durch alle Beteiligten zu rechtfertigen gilt“, sagte Seifert, nachdem die Chefs und Chefinnen der Staatskanzleien die anteilige Fan-Rückkehr beschlossen hatten. Stellvertretend für alle 36 Profiklubs der 1. und 2. Liga freute er sich, „dass es hinsichtlich der Rückkehr von Stadionbesuchern nun ein bundeseinheitliches Vorgehen gibt“.

Bereits am Wochenende beginnt in allen Bundesliga-Stadien die sechswöchige Probezeit, in der die Stadionkapazitäten wieder zu 20 Prozent ausgeschöpft werden dürfen. Sofern das Infektionsgeschehen vor Ort es zulässt. Der Durchschnitt der COVID-19-Fälle der vergangenen sieben Tage pro 100.000 Einwohner darf 35 nicht überschreiten.

Was rechnet sich, was nicht?

Wobei die Verantwortlichen bei Hertha BSC nun einmal mehr überaus froh darüber sein dürften, nicht oder noch nicht im eigenen Stadion zu spielen. Denn bei einer Kapazität von rund 74.000 Zuschauern spielt das Berliner Olympiastadion in der Liga der großen Fußball-Schüsseln von Borussia Dortmund (81.000) oder dem FC Bayern (75.000) oben mit. Die etwa 14.800 Zuschauer, die Hertha nach der neuen Verordnung einlassen dürfte, würden die Alte Försterei in Köpenick beinahe zu drei Vierteln füllen. Der 1.FC Union wäre bei einem Fassungsvermögen von 22.000 Zuschauern lediglich mit den 5000, bei Großveranstaltungen erlaubten, Zuschauern im Rennen um Stimmung und klatschende Hände.

Bevor das Olympiastadion mit 20 Prozent ausgelastet wird, muss der Beschluss erst noch in die aktuelle Corona-Verordnung Berlins aufgenommen werden. „In Nordrhein-Westfalen wurde die Verordnung gleich nach dem Beschluss geändert. In Berlin warten wir noch auf eine neue Verordnung“, sagte ein Hertha-Sprecher am Mittwoch. Hertha trägt sein erstes Heimspiel erst am 2. Spieltag am 25. September gegen Eintracht Frankfurt aus und steht somit nicht unter Zeitdruck, bis zum Saisonauftakt am kommenden Samstag die Rückkehr der Zuschauer zu organisieren.

Der 1. FC Union plant für das Heimspiel zum Auftakt der neuen Saison mit 5000 Stadion-Besuchern auch auf den Stehplatz-Rängen. „Für uns ist das nicht sehr ergiebig“, sagte Kommunikations-Geschäftsführer Christian Arbeit am Mittwoch zum Beschluss der Länder. Zum ersten Saisonspiel am Sonnabend (15.30 Uhr) gegen den FC Augsburg bleibe es dabei, dass Union mit Stehplätzen spiele, betonte Arbeit.

In München, wo Rekordmeister Bayern München am Freitag (20.30 Uhr/ZDF und DAZN) gegen Schalke 04 die Spielzeit eröffnen soll, ist die Lage eng. Dort liegt der Durchschnitt der COVID-19-Fälle der vergangenen sieben Tage pro 100.000 Einwohner laut Angaben des Robert Koch-Instituts bei 34, das bayerische Landesamt für Gesundheit gibt mit 45,54 jedoch einen deutlich höheren Inzidenzwert an. 

Daher stimmte der FC Bayern einem Kompromiss zu. Demnach dürfen 7500 Fans die Partie in der Münchner Arena verfolgen. Dies entspricht einer Auslastung der Stadionkapazität von zehn Prozent. Eine entsprechende Einigung erzielten am Mittwoch Ministerpräsident Markus Söder (CSU) und Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) gemeinsam mit dem deutschen Meister, der unter anderem durch seinen Präsidenten Herbert Hainer vertreten wurde.

Insgesamt dürften die meisten Begegnungen am kommenden Wochenende mit zahlendem Publikum steigen. Zum Top-Spiel Borussia Dortmund gegen Borussia Mönchengladbach am Sonnabend (18.30 Uhr/Sky) plane der BVB „vorsichtig“ mit 10.000 Menschen. Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke teilte Seiferts mahnende Haltung.

Er betonte „die große Verpflichtung, dass wir als Klubs gemeinsam mit den beteiligten Fans mit dieser Probezeit in den kommenden Wochen äußerst verantwortungsvoll umgehen“. Die genehmigte Teilwiederzulassung von Zuschauern sei „ein ganz wichtiger Schritt für alle Fußballfans in Deutschland“. Auch Bayer Leverkusens Sportdirektor Simon Rolfes war glücklich mit der Entscheidung. „Die Erleichterung ist groß. Das Erlebnis Bundesliga ist ein bisschen zurück“, sagte er am Mittwoch. Die Werkself tritt am kommenden Sonntag (18.00 Uhr/Sky) beim VfL Wolfsburg an.

Ein Ringen um jeden Fan

Dort waren eigentlich 6000 Leute eingeplant, am Mittwoch wurde aber bekannt, dass nur 500 Fans kommen dürfen. Grund ist, wie der VfL mitteilte, dass die Anpassung der niedersächsischen Corona-Verordnung durch die Landesregierung erst in der kommenden Woche erfolgen wird. „Dass das jetzt bis zum kommenden Wochenende nicht umsetzbar ist, ist für unsere Fans natürlich sehr schade“, sagte Wolfsburgs Geschäftsführer Michael Meeske. Wolfsburg soll nun beim nächsten Heimspiel am 4. Oktober gegen den FC Augsburg die 20 Prozent ausschöpfen dürfen.

Bei aller grundsätzlichen Freude über das Zuschauer-Comeback ist für manche Klubs der finanzielle Aspekt ebenfalls ein Thema. Durch die TV-Einnahmen kam zwar in der Coronazeit auch Geld in die Kassen, doch nun droht beispielsweise bei Werder Bremen ein Minusgeschäft durch den Betrieb mit Zuschauern.

Laut Recherchen des Magazins „buten und binnen “ von Radio Bremen rechnet sich ein Spiel im Weserstadion (Kapazität rund 42.000) offenbar erst bei 10.200 Zuschauern. Die Bremer dürfen am Sonnabend (15.30 Uhr/Sky) gegen Hertha BSC aber nur 8500 Menschen hineinlassen. Es wird weiter ein Ringen um jeden Fan.