Folgenschwere Pyramide: In dieser Situation verletzt sich Matheus Cunha.
Foto: Jürgen Engler

Berlin-WestendDie wichtigste Szene rund um Hertha BSC spielte sich am Donnerstagvormittag beim Training auf dem Schenckendorffplatz ab. Der Brasilianer Matheus Cunha jubelte ausgelassen über einen Treffer und wurde danach beinahe von einer Pyramide seiner mitfeiernden Mitspieler erdrückt. Der 20-Jährige, zuletzt der beste Mann im Team, blieb verletzt liegen und wurde mit einem Golf-Kart Richtung Kabine gefahren. Ihn hatte es am linken Knöchel erwischt. Eine Stunde später versuchte Trainer Alexander Nouri auf der Pressekonferenz Zuversicht zu verbreiten. „Das war eine unglückliche Situation, wir haben Nachrichten, dass es doch nicht so schlimm ist. Wir müssen abwarten.“

Sollte Cunha ausfallen, wäre das ein Rückschlag für die Mannschaft, die am Sonnabend (15.30 Uhr/Sky) bei der TSG 1899 Hoffenheim zum ersten Geisterspiel in der Hertha-Geschichte antreten muss. Wegen des Coronavirus findet das geplante Duell beim Tabellenneunten der Liga ohne Zuschauer statt. Doch im Moment ist nichts sicher. Herthas Manager Michael Preetz sagte: „Stand heute ist es, dass der Spieltag in allen Stadien ohne Zuschauer über die Bühne gebracht wird.“ Der Verein stehe in enger Verbindung zur Deutschen Fußball-Liga (DFL) und den Gesundheitsbehörden. Preetz: „Die Entwicklung ist schnell und dynamisch – von Tag zu Tag.“

Hertha kann Geisterspiel nicht simulieren

Die Mannschaft versucht sich in der angespannten Lage so normal es irgendwie geht, auf das Duell in einem leeren Stadion vorzubereiten. „Das können wir aber nicht simulieren“, sagte Trainer Nouri, „jeder Spieler wird anders mit der ungewöhnlichen Situation umgehen.“

Fakt ist, dass auch das Berliner Derby am 21. März im Olympiastadion unter Ausschluss der Öffentlichkeit gespielt werden soll und auch das Heimspiel der Hertha gegen den FC Augsburg. Dass gerade das mit 75 000 Zuschauern ausverkaufte Derby gegen Union ohne Fans stattfinden muss, trifft Hertha hart. Preetz, der versuchte, Ruhe und Sachlichkeit zu verbreiten, sagte: „Das ist das größte Spiel der Saison für uns.“ Das Geisterspiel treffe den Verein finanziell auf mehreren Ebenen. „Es geht dabei nicht nur ums Stadion und Zuschauereinnahmen, sondern auch um Dienstleister und Zulieferer. Es wird eine große Herausforderung sein, mit der wir uns aktuell befassen müssen.“

Derzeit scheint wegen der Corona-Krise vieles möglich: Die Verlegung von Spieltagen und sogar die Aussetzung der Saison. Preetz: „Wir stehen noch nicht am Ende der Entwicklung. Wir dürfen nicht in Hysterie verfallen, aber an erster Stelle steht die Gesundheit für uns alle.“

Ete Beer erinnert sich

Zwar haben die   aktuellen Profis keine Erfahrung mit Geisterspielen, aber Bundesligaspiele vor ganz kleinen Kulissen haben   Hertha-Spieler   in der Vergangenheit erlebt. „Ja, ich kann mich genau erinnern“, sagte Klub-Idol Erich Beer, 73, der in München lebt: „Das war 1971 gegen den VfL Bochum im fast leeren Olympiastadion.“ Am 11. Dezember 1971 unterlag Hertha   mit 1:2 und lediglich 5 821 Zuschauer waren dabei. Das ist die bislang geringste Zuschauerzahl bei einem Erstligaspiel der Hertha im Olympiastadion. Beer: „Ich war neu bei Hertha. Es war die erste Spielzeit nach dem Bundesligaskandal, in dem ja auch ein Dutzend Hertha-Profis verwickelt waren. Die Berliner Fans verziehen das Annehmen von Bestechungsgeldern nicht und der Zuschauerschnitt fiel rapide ab. Vor so wenigen Leuten zu spielen, war ein ganz blödes Gefühl.“ Beer wollte in der kommenden Woche zum Derby   nach Berlin reisen, „mit der ganzen Familie, mit zehn Leuten. Nun bin ich natürlich traurig, aber die Gesundheit geht vor.“

Vor noch weniger Zuschauern musste Hertha einst in der Zweiten Liga antreten. Am 20. November 1985 sahen 1 377 Fans ein 1:1 zwischen Hertha und Viktoria Aschaffenburg – allerdings im Mommsenstadion. Herthas Torschütze war Heikko Glöde. Der 58-jährige erinnert sich genau: „Es lag Schnee und der Boden war gefroren. Man hörte jeden Zuruf im Stadion. Das hat null Spaß gemacht.“ Mit Blick auf die aktuellen Profis sagt Glöde, der eine Physiotherapiepraxis nahe dem Olympiastadion betreibt: „Die müssen versuchen, sich selbst zu motivieren in einem leeren Stadion. Es geht ja um sehr wichtige Punkte.“ Das betonte auch Interimstrainer Alexander Nouri: „Jeder Profi muss vor allem mental vorbereitet sein.“ Wie das genau gehen soll, sagte er nicht.