Helmut Friberg widmet einen Großteil seiner Freizet Hertha BSC.
Foto: Goessinger

BerlinKeine Blumen, keine Urkunde und ganz sicher keine Prämie. Am Sonnabend erwartet Helmut Friberg nur ein „kleines Essen“ mit seiner Lebensgefährtin Daniela und ein paar Freunden. Mit dem Auto geht es zuvor nach Wolfsburg. Der 63-Jährige wird seine Hertha im Duell gegen den VfL Wolfsburg unterstützen. Er wird im engen Gästeblock stehen, über vergebene Torchancen schimpfen und vielleicht auch ausgelassen über Berliner Tore jubeln. So wie immer seit Anfang der Siebzigerjahre! Friberg feiert ein seltenes Jubiläum: Es wird sein 700. Auswärtsspiel sein, zu dem er Hertha begleitet.

Ganz ehrlich: Ich bewundere solche Fußballfans, die alle 14 Tage auf Tour gehen. Sie drängeln sich in überfüllte Züge. Sie liefern sich Wortgefechte mit betrunkenen Anhängern anderer Vereine und ab und an gibt es Rangeleien mit der örtlichen Polizei. Sie feiern heftig nach Siegen und ärgern sich tagelang nach Niederlagen. Sie leben für ihren Verein.

Hoffnung auf einen Hertha-Erfolg

Friberg sagt nun, er fährt mit dem gleichen Bauchgefühl wie immer nach Wolfsburg: „Mit Hoffnung auf einen Erfolg. Aber ich weiß auch, dass dies als Hertha-Fan in den zurückliegenden Jahren oft ein eher seltenes Erlebnis war.“ Ist er stolz auf sein 700. Spiel in einem fremden Stadion? „Naja, ich freue mich auf das Jubiläum, hätte mir das aber nicht unbedingt in der Provinz gewünscht.“ Da kommt die Berliner Schnauze zum Vorschein. „Meine Daniela konnte ihr 200. Auswärtsspiel mit Hertha mit mir gemeinsam bei einem Europa-League-Spiel in Bilbao feiern. Das war schon ein toller Rahmen.“

Seine Liebe zu Hertha begann 1971. Friberg, der damals in der Nähe von Viersen lebte, sah die Berliner live bei einer 0:4-Niederlage auf dem Bökelberg bei Borussia Mönchengladbach. „Ich fand Hertha sympathisch, warum auch immer.“ Hatte er etwa Mitleid mit den Verlierern? Seit 1979 besitzt er eine Dauerkarte im Olympiastadion und 1984 gehörte der kräftige Mann zu den Mitbegründern des „Anhängerclubs Oberring“.

Bauchgefühl: Klinsmann sollte länger bleiben

Ich habe Donato Melillo, den Chef der Fanbetreuung, zu Friberg befragt. Melillo sagt: „700 Auswärtsspiele – das ist der Hammer!“ Man brauche solch treue Fans unbedingt, so Melillo. Im Moment gibt es 358 offizielle Fanclubs bei Hertha (OFC) mit 9 400 Mitgliedern. „Diese Szene wächst ständig, aber langsam“, sagt der oberste Fanbeauftragte. Knapp über 2 000 Fans begleiten das Team im Schnitt zu den Auftritten in der Fremde. Helmut Friberg ist beinahe immer dabei. Es gibt wohl ein, zwei Fans, die noch mehr Auswärtsspiele erlebten, aber Friberg ist der Einzige, der alle Duelle akribisch aufgelistet hat. Was treibt einen Mann wie Friberg an, sich dem Stress dieser Auswärtstouren anzutun? „Das ist vor allem das Gemeinschaftsgefühl“, kommt als Antwort, „sich auswärts gegen die Übermacht der heimischen Fans zu behaupten, bringt Adrenalin.“

Foto: Berliner Zeitung 
Hertha-Kenner

Michael Jahn begleitet seit mehr als zwei Jahrzehnten den Berliner Fußball-Bundesligisten Hertha BSC. Immer mittwochs gibt er in dieser Kolumne seine Expertise zu der Mannschaft, dem Klub und seinem Umfeld ab.

Es fällt Friberg schwer, aus beinahe 50 Jahren Fan-Dasein einen Höhepunkt im fremden Stadion herauszupicken. Doch es gibt ihn: das 2:2 in der Champions League 1999 bei Galatasaray Istanbul. Er sagt: „Ich war voller Stolz, das war ein Hochgefühl.“

Er würde die Königsklasse liebend gern noch einmal erleben. Dazu passen immerhin die Visionen von Trainer Jürgen Klinsmann sehr gut. Ob das vielleicht in seinem 750. Auswärtsspiel tatsächlich Realität werden kann? „Mir wäre es lieb, wenn Klinsmann als Trainer noch ein Jahr anhängen würde“, sagt Friberg. Er hat da so ein Bauchgefühl.