Schladming - Es gibt Eis für alle − und ausgerechnet Ronny kommt als Letzter ans Buffet? Das war vor etwa drei Jahren im Trainingslager. Jeder durfte sich eine Kugel nehmen, vielleicht auch zwei, vielleicht auch mehr, wenn kein Ernährungsberater mehr hinschauen würde. Dass da also etwas nicht stimmen konnte, hätte damals schon Ronnys Mitspielern auffallen müssen. Es fiel aber erst seinem Trainer auf, nachdem die Fahrstuhltür aufgegangen war und Ronny zufällig vor ihm stand. Er stand da mit einem tief beladenen Teller in der Hand. Mit ein paar Kugeln mehr als die anderen. Ach, Ronny!

Ronny ist ein Fußballer, in dem zu viele zu vieles gesehen haben. Mehr als er selbst jedenfalls. Betreuer, Journalisten, sogenannte Freunde, die Fans. Sie haben gesehen, dass Ronny eine große Karriere vor sich hat. Dass er bei einem berühmten Klub in Europa spielt, Millionen verdient, Titel gewinnt, schnelle Autos fährt, mit schönen Frauen um die Häuser zieht – Klischees, die der Wirklichkeit so nahe kommen können. Oder dass dieser Ronny es wenigstens schafft, der beste Spieler bei Hertha BSC zu werden. Das Talent dazu hat er. Aber hat eigentlich jemand auch mal Ronny gefragt, was er erreichen will? Außer gut und gerne essen?

Die Sache mit dem Eis ist so ähnlich wie die mit dem Burger. Doch auch diese Extraportion blieb nicht geheim. Jeder, der morgens an Ronnys Tür vorbeikam, konnte den achtlos im Hotelflur geparkten Teller sehen und damit auch, was er sich abends noch aufs Zimmer bestellt hatte. Zu erkennen an den Essensresten. Ketchupschlieren und ein halbes Salatblatt? Muss Burger mit Pommes gewesen sein.

Markus Babbel, Ronnys erster Trainer in Berlin, sagte nach seinen ersten Eindrücken: „Seinem Körper war nicht anzusehen, dass er Profifußballer ist.“ Ronny trug Zahnspange, Bauch und zehn Kilo zu viel, seine Oberschenkel umfingen jeweils vier Waden. Hertha hatte ihn vor allem geholt, um Bruder Raffael im Verein und bei Laune zu halten. Den eher fragwürdigen Ruf, der schnellste Schütze der Welt zu sein, gab es dazu. Und was war das für eine Sensation, als Ronnys Vater erklärte, dass sein Sohn eine besondere Dreizehentechnik anwendet, um Bälle auf über zweihundert Sachen zu beschleunigen. Ach, Ronny!

Viele sehen heute vieles anders. Ronny, der Freistoßschmied, der Bälle durch Mauern und in Winkel hämmernde Brasilianer, der Aufstiegsheld, Publikumsliebling, Kindermagnet – er muss jetzt wieder weg aus Berlin. Hertha hat genug. Sie mögen ihn zwar. Aber nach fünf Jahren haben sie die Geduld verloren. Spätestens Ende August könnte alles vorbei sein. Solange steht das Transferfenster noch auf Kippe.

Im Verein sagt das niemand offen. Man weiß aber, was Manager Michael Preetz und Trainer Pal Dardai denken: Ronny bekommt zu viel Lohn für zu wenig Leistung. Er mag mit Talent und Technik beschlagen sein, aber er ist halt zu faul, zu langsam, zu verspielt. Er gefährdet das System, das bei Hertha aus Einsatz, Ordnung und Disziplin besteht.

„Hau doch endlich ab!“

Taktik ist für Ronny ein Korsett, das ihm die Lust abschnürt. Und Training ist ihm oft eine Qual, besonders in der Vorbereitung. In Schladming kann man beobachten, wie Ronny den kleinsten Radius wählt, wenn alle große Runden laufen. Wie seine Knie und Ellenbogen durchhängen, wenn alle ihre Beine und Arme strecken. Und als Ronny einmal einen zu steilen Pass ersprintet und eine Flanke mit direkter Torfolge hereinkratzt, macht er diese fingerwirbelnde Geste, die Fußballer machen, wenn sie ausgewechselt werden wollen. Das ist lustig und ernst gemeint. Ach, Ronny!

Auch die Fans haben erkannt, dass Ronny keiner für die Zukunft ist. Er wird wohl als der beste Zweitligaspieler in die Vereinsgeschichte eingehen. In der Ersten Liga wirkt er wie ein Zeitreisender, den die Fußballneunziger in der Gegenwart ausgespuckt haben. Die Fans schreien ihm jetzt immer lauter entgegen: „Hau doch endlich ab! Du Idiot! Ich kann dich nicht mehr sehen!“ Das und noch viel Schlimmeres hat Ronny oft gehört in den vergangenen Monaten. Er muss es doch gehört haben, oder?

Ein Interview mit Ronny zu führen, ist auch nach fünf Jahren nicht einfach. Selbst mit einem Übersetzer schafft man es kaum, in seine Gedanken vorzudringen. Wie tief diese gehen, hat noch niemand seriös ausgelotet. Über Ronny heißt es, dass er ein netter, witziger, umgänglicher, religiöser und immer freundlicher Mensch ist, manchmal kindisch, manchmal schlitzohrig, aber auf keinen Fall so extrovertiert und feierwütig wie einige der anderen dreizehn Brasilianer, die vor ihm bei Hertha gespielt haben. Und es heißt: Vielleicht hat Ronny eben nur dieses eine und kein zweites Talent mehr fürs Leben bekommen.

Ohne Übersetzer muss man hoffen, dass Ronny Lust hat, ein paar Halbsätze Deutsch zu sprechen, obwohl er in der Lage ist, ganze zu bilden. Das bestätigt sein Dolmetscher aus der Ferne. Und das weiß auch sein Berater, der sich um Ronny wie ein Vater kümmert. Doch so funktioniert nun mal der Trick, das Versteckspiel, Ronnys Abwehrmechanismus. Hat er erst verstanden, dass eine Frage ungemütlich werden könnte, versteht er plötzlich nichts mehr. Eben hat er noch sinngemäß gesagt, wie wichtig ihm die Fans sind. Anschließend sagt er: „Ich nicht verstehen die Frage.“ Die Frage, ob es ihm nicht wehtut, dass er nicht mehr beklatscht, sondern nur noch beschimpft wird. Hört er das wirklich nicht? Schulterzucken.

Es gibt ein Bild aus der letzten Saison. Ronny sitzt wie so oft auf der Ersatzbank, ganz außen, allein, es ist Halbzeit. Die anderen passen sich die Bälle zu, sie hoffen auf ihren Einsatz. Ronny ist eingepackt in eine dicke Jacke und schaut in die Kamera wie ein Kind, dem man das liebste Spielzeug weggenommen hat. Da ist keine Hoffnung mehr. Man kann auch ohne Tränen weinen. „Ich bin traurig, wenn ich nicht spiele“, sagt Ronny, während er sich dieses Bild anschaut. „Tut weh.“ Weh – das Wort kannte er eben noch nicht. Ach, Ronny!

Verletzen verboten

Und dann gibt es noch ein anderes Bild, aufgenommen vor knapp drei Wochen in Bad Saarow, nach dem ersten Trainingslager. Die Woche war hart, fast vierzig Grad, und dann ständig diese Läufe über die Platzlänge, die Ronny kaum abkürzen konnte. Als er am zweiten und dritten Tag fehlte, wegen einer leichten Muskelzerrung, witzelten die Fans und selbst Pal Dardai meinte: „War wohl zu hart für Ronny.“ Nicht mal er nimmt ihn noch ernst. Ronny soll sich nicht verletzen, das ist das Wichtigste. Hertha will noch drei Millionen Euro für ihn. Je länger Ronny bleibt, desto weniger Zeit bleibt, neue Spieler zu verpflichten.

Am Abreisetag aus Bad Saarow entstand noch ein Foto: Die ganze Mannschaft, der Trainerstab, jeder Eiswürfelträger und die Belegschaft des Teamhotels stehen in einer Reihe. Man lächelt, man winkt, und links am Bildrand, mit einem Meter Abstand ist Ronny zu sehen. Er lächelt nicht, er winkt nicht, er hat einen Rollkoffer in der Hand, als Einziger. Anschließend verlässt er die Hotelterrasse und schlurft noch mal ins Restaurant, wo die Mannschaft zu Mittag gegessen hat. Nach ein paar Minuten kommt er zurück in die Lobby – mit einem Teller in der Hand. Er drückt den Fahrstuhlknopf, Fahrstuhl kommt, Tür auf, Tür zu, Ronny weg. Sekunden später öffnet sich eine zweite Tür. Heraus kommt Dardai. Er hat nicht gesehen, dass einer seiner Spieler Wassermelone geladen hatte. Ach, Ronny! (mit Michael Jahn)