Ganz ehrlich, ich habe Bauchschmerzen, wenn ich an das DFB-Pokalspiel der Hertha am kommenden Sonntag denke. Jahn Regensburg, der Gegner, steht an der Spitze der 3. Liga und hat bislang drei Siege und ein Remis erzielt. Und das als Aufsteiger! Ein Erfolgserlebnis reihte sich an das nächste. Regensburg wird mit mächtig breiter Brust ins Pokalspiel gehen, während Hertha zuletzt nur Misserfolge erlebte und nicht weiß, wo man leistungsmäßig tatsächlich steht. Schwache Testspiele (0:3 in Alkmaar) oder eher mittelmäßige Duelle (1:4 gegen Neapel) und das Aus in der Europa League haben Spuren hinterlassen und ergeben ein kompliziertes Stimmungsbild.

Regensburgs Trainer Heiko Herrlich ist dagegen im Moment obenauf. Mir fiel spontan ein: Der einstige Torschützenkönig der Bundesliga (1994/95: 20 Treffer) war auch einmal von Hertha BSC heftig umworben worden. 1998 wollte ihn Manager Dieter Hoeneß nach Berlin locken. Eine Ablösesumme von 5,8 bis 6 Millionen Mark stand im Raum. Die Verhandlungen waren weit vorangekommen, aber Herrlich, damals bei Borussia Dortmund unter Vertrag, entschied sich gegen einen Wechsel.

Die Lage ist eher bescheiden

Nun also das Wiedersehen mit der Hertha. Aufbruchstimmung beim Bundesligisten ist im Moment beim besten Willen nicht zu erkennen, man muss die Lage eher mit „bescheiden“ umschreiben. Das Verfehlen des ersten Saisonziels – Erreichen der Gruppenphase der Europa League – war ein tiefer Einschnitt. Lange hatte man mit Erfolg um die Rückkehr nach Europa gekämpft und leider alles sehr schnell verspielt.

Vor allem der schwache Auftritt beim 1:3 in Kopenhagen gegen Bröndby warf viele Fragen auf, als die Mannschaft alle drei Gegentreffer mehr oder weniger selbst verschuldet hatte und dem Gegner das Toreschießen leicht machte. Ich konnte manchmal kaum noch hinschauen.

"Ganze Kerle" gesucht

Trainer Pal Dardai hatte sich die Vorbereitung auf die Saison sicher anders vorgestellt. Der Ungar wollte liebend gern vielleicht vier neue Profis, die vor allem mehr Tempo, mehr Wucht in der Offensive bringen. Er suchte schnelle Leute mit Charakter – vor allem „ganze Kerle“. Ein Anforderungsprofil, das nicht ganz einfach zu erfüllen ist. Doch der wieder einmal schmale Geldbeutel von Hertha lässt auf dem Transfermarkt keine großen Sprünge zu. So forciert der Trainer eben zwangsläufig den Konkurrenzkampf innerhalb seines Aufgebots und ist damit bislang nicht zufrieden. Hinzu kommt die zu lasche Einstellung  einiger Stammkräfte wie Mitchell Weiser oder Kapitän Fabian Lustenberger, die deshalb beide in den Fokus des Trainers geraten waren. Dardai hatte sowieso in der Analyse der zurückliegenden Saison erkannt, dass er seine Profis wieder härter anfassen müsse. Das tut er nun.

Rune Jarstein im Tor

Eine wichtige Entscheidung in Sachen Personal hat er jetzt getroffen. Der Norweger Rune Jarstein geht als Nummer eins im Tor in die neue Spielzeit. Thomas Kraft muss sich erst einmal anstellen, fit halten und Jarstein im Training zu großen Leistungen treiben. Ich finde diese Entscheidung völlig richtig, weil sich der Norweger die Nummer eins mit seinen Auftritten 2015/16 verdient hat. Seit 1963 hat Hertha BSC in der Ersten Bundesliga 25 Keeper eingesetzt. Neun von ihnen brachten es sogar zu Länderspiel-Ehren. Das sind:

Jarstein befindet sich also in prominenter Gesellschaft. Ob die Protagonisten von heute – eben Jarstein und Kraft – wissen, dass Hertha einst die Rotation bei den Torhütern einführte? Ich glaube nicht. Es war Trainer Helmut „Fiffi“ Kronsbein, der 1968 die beiden nahezu gleichwertigen Hertha-Torhüter Volkmar Groß und Gernot Fraydl rotieren ließ – jeweils nach zwei Spielen. Neid zwischen den beiden Ballfängern soll nicht aufgekommen sein. Heute leisten sich ja Trainer von Spitzenklubs wie der FC Barcelona eine besondere Torhüterrotation, setzten einen Keeper nur in der Meisterschaft ein, den anderen in Pokalspielen und Europacup-Duellen.

Dem Deutschen Marc-Andre ter-Stegen in Diensten der Katalanen passt diese Art des Einsatzes allerdings nicht. Er drohte schon mit seinem Abschied, ist aber im Moment verletzt.

Pal Dardai denkt meines Wissens nicht an solch einen Torhüterwechsel. Jarstein ist die offizielle Nummer eins und wird dies bei guten Leistungen und ohne Verletzungen auch sicherlich bleiben. Am Sonntag beim schweren Pokalduell in Regensburg wird er im Kasten stehen und hoffentlich nicht hinter sich greifen müssen.

Darauf ein Torhüterfreundliches Ha-Ho-He!