Der Nächste, bitte! Hertha BSC hat Daishawn Redan verpflichtet. Der 18-jährige Nachwuchstürmer kommt vom FC Chelsea nach Berlin und soll einen Vertrag bis 2024 unterschrieben haben. Als Ablöse für den niederländischen U19-Nationalspieler stehen drei bis fünf Millionen Euro im Raum. Er besaß beim Europa-League-Sieger einen Vertrag bis 2021, hat aber noch keinen Profieinsatz vorzuweisen. „Daishawn ist schnell, laufstark und passt perfekt in unser Anforderungsprofil“, sagte Hertha-Manager Michael Preetz.

Wegen dieser Qualitäten, so ist aus England zu hören, hätte der neue starke Mann an der Stamford Bridge, Klub-Legende und Trainer Frank Lampard, Redan gerne behalten. Der Spieler selbst soll aufgrund der utopisch wirkenden Aussicht auf Spielzeit im Starensemble des FC Chelsea seinen Wechsel forciert haben. Redan ist nicht der erste Nachwuchsspieler, den es von der Insel nach Deutschland zieht. Englands Top-Talente werden immer ungeduldiger – und sehen die Bundesliga für ihren schnellen Durchbruch immer häufiger als perfektes Karriere-Sprungbrett.

Sancho löst Insel-Flucht aus

Das liegt vor allem an Jadon Sancho, 19, der nach einem Jahr Eingewöhnungszeit bei Borussia Dortmund in der vergangenen Spielzeit mit einer Mischung aus Kreativität, rasantem Tempo und enormer Effektivität in nur einer Saison zu einem der begehrtesten Spieler Europas avancierte – und mit einem kolportierten Marktwert von 100 Millionen Euro der teuerste Teenager der Welt und wertvollste Bundesligaprofi ist.

Beim BVB, der 2017 Manchester City knapp acht Millionen Euro für Sancho überwies, rechnen sie spätestens im nächsten Sommer damit, dass große englische Klubs einen dreistelligen Millionen-Betrag bieten werden, um den neuen Hoffnungsträger einer Fußballnation, die seit 1966 nach einem großen Titel strebt, wieder nach Hause zu holen.

Sanchos Werdegang im Ruhrpott löste eine regelrechte Insel-Flucht aus. Während England-Exporte wie Stewart Woodcock, Kevin Keegen oder Owen Hargreaves Jahrzehnte lang kaum Nachahmer fanden , folgten auf Sancho innerhalb nur eines Jahres Reece Oxford (18, Gladbach), Ryan Kent (20, Freiburg), Kaylen Hinds (19, Wolfsburg), Reiss Nelson (19, TSG Hoffenheim) und Rabbi Matondo (18, Schalke 04). Eine Entwicklung, die die englische Boulevard-Zeitung The Sun als „Mega-Raubzug“ brandmarkte.

Die Top-Talente selbst zu Top-Spielern zu formen, wird für die von Unternehmern, Oligrachen und Scheichs dominierten Premier-League-Vereine mit ihrem aufgepumpten Kadern immer schwieriger. „Durch die dortige Finanzkraft wird öfters eher noch mal ein Etablierter geholt, die Durchlässigkeit ist da nicht so gegeben“, erklärte Borussia Dortmunds Manager Michael Zorc den Fluch des Geldes.

Dass sich so viele vielversprechende Kicker in den Akademien der Premier-League-Klubs tummeln, liegt an zahlreichen Tiefschlägen, die stolze Fußballnation bei großen Turnieren hinnehmen musste – und den daraus gezogenen Konsequenzen. In den Nachwuchsleistungszentren wird mittlerweile hervorragende Arbeit geleistet. Das zeigen etliche Erfolge der englischen Junioren-Nationalmannschaften.

Bundestrainer Joachim Löw lobte zuletzt vor dem Finale der U21-Europameisterschaft den deutschen Nachwuchs unter Leitung von Coach Stefan Kuntz, meinte aber zugleich, dass die nachfolgenden DFB-Jahrgänge lange nicht mehr derart viele gute oder gar außergewöhnlichen Talente aufweisen würden.

Davon, dass die Hochbegabten in England den deutschen Perspektivspielern einen Schritt voraus und die Premier-League-Kader aufgebläht sind, profitierte auch bereits Hertha. Vor zwei Jahren fand Abwehrmann Karim Rekik aus der Akademie von Manchester City über den Umweg Olympique Marseille zu den Berlinern. Im vergangenen Sommer wilderte Preetz direkt in der Arbeiterstadt, lotste den mittlerweile 21-jährigen Flügelstürmer Javairo Dilrosun an die Spree. Mit besten Erfahrungen. Dilrosun, für den Hertha lediglich eine Ausbildungsentschädigung von 230 000 Euro zahlte, begeisterte phasenweise mit fulminanten Antritten und einer gewissen Kaltschnäuzigkeit vor dem Tor. Und steigerte seinen Marktwert innerhalb eines blau-weißen Jahres von einer auf zwölf Millionen Euro.

Eine Rendite, die sich Preetz auch von Redan verspricht. „Er hat großes Entwicklungspotenzial, und wir sichern uns mit Blick auf sein Alter alle zukünftigen Chancen auf dem Transfermarkt.“

Auf Patrick Kluiverts Spuren

Der bullige Angreifer weist eine gewisse Ähnlichkeit mit Patrick Kluivert auf, der mit 21 Jahren Amsterdam verließ und eine Weltkarriere startete. Wie der einstige Topstürmer hat auch Redan einen ausgeprägten Torinstinkt. In der Premier League 2 und der Uefa Youth League traf er in 42 Spielen 19-mal, in den Junioren-Nationalmannschaften der Niederländer erzielte er in insgesamt 51 Partien 42 Treffer.

Die ausufernden Summen für Teenager ohne Profieinsatz sind auch der Kommerzialisierung des Fußballs geschuldet. Gleichzeitig schwingt bei vielen Klubs die Hoffnung mit, nach Sanchos Vorbild in Dortmund das nächste große Ding zu landen. So planen die Herthaner, Redan auch nicht direkt für das Bundesligateam von Ante Covic ein. Der Angreifer, wie Dilrosun in der berühmten Talentschmiede von Ajax Amsterdam ausgebildet, solle zwar mit den Profis trainieren, zunächst aber bei der U23 in der Regionalliga Spielpraxis sammeln. Redan ist – angesichts der auslaufenden Verträge der Oldie-Stürmer Vedad Ibisevic, noch 34, und Salomon Kalou, noch 33, eine Investition in die Zukunft.