Herthas Stürmer Vedad Ibisevic trifft im Geisterderby gegen den 1. FC Union im entleerten Olympiastadion.
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BerlinKnut Beyer, 58, eingefleischter Hertha-Anhänger seit 50 Jahren (ja, tatsächlich!), hat sich am zurückliegenden Wochenende ein, zwei Biere gegönnt. Die Bruno-Labbadia-Hertha besiegte ja nach einer geschlossenen Mannschaftsleistung mit den herausragenden Individualisten Matheus Cunha und Krysztof Piatek den Favoriten Bayer Leverkusen 2:0. Das Team machte dem 1. FC Union deutlich, wer die Nummer eins in der Stadt ist. „Diese wichtige Frage ist nun absolut entschieden“, freute sich Beyer bei unserem Telefonat.

Die ewige Diskussion um die Stadtmeisterschaft war vor dem 33. Spieltag in beiden Fanlagern noch einmal aufgeflammt. Beide Teams lagen punktgleich in der Tabelle, bei nur vier Toren Vorsprung für Hertha. Es gab Stimmen aus Köpenick: Wer am Ende der Saison in der Tabelle vor dem Konkurrenten ankommt, ist der wahre Stadtmeister. Manch Unioner wollte am liebsten das 0:4 im zweiten Derby im leeren Olympiastadion verdrängen. Für Hertha geht es aber nicht nur um einen besseren Tabellenplatz als Union, es geht auch ums Prestige und das Seelenheil des Anhangs.

Die Offiziellen beider Klubs beteiligten sich dieses Mal nicht an der Diskussion. Unions Manager Oliver Ruhnert: „Das Thema ist wichtig für die Zuschauer.“ Herthas Michael Preetz freut sich „auf zwei richtige Derbys in der nächsten Saison – friedlich und mit Zuschauern“. Doch egal ist Preetz und seinen Trainern nicht, wer die Vorherrschaft in der Stadt besitzt. Vor Beginn der verrückten Spielzeit sagte Herthas Manager: „Es geht auch darum zu zeigen, dass Hertha der Hauptstadtklub ist, die Nummer eins in Berlin.“ 

Und was sagt Knut Beyer? „Am Sonnabend gegen 17.20 Uhr stehen wir vorn, auch wenn beide Mannschaften punktgleich sein sollten. Unser Torverhältnis – bislang plus zehn Treffer – können die Unioner nicht mehr einholen. Für mich haben bei der Stadtmeisterschaft sowieso nur die beiden direkten Duelle gezählt.“

Herthas Anhang kann sich freuen, sagt Beyer, „aber das Thema ist nun durch. Fakt ist, verloren haben in der Corona-Zeit vor allem wir Fans. Wir sind die Gelackmeierten, egal ob bei Hertha, Union oder anderswo.“ Die Distanz zur Mannschaft bei den Geisterspielen, das fehlende gemeinsame Stadionerlebnis, das sonst den Lebensrhythmus vieler Fans bestimmte, das ausgefallene kollektive Jubeln und Bangen zerrte gewaltig an den Nerven.

Beyer und seine Mitstreiter nutzten die gespenstische Zeit, um mit der Aktion „Hertha-Kneipe“ in Not geratenen Fan-Treffs zu helfen. An jedem Spieltag ohne Fans wurde virtuell Bier getrunken und der Betrag gespendet. Zehn Hertha-Kneipen profitierten und freuten sich über Einnahmen zwischen 1.800 und 3.000 Euro. Großartig!

Beyer, für mich ein „Herthaner des Jahres“, sieht Konzepte, künftig vor wenigen Zuschauern zu spielen, skeptisch. „20.000 Fans im Olympiastadion oder 6.000 an der Alten Försterei – wer will denn so etwas?“ Er überlegt nun, sich ein Kofferradio zu kaufen. „Ich habe die Bundesliga-Konferenz im Radio wieder entdeckt.“ Aber nun wird in einer der endlich wieder geöffneten Hertha-Kneipen erst einmal ein „echtes“ Bier getrunken, natürlich auch auf die Stadtmeisterschaft.