Frank Zander hatte sich sehr gefreut auf den Sonnabendnachmittag im Olympiastadion. Bei „seiner Hertha“, so der 76-Jährige Entertainer, sollte und wollte er die Vereinshymne „Nur nach Hause geh`n wir nicht“, die seit vielen Jahren Kult ist, live in der Arena vor der Ostkurve singen. Ein schöner Auftritt zum Auftakt der neuen Saison.

„Doch der Tag wurde zum Gefühlschaos, zum emotionalen Fahrstuhl für mich“, sagte er dieser Zeitung. Was war passiert? Gegen 7 Uhr am Sonnabendmorgen liefen die ersten Kurzmitteilungen auf dem Handy von Zander ein. Dutzende besorgte Fans fragten an, ob es denn tatsächlich stimme, dass die Hymne „Nur nach Hause“ ab sofort nicht mehr als Einlauflied bei Hertha in der Bundesliga gespielt werden solle? „Das war wie ein Lauffeuer“, sagt Zander, „ich war total überrascht von der geplanten Veränderung.“

Ankündigung per Mail

Am Freitag hatte Hertha BSC seine Vereinsmitglieder per Mail kurzfristig über Veränderungen im Stadionvorlauf informiert. Dabei hieß es unter anderem, dass der Song „Dickes B“ von Seeed ab sofort als Einlauflied gespielt würde. „Dickes B“ unterstreiche die Verbundenheit des Vereins zu Berlin. Man habe das Lied ausgewählt, mit dem sich jede Berlinerin und jeder Berliner identifizieren kann. „Nur nach Hause“ bliebe „selbstverständlich“ ein fester Bestandteil der Stadionshow, würde aber zeitlich nach vorne gezogen.

Es ist das gute Recht jeder Geschäftsführung eines Vereins, seine Abläufe im Stadion zu verändern, zu modernisieren. Das Gros der Hertha-Anhänger liebt die stimmungsvolle Hymne „Nur nach Hause“, die man sehr gut mitsingen kann. Aber es gibt auch Fans, die sie für überholt halten und Neuem gegenüber offen stehen. Der Protest der Ostkurve aber folgte prompt.

Bisher gab es eine Vereinbarung zwischen der Fanszene und der Hertha-Vereinsführung, dass die Viertelstunde vor Anpfiff ohne Beschallung im Stadion auskommen muss und die Fans sich stattdessen einsingen und bis zum Anpfiff ihre Zander-Hymne zelebrieren – stehend mit den ausgebreiteten Hertha-Schals . Den Ultra-Gruppen „Harlekins Berlin 98“ und „Hauptstadtmafia 2003“ wurde telefonisch mitgeteilt, dass dies nicht mehr in dieser Form möglich ist. Die Gruppen kündigten an, diesen Schritt nicht zu akzeptieren. Das sei ein „herber Einschnitt in das Stadionerlebnis aller Herthaner.“

Zander will Auftritt absagen

Am 31. März 1993 hatte Zander zum ersten Mal die Hymne live im Stadion vorgestellt und gespielt. Vor dem Halbfinale im DFB-Pokal zwischen den Hertha-Amateuren, den sogenannten „Bubis“, gegen den Chemnitzer FC hatte Hertha BSC den Sänger gebeten, extra ein Lied zu komponieren. Jahre später lag „Nur nach Hause“ bei Umfragen stets unter den Top 3 der beliebtesten Vereinshymnen der Bundesliga.

Am Vormittag trug sich Frank Zander kurzzeitig mit dem Gedanken, seinen Liveauftritt abzusagen und stattdessen demonstrativ in die Ostkurve zu gehen. Immer wenn er Spiele der Hertha besucht, pflegt er ein Ritual: Er marschiert 15 Minuten vor Anpfiff zu den Fans in die Kurve und singt dort gemeinsam die Hymne. Das lieben Fans und Zander gleichermaßen.

„Wir haben dann abgewogen und uns entschlossen, die Sache nicht eskalieren zu lassen und haben dem Auftritt unter veränderten Vorzeichen zugestimmt“, sagte Zander. Um 15.20 sang er also die Hymne live, „aber es war dieses Mal irgendwie komisch für mich“.

Als um 15.28 Uhr beim Einlaufen der beiden Mannschaften der neue Song „Dickes B“ ertönte und die Stadionregie alle Boxen auf äußerste Lautstärke gestellt hatte, sangen die Fans in der Ostkurve mit „Nur nach Hause“ dagegen an. Die Anhänger in den anderen Stadionbereichen verstanden angesichts des Lärms nichts. Bei Anpfiff gab es gellende Pfiffe.

Frank Zander sagt: „Dickes B ist ein geiler Song und Peter Fox ein sehr guter Sänger. Aber das ist keine Hymne und passt nicht als Einlauflied. Man sollte es zeitlich vor „Nur nach Hause“ spielen. Unsere Hymne ist doch wie ein Gebet.“ 

Frustbier nach dem Sieg

Nach dem 1:0-Sieg gegen Nürnberg trank Zander ein Frustbier im „Olympia-Eck“ nahe am Stadion. Die Fans feierten ihn („Wir stehen zu Dir“) und sangen fünfmal in Folge die Hymne. „Das war ein gutes Gefühl“, freute sich Zander.

Es bleiben viele Fragen nach dem völlig unnötigen Hymnen-Streit. Warum nutzte Hertha nicht die Sommerpause, um Fans und Mitglieder über geplante Veränderungen zu informieren oder deren Meinung einzuholen? Warum macht die Vereinsführung ein neues Problem mit dem Gros der Fans auf, mit dem wegen anderen Unstimmigkeiten aus der Vorsaison kein Dialog mehr besteht? Und warum geht man so unsensibel mit Frank Zander, Hertha-Ehrenmitglied seit 2006, um? Auf Antworten darf man gespannt sein.