Die Ausgangslage: Es ging an diesem ersten Spieltag der neuen Saison und in aller realistischen Bescheidenheit um die große Chance, Tabellenführer zu werden. Stand so jedenfalls auf den Plakaten, die Hertha BSC vor dem Auftritt gegen den VfB Stuttgart hat drucken und posten lassen. Zwei Voraussetzungen mussten dafür am Sonnabend im Olympiastadion erfüllt werden: Sieg und viele Tore. Zuletzt ist das übrigens vor vier Jahren dank eines rauschhaften 6:1 gegen Eintracht Frankfurt gelungen.

Das Ergebnis: Hat nicht ganz gereicht, um das erste inoffizielle Saisonziel zu erreichen. Bedingung eins wurde erfüllt. Die zweite nur halb. Am Ende stand es 2:0 (0:0) für Hertha.

Die erste Halbzeit: Ultras sind nicht nur, aber eben auch kreative Menschen mit einem Hang zur Symbolik. Also hing kurz vor dem Anpfiff ein riesiger Wimpel unter dem Stadiondach. Zwei Ränge hoch, breit wie die halbe Ostkurve, stand dort noch einmal die Botschaft dieses Berliner Fußballsommers: 125 Jahre Hertha BSC. Ein letztes Mal: Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!

Das war doch mal ein hübscher Einstieg ins Spiel, aber leider wurde es zunächst nicht hübscher. Nach zwölf Sekunden gab Vladimir einen ersten Fernschuss ab. Auch Alexander Esswein und Vedad Ibisevic versuchten es später jenseits des Sechzehnmeterraums. Diesseits passierte in der ersten Halbzeit wenig bis nichts. Für Trainer Pal Dardai, einen bekanntermaßen großen Freund der herausgespielten Torchance, waren die Angriffsbemühungen seiner Mannschaft sicherlich keine Freude.

Hertha dominierte zwar das Spiel, ließ den Ball immer wieder quer und zu selten steil laufen. Hätte der Schiedsrichter die Eckbälle (3:0) als Tore gezählt, hätte es vielleicht geklappt mit der Tabellenführung. Was fehlte war einer wie Davie Selke. Der von RB Leipzig verpflichtete Stürmer stand leider nicht im Kader, sondern mit einem dicken Plastikschuh auf der blauen Laufbahn und sagte in der Halbzeit, dass es ihm eigentlich gut geht. Wann er wieder spielen kann? „In ein paar Wochen.“

Die zweite Halbzeit: Warum steil getretene oder geworfene Bälle das Spiel unberechenbarer für den Gegner machen, zeigte Hertha nur dreißig Sekunden nach dem Wiederanpfiff: Mitchell Weiser führte einen Einwurf schnell aus, Ibisevic machte den Ball mit nur einem Kontakt noch schneller, und dann lief Matthew Leckie schon Richtung Tor, wo er den Ball einen Haken mit der Ecke geschlenzt unterbrachte - das 1:0. Das Spiel hatte sehnsüchtig nach einem Beschleuniger gesucht. Denn plötzlich gab es sie, die Torchancen im Minutentakt. Es waren dann aber die Stuttgarter, die dem Ausgleich näher waren.

Und jetzt noch mal zu Leckie. Der Australier kam im Sommer vom FC Ingolstadt, wo er nicht als Torjäger aufgefallen war. In der 62. Minute widerlegte er diesen Eindruck. Ein Eckball von Marvin Plattenhardt landete über Umwege vor seinem rechten Fuß und dann sofort im Tor - das 2:0. Das Personal auf der Berliner Auswechselbank sprang auf und lag sich in den Armen, als wäre das Spiel bereits gewonnen.

Der Stuttgarter Takuma Asamo war nah dran, die Berliner Siegesgewissheit zu zerstreuen. Doch er traf aus spitzem Winkel den Außenpfosten (74.). Und weil Anastasios Donis wenige Minuten Später das Außennetz traf, überstand Herthas Defensive die zwischenzeitliche Schlafmützigkeit zunächst ohne zählbare Folgeschäden. Bis Sebastian Langkamp ein Foul an der Strafraumgrenze beging und zum ersten Mal in Berliner Olympiastadion der Videobeweis zu Rate gezogen werden musste. War dann doch außerhalb, der Freistoß flog vorbei und fünf Minuten später war das Spiel aus.

Das Fazit: Hertha hat mit Hand und Fuß den Sieg eingeleitet und diesen später mit mal mehr, mal weniger klarem Köpfchen verwaltet. Bislang hatte Dardai behauptet, die vergangenen Wochen seien die bislang beste Vorbereitung in seiner Amtszeit gewesen. Man darf erst mal davon ausgehen, dass sie zumindest nicht schlecht war.