SCHLADMING - Drei Eistonnen stehen keine zwei Elfmeter entfernt, und um sich den Schwierigkeitsgrad dieser Fußballgolfeinlage besser vorstellen zu können, hier noch ein Satz zum Zielumfang: Mit seiner Problembärzone würde Herthinho wahrscheinlich früh am Eistonneneinstieg scheitern und womöglich fies stecken bleiben.

Jedenfalls nimmt Thomas Kraft jetzt zwei Schritte Anlauf, warnt einen Kameramann und mehrere Kollegen nur für den Fall, dass Fuß oder Wind den Ball zu weit streuen, und dann – knapp vorbei. Aber wirklich knapp! Und niemand ist zu Schaden gekommen. Kraft wird geherzt, trotz Fehlschuss, er lacht, er ist gut drauf am Mittwoch, am vierten Trainingslagertag in Schladming. Er hat ja Geburtstag, den 27. Herzlichen Glückwunsch!

Wer Kraft ein wenig kennt, der weiß, dass es kaum ein größeres Geburtstagsgeschenk geben kann, als ihn in einer Runde mit sieben Reportern zu platzieren. Daher auch der Plan, dem Stammtorwart von Hertha BSC im Voraus danke dafür zu sagen – mit einer Tafel Merci. Und der Plan geht zunächst auf. Kraft lächelt zu Beginn des Gesprächs. Aber dann erst wieder am Ende, als er schon gehen will und schließlich der Hinweis kommt, er dürfe doch bitte die Schokolade nicht vergessen.

Kraft ist ein Freund klarer Worte. Auf und neben dem Platz. Wenn ihm eine Frage nicht gefällt, dann sagt er, warum das so ist. Er benutzt dabei seine Hände, als würde er jedes Wort einzeln parieren. Er ist eigentlich ein klassischer Kapitänstyp, aber Trainer Pal Dardai bevorzugt einen Feldspieler im Amt.

Fragt man Kraft etwa nach dem Teamcharakter, antwortet er: „Es ist eine eher ruhige Mannschaft, die sicherlich manchmal lauter werden kann. Das heißt aber nicht, dass wir keine Typen haben. Es ist halt nicht jeder so, wie ich es bin.“ Und über die wiederkehrende Kritik an seinen Jobqualifikationen sagt er: „Was soll mich das alles interessieren? Zum Beispiel in der Welt des Internets, diese ganzen anonymen Typen, die irgendwo was schreiben. Ich muss damit umgehen, in meinem Job ist das normal. Ich muss das reduzieren können auf die Leute, die wichtig sind, das ist ein kleiner Kreis.“ Mehr muss man dazu nicht sagen. Es gibt ohnehin eine Neuigkeit, die das Gespräch in eine andere Richtung dreht.

Hertha wird nämlich gleich twittern: „Sascha Burchert auf dem Weg zu Valerenga Oslo zum Medizincheck wegen Ausleihe bis zum Winter!“ Es wäre nach John Heitinga, Marcel Ndjeng und Fabian Holland der vierte Spielerabschied.

Der Kader scheint noch groß genug zu sein, doch je näher man ihn heranzoomt, desto kleiner wird er. Es gibt Jugendspieler, die sich erst mal nur präsentieren, es gibt Ältere, die im Transferschaufenster stehen, und es gibt einige Verletzte. In Schladming trainingslagert nur ein echter Stürmer, Salomon Kalou, ein echter Innenverteidiger, Sebastian Langkamp, und zuletzt war es streng genommen nur ein Torwart, Thomas Kraft.

Ersatzkraft Nummer drei, Sascha Burchert, 25, gilt schon seit Ende der vergangenen Saison als Verkaufsobjekt, jetzt wird er wohl erst mal nur verliehen. Ersatzkraft Nummer zwei, Rune Jarstein, 30, der Norweger, der in Österreich eine Verletzungspause macht, soll sich ebenfalls zwei neue Pfosten suchen. Und Ersatzkraft Nummer eins, Marius Gersbeck, 20, plagte sich zuletzt mit Schmerzen herum, warf aber zur Stärkung einen Medizinball durch die Luft.

Die Nummer eins hat also keinen festen Ersatz. Ist das nicht ein Problem? Fehlt da nicht ein bisschen Erfahrung? Der Stammkraft sagt: „Die Jungen müssen Vertrauen spüren. Erfahrung ist gut, aber Erfahrung hält keine Bälle.“

Im ersten Trainingslager hatte Hertha noch fünf Torhüter dabei. Für Kraft einer zu viel. Zu unergiebig sei das. Neben den vier genannten, lernte auch Nils Körber, 18, was es heißt, Zsolt Petry als Übungsleiter zu haben. Der zuvor bei der TSG Hoffenheim beschäftigte Ungar ist neu bei Hertha und mit Pal Dardai verbandelt. Er hat Richard Golz abgelöst, den Dardais Vorgänger Jos Luhukay unbedingt haben wollte, um seine Torhüter fußballerisch fortzubilden. Über Golz, der erst via Zeitung erfuhr, dass man ihn nicht mehr braucht, heißt es im Verein, sein Training sei nicht zeitgemäß gewesen, zu statisch.

Dardai sagt über Petry: „Er soll nach neuen Methoden trainieren. Torhüter müssen sich jeden Tag verbessern. Dafür braucht man Spezialisten und Vertrauen.“ Kraft meint, das Training sei jetzt näher am Spiel. Wie sucht man die richtige Position? Und wo findet man sie? Wie kann ein Torwart weiter vorausschauen? Und wie verstärkt er sein visuelles Denken? Solche Dinge eben. Und alle positionsbezogen. Da ist Kraft tief drin in seinem Torwarttunnel, wenn er darüber spricht. Doch wenn man ihn da wieder rausholt und nach Golz fragt, nach den Unterschieden zu Petry, dann fährt er seine Hände aus, die jedes weitere Wort parieren.

Ist aber auch gut jetzt, Thomas Kraft hat ja Geburtstag, er muss später noch eine Runde schmeißen. „Kann sich jeder heute zur Genüge aussuchen, was er mag und auf mein Zimmer bestellen“, sagt er. Und zwischen seinen Mundwinkeln verläuft eine Linie, die kein Platzwart der Welt gerader ziehen könnte.