Wer ist hier der Boss? Die Mannschaft von Hertha BSC lauscht auf dem Trainingsplatz den Ausführungen von Trainer Alexander Nouri.
City Press/Mathias Renner

Berlin - Axel Kruse wählte drastische Worte: „Klinsi hat die Hierarchie zerhackt! Das geht gar nicht!“ Der ehemalige Kapitän des Fußball-Bundesligisten Hertha BSC ist bekannt für klare Aussagen. Als der 52-Jährige in den zurückliegenden Tagen Jürgen Klinsmann so kritisierte, stand er unter dem Eindruck der 1:3-Heimniederlage von Hertha gegen Mainz 05. In diesem Duell, das das letzte Spiel unter Klinsmanns Leitung werden sollte, hatte die Mannschaft eine äußerst schwache Leistung geboten. „Die haben nur mit dem Arsch gewackelt“, sagte Kruse im Podcast „Hauptstadtderby“ auf rbb24 salopp.

Jürgen Klinsmann, 55, hatte drei seiner insgesamt vier Kapitäne zu Beginn auf die Reservebank gesetzt: den Boss Vedad Ibisevic und in Per Skjelbred einen seiner Stellvertreter. Auch Marvin Plattenhardt nahm am Spielfeldrand Platz. Ihn hatte Klinsmann in zwei Spielen zuvor plötzlich zum Spielführer befördert, nun war er zum Zuschauen verurteilt. Nur der andere Vize-Kapitän, Niklas Stark, stand in der Abwehr, wurde aber nach dürftiger Leistung in der Pause ausgewechselt. Ibisevic durfte wenigstens die letzten 18 Minuten mittun.

Personelles Rein-und-Raus

Es verwunderte schon sehr, dass der ehemalige DFB-Bundestrainer so viele seiner eigentlich ersten Ansprechpartner im Team und in der Kabine außen vor ließ in einem wichtigen Duell im Kampf um den Klassenerhalt. Aber diese Aktion, dieses personelle Rein-und-Raus, passte zur Situation bei Hertha BSC in dieser Spielzeit, in der sich keine ordentliche Hierarchie entwickeln konnte und der Mangel an gestandenen Führungskräften deutlich wurde.

Schon Trainer Ante Covic wollte zu Saisonbeginn die Hackordnung in der Kabine neu ordnen. Er hatte zuerst Ibisevic, der von seinem Vorgänger Pal Dardai zum Kapitän bestimmt worden war, im Amt bestätigt und Niklas Stark zum Stellvertreter ernannt. Aber ausgerechnet Stark, der nach vielen kuriosen Absagen im November vorigen Jahres zu seinem ersten Länderspiel kam, unterliefen in den ersten Saisonspielen viele Fehler auf dem Platz. Eine große Stütze für Neu-Trainer Covic war er damals nicht.

Zudem funktionierte die angedachte sportlich starke Achse mit Rune Jarstein im Tor, Niklas Stark und Marko Grujic im Mittelfeld nicht. Auch Jarstein spielte zu unbeständig, und Grujic scheint nach dominanten Auftritten 2018/19 schon lange mit seinen Gedanken bei seinem Besitzerverein, dem FC Liverpool, zu sein. Man kann im Sommer von seiner Rückkehr auf die Insel ausgehen.

Erschwerend kam hinzu, auch für Klinsmann, der auf Covic folgte, dass drei Wortführer aus der Hertha-Kabine im Sommer den Verein verlassen werden oder auch schon früher: Per Skjelbred, Vedad Ibisevic und Salomon Kalou. In der Politik nennt man das „Lame Duck“

Später stimmten Klinsmanns öffentliche Äußerungen nicht mit der Realität überein. So betonte er: „Vedad ist der Leader unserer Gruppe!“ Gleichzeitig zog der Trainer die Konkurrenten Davie Selke und sogar Pascal Köpke dem erfahrenen Bosnier vor. Dennoch sagte Klinsmann: „Vedo ist der Chef in der Kabine. Seine Rolle und die von Kalou verändert sich in keinster Weise, wenn sie nicht spielen.“ Doch das ist Theorie. Zwei unzufriedene Alphatiere besitzen gehörigen Einfluss auf die Stimmung in einer ohnehin verunsicherten Mannschaft. Kalou sprach, als er aussortiert war, von „Respektlosigkeit“ gegenüber seiner Person.

Ohne Leitwölfe in der Kabine und auf dem Platz schwinden die Chancen auf Erfolg immens. Schaut man sich den Kader an, bleiben nicht viele Alternativen. Stark wurde oft degradiert, mal aufgestellt, mal auf die Bank gesetzt. Jarstein ist zu ruhig für einen Anführer-Job. Kalou blieb trotz seiner Beliebtheit bei Mitspielern und Fans ein Außenseiter, der immerhin in der Kabine oft für gute Laune sorgte. Im Moment bleibt vor allem der Belgier Dedryck Boyata im Fokus, um als neuer Anführer zu gelten. Der unumschränkte Abwehrchef ist er längst geworden. Klinsmann zerhackte auch mit einer anderen Maßnahme die Hierarchie und schuf Gräben. Im Trainingslager in Florida ließ er in zwei Gruppen üben – mit den Stammkräften und den vermeintlichen Reservisten.

Mit Alexander Nouri steht nun bereits der dritte Trainer in dieser Saison in der Verantwortung, was die Bildung einer klaren Hierarchie nochmals erschwert. Nouri hielt sich bei Nachfragen nach der „zerschossenen Hierarchie“ durch seinen ehemaligen Chef Klinsmann vornehm zurück. Das Klima in der Kabine sei sehr gut, sagte er. Wer aber ist im Moment sein erster Ansprechpartner im Team, das den Klassenerhalt noch nicht endgültig gesichert hat? „Hierarchien entwickeln sich auf dem Platz“, sagt Nouri allgemein, „da sieht man, wer Verantwortung übernehmen will. Ich will alle mitnehmen und keinen herausgreifen.“

Dabei weiß man bei Hertha aus der bewegten Geschichte, dass die Formel „klare Hierarchie mit Führungsspielern und eine funktionierende Team-Achse ist gleich Erfolg“ meist stimmt. Schon Berlins Kulttrainer Jürgen Röber, 66, der Hertha 1999 in die Champions League führte, konnte sich auf zahlreiche Führungsspieler verlassen, etwa auf Torwart Gabor Kiraly, Eyjölfur Sverrisson, Pal Dardai, Kjetil Rekdal, Marko Rehmer und natürlich auf Michael Preetz.

Und Falko Götz, 57, der Hertha 2004/05 als Trainer auf Platz vier der Liga führte, nennt auf Nachfrage spontan Arne Friedrich, Niko Kovac, Josip Simunic, Dick van Burik und Marko Pantelic als seine einstigen wichtigen Ansprechpartner. „Mit ihnen habe ich mich oft beraten. Die konnten auf dem Platz in schwierigen Situationen schnell reagieren.“ Und mit Marcelinho, der damals Spiele allein entscheiden konnte, habe er sich häufig unter vier Augen besprochen: „Der war ein Einzelkämpfer.“

Falko Götz sieht ein Problem

Falko Götz sieht im Moment noch ein anderes Problem: „Die meisten Bundesligisten besitzen einen sehr großen Kader, in dem sich Hierarchien nur schwer und langsamer entwickeln können.“

Der ehemalige Hertha-Profi und Nationalspieler Marko Rehmer, 47, sagt: „Hierarchien sind in vielen Bereichen wichtig – in Unternehmen wie im Fußball. Dass Klinsmann alle Kapitäne außen vor ließ, hat niemandem geholfen. Natürlich muss in erster Linie die Leistung bestimmen, wer aufgestellt wird, und nicht etwa das Alter oder alte Verdienste.“ Rehmer glaubt, dass schon einzelne starke Figuren viel Positives auslösen können in einer Mannschaft, und nennt als jüngstes Beispiel den sehr präsenten Emre Can bei Borussia Dortmund. Rehmer erinnert sich: „Zu meiner Zeit bei Hertha, Ende der 90er- und Anfang der 2000er-Jahre, besaßen wir sehr viele starke Persönlichkeiten. Wenn es nicht lief, gingen die vorneweg.“

Im Hertha-Jahrgang 2020 müssen sich solche Persönlichkeiten noch entwickeln. Ein Dedryck Boyata scheint auf dem besten Weg.