An diesem Sonnabend tritt Trainer Steffen Baumgart mit seinem SC Paderborn bei Hertha BSC an. Der ehemalige Union-Profi will trotz schlechter Bilanz an seinem offensiven Spielstil festhalten. Der hat ihm in der Bundesliga viele Freunde eingebracht.

Was haben Eric Cantona, Marco van Basten und Joachim Streich miteinander zu tun? Auf den ersten Blick wenig, außer der Tatsache, dass alle drei ehemaligen, berühmten Fußball-Profis begnadete und sehr erfolgreiche Stürmer waren. Auf den zweiten Blick ergibt sich eine  lockere Verbindung – zumindest für Steffen Baumgart, 47, den Cheftrainer des Bundesligisten SC Paderborn. Baumgart war auch ein torgefährlicher Mittelstürmer, der durch  Kampfgeist auffiel und in der Ersten Liga für den FC Hansa Rostock, den VfL Wolfsburg und Energie Cottbus viele Treffer erzielte. Für den 1. FC Union stürmte er in der Zweiten Liga.

Spieler wie Cantona, van Basten oder Streich haben ihm einst imponiert, sagt Baumgart, „weil sie geradlinige Typen waren, die auch mal aneckten, aber ihren Weg gegangen sind“. Waren es also Vorbilder für den gebürtigen Rostocker? „Nein“, sagt Baumgart, „Vorbilder hatte ich nicht. Man muss als Spieler und auch als Trainer seinen eigenen Stil finden.“

Baumgart gefällt Cantona

Wenn man sich die Vita von Baumgart anschaut, verwundert es nicht, dass ihm Profis wie Cantona gefielen.  Auch Baumgart gilt als geradlinig, als ein Mann, der  offen und ehrlich seine Meinung sagt und dabei nicht unbedingt auf Etikette achtet. Er ist ein Mann, der nicht mit dem Mainstream schwimmt. So war er als Spieler und so ist er auch als Trainer: immer authentisch.

Am Sonnabend kommt Baumgart mit dem  SC Paderborn ins Olympiastadion (15.30 Uhr). Es ist das Duell des Tabellenletzten Hertha BSC gegen den Vorletzten Paderborn. „Ich kenne natürlich Ante Covic gut“, sagt Baumgart, „wir sind beide neue Trainer in der Liga. Vor der Saison habe ich ihm viel Glück gewünscht. Aber jetzt interessiert mich die Hertha nicht. Ich kümmere mich um meine eigene Mannschaft.“

Baumgart hat viele Bewunderer in der Liga, weil er offensiven, attraktiven Fußball spielen lässt. „Wir spielen so seit zweieinhalb Jahren, wollen das auch in der Ersten Liga tun, aber wir müssen auch eine Menge lernen, vor allem in der Defensive“, sagt er.  Einen  Punkt hat das Team bislang geholt, beim 1:1 in Wolfsburg. Zuletzt ging Paderborn zu Hause  beim 1:5 gegen Schalke 04 unter, Baumgart sagte hinterher: „Man darf nicht vergessen, dass Schalke eines seiner besten Spiele seit Jahren gezeigt hat.“

Die Erfolgsstory des Trainers Baumgart, der seinen Wohnsitz in Berlin hat und dessen Frau Katja den Fanshop des  1. FC Union leitet, begann im April 2017.  Seitdem pendelt er zwischen Berlin und Paderborn. Zuvor arbeitete er aber  beim Regionalligisten Berliner AK, schaffte  2016  den zweiten Platz, punktgleich mit dem FSV Zwickau, aber mit einem Treffer schlechter im Torverhältnis.  Baumgart wurde im August 2016  nach einem Sieg, drei Remis und einer Niederlage von BAK-Chef Mehmet Ali Han überraschend entlassen.

Beinlich lobt den Coach

Paderborn holte ihn in die Dritte Liga. In den letzten fünf Partien, in denen er elf Punkte sammelte, konnte er den Abstieg  zwar nicht verhindern, da aber 1860 München keine Zulassung  bekam, blieb Paderborn in der Liga.  Was dann geschah, grenzt an ein  Wunder. 2017/18 führte Baumgart das Team mit Hurra-Fußball auf Platz zwei und stieg in die Zweite Bundesliga auf. Ein Jahr danach wurde es erneut Platz zwei und der SCP war wieder erstklassig.

Wie sieht Baumgart diese rasante Erfolgsgeschichte? „Ach, ich habe das kurz genossen, das war einfach schön, aber ich konzentriere mich auf das, was jetzt passiert.“ Baumgart ist ein Trainer, der vor allen auf Leidenschaft und Mentalität Wert legt. „Ich will meinen Jungs Spaß vermitteln und unsere Fans begeistern. Als Trainer mache ich klare Ansagen.“ Er ist es gewohnt, mit dem SC Paderborn in der Außenseiterrolle  anzutreten. Schon als Spieler lebte er mit diesem Gefühl. Er sagt: „Als wir mit Hansa Rostock 1995 in die Bundesliga aufgestiegen sind, haben uns doch alle unterschätzt. Am Saisonende standen wir auf Platz sechs.“

 Auch in seiner Zeit bei Energie Cottbus war er mit einem krassen Außenseiter unterwegs. „Unser Stadion hieß zwar Stadion der Freundschaft, aber alle hatten Respekt, dort anzutreten, weil wir dort mit Leidenschaft auftraten.“ Solche Zeiten haben Steffen Baumgart geprägt.

Lässt er nun so trainieren, wie er einst selbst spielte? „Das kann man so sagen“, meint Baumgart. Das sehen auch einige seiner ehemaligen Mitspieler so. Mit Stefan Beinlich, 47,  stand Baumgart einst bei Hansa Rostock im Team. Beinlich sagt: „Steffen war ein guter Junge, ein Typ. Als Spieler war er schnell, er hat gefightet und war immer für das Team da.“

Und der Trainer Baumgart? „Hut ab, was er in Paderborn leistet“, schwärmt Beinlich, „er lässt tollen Angriffsfußball spielen. Natürlich ist es ein Unterschied, ob du so in der Zweiten oder Ersten Liga spielen lässt. Früher hat er oft 4:2 gewonnen, jetzt verliert er sicher ab und zu mit 2:4.“ Ähnlich urteilt Ronny Nikol. Der 45-jährige ehemalige Abwehrmann, spielte mit Baumgart je ein Jahr beim 1. FC Union und bei Energie Cottbus zusammen. Nikol sagt: „Baumi ist immer vorneweg gegangen, er war kein großer Techniker, aber ein exzellenter Kämpfer und sehr ehrgeizig. Der hat nie rumgeeiert und immer seine Meinung gesagt. Ich glaube, er ist auch als Trainer so geblieben.“

Gedanken des jungen Baumgart

Überraschend ist, dass Baumgart schon  von klein auf an den Trainerberuf dachte: „Ich wollte schon immer Trainer werden, bereits als Junge. Auf dem Bolzplatz habe ich überlegt, wie man am besten spielen kann.“ Sein Vater und sein Opa waren beide Handballtrainer. „Opa war auch noch Schiedsrichter“, berichtet Baumgart, „aber beide haben mich nicht beeinflusst, etwa Trainer zu werden.“ 2015 absolvierte Baumgart den DFB-Trainerlehrgang, zusammen mit Marco Rose und Florian Kohfeldt. Im zweiten Anlauf. Der erste Lehrgang, zu dem er gemeldet hatte, war übervoll.

Wie sieht er sich selbst als Trainer?  „Das ist schwer zu sagen. Ich bin wie ich bin. Ich mache mein Ding, wie ich es immer getan habe. Aber man muss sich natürlich auch weiterentwickeln und neue Wege gehen. Es ist wichtig, Mut zu haben und eine klare Idee, wie man spielen will.“