Die Profis von Hertha BSC stellen sich den Fans in der Ostkurve des Berliner Olympiastadions.
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BerlinWird das seit Wochen ausverkaufte Derby zwischen Hertha und Union als Geisterspiel in die Historie eingehen? Werden die erwarteten 75 000 Fans ihre Tickets erstattet bekommen und am heimischen Fernseher ihre Emotionen ausleben müssen? Das Coronavirus könnte zu diesem Szenario führen.

Dabei haben die härtesten Hertha-Anhänger schon am Sonnabend mobil gemacht für den 21. März und die Mannschaft heftig in die Pflicht genommen. Gut fünf Minuten nach Abpfiff des Duells gegen Werder Bremen wurde es plötzlich noch einmal laut in der Ostkurve des Olympiastadions. Die Fans hatten sich in Scharen versammelt, die Profis standen andächtig und beinahe brav vor ihren treuesten Anhängern. Nur einige Wortfetzen waren zu hören: Union, Derby, Kampf.

Wird da nicht zu viel Druck aufgebaut?

Ich habe mich in der Fanszene umgehört, was dort passiert war. „Gut fünf Minuten haben wir eindringlich auf die Profis eingeredet und sie heiß gemacht auf das Derby gegen Union“, sagte Klaus Kuhfeld, fanatischer Hertha-Anhänger und Wirt der Kneipe „Zum Kugelblitz“ aus dem Wedding. „Das ist für uns das Spiel der Spiele. Das haben wir allen klar gemacht. Die Hauptsache ist, dass wir Stadtmeister werden und am Ende vor Union in der Tabelle landen.“

Baut die teils martialische Ansprache der Fan-Anführer nicht zu viel Druck auf? Bei Hertha gibt es einige Profis mit „Schwiegersohn-Mentalität“, die viel sensibler sind als etwa einstige rustikale Hertha-Größen wie Axel Kruse, Jolly Sverrisson oder Pal Dardai. Solche Typen sucht man im Moment vergebens.

Hertha-Kenner

Michael Jahn begleitet seit mehr als zwei Jahrzehnten den Berliner Fußball-Bundesligisten Hertha BSC. Immer mittwochs gibt er in dieser Kolumne seine Expertise zu der Mannschaft, dem Klub und seinem Umfeld ab.

Ich selbst sehe das mit dem Tabellenstand vor oder hinter Union nicht so verbissen und wäre froh, wenn Hertha und Union den Klassenerhalt schaffen. Mir gefällt die Einschätzung von Union-Coach Urs Fischer, der sagte: „Es nützt uns nichts, wenn wir am Ende vor Hertha stehen, aber beide Vereine absteigen. Dann wären wir Stadtmeister und müssten runter. Damit kann ich nichts anfangen.“ Das gilt umgekehrt genauso.

Doch die hartgesottenen Fans kennen keine Gnade gegenüber dem Rivalen. Helmut Friberg, der mehr als 700 Auswärtsspiele seiner Hertha besuchte, drückt es so aus: „Wenn wir gegen Köpenick verlieren, kriege ich die Krise. Wir müssen vor denen landen.“ Dieses Vorhaben ist nicht einfach. Seit dem 1:0 für Union im ersten Derby im November kann sich der Aufsteiger als Stadtmeister fühlen. Nur bis zum 10. Spieltag lag Hertha in der Tabelle meist vor Union, danach gar nicht mehr. Der damalige Hertha-Trainer Ante Covic sagte unpassend auf der Pressekonferenz nach der Derby-Pleite: „Schaut mal kurz auf die Tabelle. Wir sind immer noch vor Union.“ Einen Spieltag danach war das Makulatur.

Knut Beyer, Mitautor des Buches „111 Gründe, Hertha BSC zu lieben“, sagte mir nun: „Der Derby-Sieg ist das Wichtigste überhaupt. Wir müssen höher als 1:0 gewinnen, dann sind wir Stadtmeister, den einzigen Titel, den wir noch holen können.“ Ganz stimmt das nicht, denn Hertha hat schon einen Titel erobert und kann sich nach der Investition von 77 Millionen Euro an Ablösesummen für vier neue Profis im Januar guten Gewissens „Welt-Winter-Transfer-Meister“ nennen.

Die große Frage aber ist: Wird der „Stadtmeister“ vor leeren Rängen ermittelt? Das wäre ein Albtraum für Fans und Klubs, aber höhere Gewalt. Und das erste Geisterspiel in der Liga-Geschichte für Hertha.