Beginnen wir heute mal mit einem dringenden Anreisehinweis: Wer an diesem Sonnabend, der ja verheißt, auch ein sonniger Nachmittag zu werden, einen Ausflug ins Olympiastadion plant, sollte zeitiger aufbrechen. Das Spiel zwischen Hertha BSC und Bayer Leverkusen beginnt zwar klassisch um halb vier, doch einerseits werden die treuesten Fans mit ihrem traditionellen Saisonabschlussmarsch – startet zwei Stunden vor dem Anpfiff am Theodor-Heuss-Platz – die Anfahrt mit dem Auto erschweren; andererseits sollte man besser schon vor der Aufwärmphase der Spieler den Platz einnehmen, um nicht die ersten Höhepunkte des Tages zu verpassen.

Es wird Blumen geben, dazu gerahmte Bildcollagen, sehr nette Worte und wahrscheinlich auch Tränen, denn das letzte Spiel dieser Saison steht im Zeichen des Abschieds. Verabschiedet werden die Trainer Pal Dardai, Admir Hamzagic (beide für ein Jahr?) und Rainer Widmayer (VfB Stuttgart), dazu die Spieler Fabian Lustenberger ( Young Boys Bern), Julius Kade (Union Berlin) und Jonathan Klinsmann (Zukunft ungewiss). Unterbrochen wird die Abschiedsparty von einem Fußballspiel, dass Hertha natürlich gewinnen will; es wäre aber auch nicht so dramatisch, sollte ein Saisonende im Berliner Olympiastadion an die jüngere Geschichte anknüpfen.

Nicht schon wieder ein 2:6!

Die Stimmung war nämlich selten ausgelassen, als Mannschaft und Fans sich nach einer Erstligasaison gegenseitig in die Sommerpause entließen. Hier noch mal zur Erinnerung: 2:6 gegen Leverkusen (2018), 2:6 gegen Leipzig (2017), 0:4 gegen Dortmund (2014), 3:1 gegen Hoffenheim (2012, dann Relegation und Abstieg), 1:3 gegen die Bayern (2010, direkt in die Zweite Liga), 0:0 gegen Hannover (2005, doch noch die Qualifikation für die Champions League verpasst). Das letzte gelungene Maifest gab es 2003, als Hertha 2:0 gegen Kaiserslautern gewann und gerade noch so auf den Europapokalplatz sechs rutschte. Es war der letzte Auftritt des heutigen Managers Michael Preetz als Stürmer.

Es gab damals viele Botschaften im Stadion: „Preetz danke für alles“, „Preetz Fußballgott“, „Danke Langer“ und in der Ostkurve, die gerade ein neues Dach bekam, hatten die Fans eine riesige Choreografie ausgerollt: „Die Köpfe einer glorreichen Ära“ stand oben, unten „Immer ein Teil von uns“ und dazwischen prangten die Konterfeis von Preetz, damals 35 Jahre alt, und Mitabschiedsgast Jolly Sverrisson.

Ultras kündigen Choreo an

Eine ähnlich pompöse Liebesbekundung wird auch Dardai bekommen, die Ultras haben es bereits angekündigt. Aber erst nach dem Spiel wird man sehen, ob der scheidende Trainer wirklich so gefühlskalt ist, wie er es seit vier Wochen behauptet. Am Donnerstag wiederholte er jedenfalls: „Ich habe das gleiche Gefühl wie immer. Ich spüre nicht, dass es etwas Besonderes ist. Das sage ich ganz ehrlich, wirklich.“

Einen Hinweis gibt es allerdings schon, dass dieses Spiel ein ganz bisschen ehrlich und wirklich und besonders ist für Dardai. Er hat ja dreißig Karten bestellt, sonst waren es um die zehn, die er manchmal selbst bezahlte. „Dieses Mal“, gab Dardai zu, „war ich frech, wirklich frech – VIP sogar.“ Und umsonst.

Familie, Freunde und die anderen Wegbegleiter sollten bei all dem Druck auf die Tränendrüsen nicht vergessen, dass Dardais Abschiedsspiel durchaus noch eine sportliche Relevanz hat. Tabellenplatz zehn soll es am Ende noch werden. Und: „Fünfzig Tore“, sagte der Trainer, „das ist ein Ziel, ein Reiz, Männer, machen wird das.“ Zwei fehlen noch, dann hätte Hertha sogar mehr geschossen als unter Lucien Favre (48), der im Mai 2009 Platz vier erreichte. Und übrigens auch damals – nach einem 0:4 gegen den Absteiger aus Karlsruhe – war die Saisonabschlussparty eine miese; ein Sieg hätte Platz drei, womöglich die Teilnahme an der Champions League bedeutet. Im Mittelfeld spielte ein gewisser Pal Dardai.