Sie sind ein junger Trainer, wollen Fußballlehrer werden und stellen sich die Frage, wie Sie eines Tages, wenn Sie es tatsächlich in das Profigeschäft geschafft haben sollten, als Minikrisenmanager in Erscheinung treten? Wie man zum Beispiel eine Negativserie der eigenen, von einer Dreifachbelastung geplagten Mannschaft möglichst geschickt moderiert? Nun, dann empfehlen wir als Anschauungsmaterial die Aufzeichnung der gestrigen Pressekonferenz beim Berliner Bundesligisten Hertha BSC. Oder Sie lesen jetzt diesen Text.

Gute Entscheidung: Nehmen Sie sich also ein Beispiel an Pal Dardai, an dem Ungarn, der mit seinem Team in der Liga (nur neun Punkte aus acht Spielen), vor allen Dingen aber in der Europa League (nur ein Punkt aus drei von sechs Gruppenspielen) zuletzt nicht die gewünschten Ergebnisse erzielt hat und wettbewerbsübergreifend nur eines der vergangenen zehn Spiele siegreich gestalten konnte.

Am Donnerstagabend musste der 41-jährige Dardai in Lwiw beim 1:2 gegen den ukrainischen Klub Sorja Luhansk ja erst mit ansehen, wie auf 20 ziemlich gute Minuten 70 ziemlich schlechte Minuten folgten, wie erstaunlicherweise noch nicht einmal der Ausgleichstreffer durch Davie Selke in der 56. Minute das Spiel seiner Mannschaft beflügelte und seine Jungs letztlich verdient als Verlierer vom Platz schlichen. Aber was soll’s. Von Dardai lernen, heißt, mit offenen Worten die Dinge klar benennen und nach vorne denken.

Wir hören mal rein: „Ich spüre keine Krise. Das kommt immer von außen. Ich wäre der Erste, der euch berichten würde, wenn wir eine Krise hätten. Die Mannschaft war heute sehr selbstkritisch. Wir wissen, was wir verbessern müssen. Nur wenn wir die nächsten drei Spiele (Sonntag in der Liga beim SC Freiburg, Mittwoch zu Hause im Pokal gegen den 1. FC Köln, Sonnabend in der Liga zu Hause gegen den Hamburger SV, d. Red.) verlieren, dann haben wir eine Krise.“

Starten Sie also offensiv in den Schlagabtausch mit den Medienvertretern, relativieren sie deren Schwarzmalerei mit ein paar grundlegenden Hinweisen. Bei Dardai geht das so: „Wir haben uns vor der Saison Ziele gesetzt: Platz zehn in der Bundesliga. Da sind wir nicht weit davon entfernt (Platz 13 aktuell, d. Red.). Wir wollten junge Spieler weiterentwickeln und die neuen Spieler integrieren. Da sind wir auf einem guten Weg.“ Loben Sie einen jungen Spieler explizit (Dardai: „Arne Maier hat gegen Luhansk wirklich gut gespielt“), um dann wieder auf das Wesentliche zurückzukommen.

Dardai sagt: „In der Europa League brauchen wir nichts schönzureden. Wir haben gesagt, dass wir uns in Europa messen wollen, sehen nun, dass da noch einiges fehlt. Wir haben im vergangenen Jahr immer eine ganze Woche im Training arbeiten können, um uns die Automatismen für das nächste Spiel zu erarbeiten. Die Zeit haben wir jetzt nicht mehr. Jetzt heißt es: regenerieren, Blick auf die Tafel und gleich wieder raus. Jetzt haben wir keine Automatismen drin. Das ist unser größtes Problem, jetzt zählt nur die individuelle Mischung. Daran muss man sich gewöhnen. Das sind Dinge, wofür man Geduld braucht. Und wenn man dafür keine Geduld hat, sag ich: sorry! Wir haben eine neue Mannschaft, eine neue Herausforderung – dafür, dass das sofort funktioniert, muss man ein Zauberer oder ein Genie sein. Aber das bin ich nicht!“

Dardai zaubert

Bravo. Ziemlich genial, was Dardai da vorgebracht hat. Denn in der Tat könnte wohl nur ein Zauberer in diesen Tagen all die kleinen Hertha-Probleme, die in Kombination zu einem großen Punkte-Problem führen, hinfortzaubern. Mitchell Weiser beispielsweise erlebt in diesen Tagen eine Formkrise, die für einen Fußballspieler von gerade mal 22 Jahren doch eher normal ist. Vor allen Dingen, wenn man wie er mit der U21-Nationalmannschaft einen euphorischen Sommer erlebt, dadurch aber auch weite Teile der Vorbereitung verpasst hat.

Oder die Sache mit Kapitän und Torjäger Vedad Ibisevic, der infolge seiner Abschlussschwäche ins Grübeln gekommen ist und immer öfter die Nerven verliert.

Oder die Crux mit den Sommerzugängen, die aufgrund kleinerer (Selke) und größerer (Valentino Lazaro) Wehwehchen noch nicht so recht angekommen sind, darüber hinaus damit zu kämpfen haben, dass ihre sportliche Integration aufgrund der komplizierten Gemengelage nicht so schnell wie gewünscht vonstatten gehen kann.

Wenn Sie also eines Tages als Cheftrainer zum großen Glücksfall für einen Klub werden wollen, zum authentischen Wortführer in einer misslichen Lage, dann halten sie es wie Pal Dardai!