Bevor Pal Dardai vieles richtig machte, lag er ein Mal falsch – und zwar so richtig falsch. Vor acht Monaten war das, sein erstes Heimspiel als Trainer von Hertha BSC, der Gegner kam aus Freiburg, und Dardai, der eine Woche zuvor sein erstes Auswärtsspiel gegen Mainz gewonnen hatte, dachte: „Jetzt ist schon alles gut hier.“ Also ließ er seine Mannschaft höher verteidigen, stellte Ronny („Ich kann das, Trainer!“) auf die Sechs, so wollte er die Abstiegssorgen spielerisch vertreiben und verlor das Spiel. Ronny konnte es nämlich doch nicht, Dardai hatte sich einfach vercoacht. Heute sagt er: „Da war ich sehr naiv.“ Und das soll heißen: Er ist es nicht mehr.

Acht Monate später sitzt Dardai auf einem Ledersofa im Medienraum und erklärt, was sich seitdem verändert hat: „In der Rettungsphase bist du nicht Fußballtrainer, sondern Mentaltrainer.“ Warum Hertha nicht mehr unten, sondern oben steht in der Tabelle: „Wir haben Spielzüge trainiert, aber keine Tore geschossen, dann kam Vedad Ibisevic.“ Und wie er es eigentlich geschafft hat, dass eine offensivschwache, verunsicherte Mannschaft plötzlich mutigen Offensivfußball spielt. Zu Gast beim Taktiktalk mit Dardai. Und zunächst die Frage: Wie entsteht ein Matchplan?

„Rainer, was meinst du?“

Am Anfang ist Dardai allein mit seinen Gedanken. Die Woche beginnt er immer joggend, seinen Bauchansatz vor Augen, die Bilder des vergangenen Spieltags im Kopf, als Erster erreicht er das Trainingsgelände, die Kabine, als Zweiter kommt sein Assistent Rainer Widmayer. „Dann fangen wir an zu diskutieren, über den Gegner, über uns.“ Ideen werden auf einer Taktiktafel festgehalten, und während sie sich für die erste Wocheneinheit umziehen, das dauert etwa eine Viertelstunde, entstehen die Ansätze eines Plans. So war es auch Anfang dieser Woche vor dem Auswärtsspiel gegen Schalke am Sonnabend.

Erst Mitte der Woche kommt die Scoutingabteilung dazu, hält Vorträge über die Stärken und Schwächen des Gegners, die Analyse umfasst die vergangenen drei Spiele. Daraus ergeben sich die Systemfragen: Wo wollen sie Freiräume schaffen? Wo eine Überzahl? Soll die Grundausrichtung offensiv oder eher defensiv sein? Wie schnell sind die anderen? Und spielen wir jetzt mit einem oder zwei Stürmern?

„Ende der Woche haben wir das Konzept“, sagt Dardai. Manchmal – „Soll der spielen oder doch der andere?“ – nimmt er eine Entscheidung mit in den Schlaf. Am Spieltag – „Rainer, was denkst du?“– fragt der Chef dann seinen Assistenten und ist froh, wenn sie sich einig sind. „Es ist meine Entscheidung, aber ich fühle mich bestärkt.“ So war es vor dem vergangenen Heimspiel, als sich beide kurzfristig für Tolga Cigerci entschieden. Und ein Mal in der Woche spricht Dardai auch ausführlich mit Michael Preetz, dessen Managermeinung der Trainer sehr schätzt und dessen Arbeit er auffällig oft lobt.

So unterschiedlich die Gegner, so unterschiedlich auch der finale Matchplan, klar, aber eine Sache ist immer gleich. „Leider“, sagt Dardai. Vor jedem Spiel hält er einen Power-Point-Vortrag über das Mittelfeldpressing. „Machst du das nicht, fehlt immer ein halber Meter.“ Und wo Meter fehlen, fallen Gegentore. Daher: „Ich sage immer zu den Spielern, das ist für uns wie eine Mutter oder ein Vater.“

„Theorie muss funktionieren!“

Mittelfeldpressing findet, auch klar, im mittleren Spieldrittel statt und ist im Grunde der Versuch, den Gegner das machen zu lassen, was man von ihm verlangt, indem man ihm Passoptionen im Zentrum oder auf den Flügeln anbietet. Kommt dann der Ball zum gewünschten Spieler, attackiert man ihn aus mehreren Richtungen und stellt gleichzeitig alle Passwege zu. So entstehen Ballgewinne, so kann das Spiel schnell und tornah umgeschaltet werden, so entstehen Chancen – so ist das jedenfalls in der Theorie. Dardai sagt: „Theorie muss funktionieren, wenn nicht, hast du schon Probleme.“ Hatte er bislang aber kaum. Weil auch die anderen Dinge funktionieren, der eigene Spielaufbau vor allem.

Auf einen Spielzug ist Dardai besonders stolz. Sie haben ihn ja so oft trainiert, ließen den Ball so oft zwischen den gelben Dummys laufen, und beim Heimspiel gegen Köln stimmte die Theorie auch in der Praxis. Dardai hat diesen Spielzug nachgestellt.

Das ganz große Geheimnis, von dem Dardai vermutet, dass es noch nicht entschlüsselt worden ist, ist ein rotierendes Spielerdreieck im Mittelfeld. Ähnlich wie beim Futsal lässt sich entweder der Sechser, Achter oder Zehner fallen, um zwischen den Innenverteidigern für den Torwart anspielbar zu sein, um dann wiederum?... Pal Dardai hat auch das für uns aufgemalt. Aber: „Bitte nicht drucken.“ Da will einer nicht noch mal naiv sein.