Geben sich allerlei Anlass zum Jubel: die Hertha-Profis.
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Berlin/BremenWelche Spuren hat das Erstrunden-Aus, dieses irritierende 4:5 beim Zweitligisten Eintracht Braunschweig, bei den Blau-Weißen hinterlassen? Das war die Kernfrage vor dem ersten Spiel der Hertha in der Bundesligasaison 2020/21. Und hier ist die Antwort darauf: erstaunlicherweise keine. Denn der Hauptstadtklub feierte beim Gastspiel in Bremen nach einem konzentrierten, später auch ziemlich schwungvollen Auftritt einen 4:1-Erfolg und damit die ersten drei Punkte dieser Spielzeit.

Bruno Labbadia, der Trainer des Hauptstadtklubs, hatte drei Wechsel gegenüber dem peinlichen Pokal-Auftritt vorgenommen. Für Mathew Leckie, Karim Rekik und Marvin Plattenhardt durften Krzysztof Piatek, Jordan Torunarigha und Dedrick Boyata ran. Die beiden Letztgenannten bildeten das Innenverteidigerpaar, während der in Braunschweig so wacklige Niklas Stark ins zentrale Mittelfeld beordert wurde. Maxi Mittelstädt startete in einem 4-3-3-System als linker Außenverteidiger, während Vladimir Darida und Lucas Tousart in der Zentrale an der Seite von Stark einerseits Stabilität garantieren, andererseits die offensive Dreierreihe mit Matheus Cunha-Piatek und Dodi Lukebakio beim Pressing und Chancenkreieren unterstützen sollten. Wer auf einen Startelfeinsatz von John Cordoba gehofft hatte, sah sich hingegen erst mal enttäuscht. Der Kolumbianer, im Lauf der Woche aus Köln verpflichtet, nahm fürs Erste auf der Ersatzbank Platz.

Erst mal orientieren, erst mal einen einfachen Pass spielen, statt ins Risiko zu gehen, lautete zunächst die Devise der Berliner. Oder andersrum: abwarten und bei Ballgewinn schnell in den Konter finden. Was sich zunächst gar nicht so leicht umsetzen ließ, weil Werder auch nicht so recht wollte, womöglich auch konnte, weil die Bremer im Vergleich zur Vorsaison, als sie erst in der Relegation den Klassenerhalt sichern konnten, letztendlich nicht so viel Qualität hinzukauft beziehungsweise hinzubekommen haben. Die Folge war, dass beide Teams den 8500 Zuschauern im Weserstadion eine halbe Stunde lang wenig Aufregendes boten. Mal abgesehen von Piateks Kopfstoß in der 19. Minuten, der den Querbalken touchierte.

Schließlich war zu beobachten, dass Hertha im Vergleich zu den Hanseaten dann doch fast auf jeder Position eine höhere Qualität zu bieten hat. Immer öfter gingen die in Blau und Schwarz gewandeten Gäste als Sieger aus Zweikämpfen hervor, immer öfter gelangten Cunha & Co. in den Bremer Strafraum. Und auch die Außenverteidiger fanden immer öfter den Weg in die gegnerische Hälfte. Mittelstädt und Pekarik waren es dann auch, die beim 1:0 in der 42. Minute als Vorbereiter und Vollstrecker in Erscheinung traten. Der eine flankte forsche vors Tor, der andere war am zweiten Pfosten zur Stelle und drückte den Ball über die Linie. Im 189. Bundesligaspiel war dies erst der zweite Treffer des Slowaken, der sich unter der Führung von Labbadia entgegen aller Prognose wieder zu einem unverzichtbaren Faktor im Spiel der Hertha entwickelt hat.

Klasse, wie die Herthaner sogleich nachsetzten und die Verwirrung der Bremer noch vor der Pause zum 2:0 nutzten. Dieses Mal war Darida mit einem scharfen Pass in die Tiefe der Wegbereiter und Lukebakio derjenige, der nach einem kurzen Kontakt und einem kurzen Sprint den Ball unter die Latte jagte.

Tore geben Selbstvertrauen, lassen alle Zweifel weichen. So war Hertha innerhalb von 45 Minuten eine erstaunliche Transformation gelungen: vom verunsicherten zum spielfreudigen, weitgehend souverän agierenden Ensemble.

Unzufrieden wirkte an diesem Nachmittag aufseiten der Blau-Weißen schließlich nur einer, nämlich Piatek, der in der 61. Minute durch Cordoba ersetzt wurde und seine Auswechslung mit unglücklicher Miene kommentierte. Der Pole weiß wohl nur zu gut, dass das für ihn auf einen knallharten Konkurrenzkampf mit dem Sommerzugang hinausläuft. Cordoba jedenfalls scheint überhaupt keine Anpassungsprobleme zu haben, errackerte sich in der 63. Minute sogleich den Ball, leitete ihn an Darida weiter, der wie schon beim 2:0 genau im richtigen Moment den richtigen Pass spielte. Auf Cunha, der bei seinem erfolgreichen Abschluss aber auch von Bremens Keeper Jiri Pavlenka Schützenhilfe erhielt. Vielleicht fiel auch deshalb der Jubel des Brasilianers so verhalten aus.

Auch der Anschlusstreffer durch ihren ehemaligen Teamkollegen Davie Selke brachte bei den Herthanern nichts mehr ins Wanken. Nein, die Defensive funktionierte, wie von Labbadia gewünscht. Und Cordoba sendete schließlich noch eine weitere Botschaft an Piatek. Er traf in der 90. Minute zum 4:1-Endstand.

Hertha Berlin's Slovakian defender Peter Pekarik (C) celebrates after scoring during the German first division Bundesliga football match Werder Bremen v Hertha Berlin in Bremen on September 19, 2020. (Photo by Patrik Stollarz / Patrik STOLLARZ / AFP) / DFL REGULATIONS PROHIBIT ANY USE OF PHOTOGRAPHS AS IMAGE SEQUENCES AND/OR QUASI-VIDEO