Die Erwartungshaltung steigt: Hertha-Trainer Bruno Labbadia.
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BerlinIm Juni 2020 gibt es in der Bundesliga nur eine Handvoll Klubs, die von einem guten Gefühl bewegt werden. Die Bayern zählen dazu, na klar, souverän steuern sie auf ihren 30. Meistertitel zu und sind sich ob ihrer beneidenswerten Personalsituation inzwischen gar nicht mehr sicher, ob eine Verpflichtung von Leroy Sané und/oder Kai Havertz überhaupt noch notwendig ist. RB Leipzig ist weitgehend sorgenfrei. Was auch mit Abstrichen für die Vereine gilt, die sich vor dem 30. Spieltag zwischen Gut und Böse bewegen. So richtig glücklich sind in diesen Tagen neben den Bayern gleichwohl aber nur die Akteure von Hertha BSC. Ja, bei den Blau-Weißen ist sogar eine gewisse Euphorie auszumachen, was ganz viel mit Bruno Labbadia und Lars Windhorst zu tun hat.

Labbadia, der Cheftrainer, erzielt mit seiner Aufbauarbeit erstaunliche Ergebnisse, hat nach den zuletzt gezeigten Leistungen beim Gastspiel am Sonnabend bei Borussia Dortmund bestimmt mehr als nur einen Punktgewinn im Sinn. Windhorst, der Investor, wiederum lässt sich von der Corona-Krise nicht beirren, will schon – wie die Sportbild zu berichten wusste – im Herbst noch einmal 150 Millionen Euro in den Verein pumpen.

Der 43 Jahre alte Unternehmer hält also offensichtlich Wort, hatte er doch schon vor geraumer Zeit eine weitere Kapitaleinlage in dreistelliger Millionenhöhe in Aussicht gestellt. Was er dafür bekommen soll, scheint auch schon weitgehend geklärt zu sein. Nämlich weitere Prozente an der Hertha BSC GmbH & Co. KGaA, sodass er über seine Unternehmensgruppe, der Tennor Holding B. V., knapp über 60 Prozent der Anteile an der Kommanditgesellschaft hält. Da die Komplementär-GmbH weiterhin in der Hand der Geschäftsführung ist, läuft dies auch nicht der 50 + 1-Regel zuwider. Was die Richtlinien der Deutschen Fußball Liga (DFL) anbelangt, die den deutschen Profifußball vor dem Ausverkauf durch reiche Hasardeure bewahren sollen, ist also alles okay. Fehlt nur noch der Segen durch die entsprechenden Vereinsgremien.

Manager Michael Preetz übte sich wohl auch deshalb am Donnerstag in Zurückhaltung. „Ich kann bestätigen, dass wir uns in Gesprächen mit Tennor und Lars Windhorst befinden“, sagte er. Und: „Aber darüber hinaus ist es nicht so, dass wir die Gespräche zum Abschluss gebracht, Vertragsentwürfe ausgetauscht oder unterschrieben haben. Es empfiehlt sich auch hier, über die Dinge dann zu sprechen, wenn man Vollzug melden kann.“

Insgesamt hätte Windhorst bei einem Vollzug in drei Tranchen 374 Millionen Euro innerhalb eines Jahres eingebracht. Natürlich nicht ganz aus freien Stücken, weil er eines Tages natürlich Profit aus der Kapitalanlage schlagen will. Er ist ein Wohltäter zum Selbstzweck. Aber wer könnte da schon Nein sagen. Die Klubführung? Nein, gerade in diesen unsicheren Zeiten für den Profisport im Allgemeinen ist das die Sicherheit, die es braucht, um die Zukunft dynamisch gestalten zu können. Die Fans? Nein, denn plötzlich ist ihr Verein auch im Vergleich mit den mitunter zur Bescheidenheit gezwungenen Mitbewerbern in einer Situation, um tatsächlich zum großen Sprung anzusetzen. Wobei sich unter den Anhängern natürlich keiner so schnell mit Windhorsts Vision Big City Club dürfte anfreunden können. Solche Slogans stellen vor allem für die Ultras in der Ostkurve ja sogar eher eine Bedrohung dar.

Für Labbadia eröffnen sich dadurch jedenfalls prächtige Perspektiven. Er kann nach Hochkaräter Ausschau halten, während sich die meisten seiner Kollegen in den kommenden Wochen bei der Suche nach Verstärkungen wohl doch eher zur Bescheidenheit gezwungen sehen. So kann der Fußballlehrer mit vergleichsweise sehr viel Geld noch mehr Tiefe in den Kader bekommen und die zuletzt ausgemachten Schwachstellen im Kader (Rechtsverteidiger, Torwart) nicht nur mit Könnern, sondern vielleicht auch mit Ausnahmekönnern besetzen.

Über die Planspiele für die kommende Saison wollte der 54-Jährige am Donnerstagmittag in einer erneut im virtuellen Raum veranstalteten Pressekonferenz freilich keine Auskunft geben. Labbadia genießt die Gegenwart, sagt das, was man als Trainer halt so sagt, um nicht verdächtig zu werden. Denn in diesem Business wird einem schon ein Funken Überschwänglichkeit gern mal flugs als Konzentrationsschwäche ausgelegt. Und er weiß: Mit jeder weiteren Windhorst-Million und jedem weiteren Sieg steigen auch die Erwartungen an ihn und seine Mannschaft.