Glückliche Herthaner: Assistenztrainer Alexander Nouri scherzt mit Torschüsse Vladimir Darida. 
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Berlin-WestendChristian Streich ist selten sprachlos. Der 54 Jahre alte Trainer des SC Freiburg suchte nach dem Duell bei Hertha BSC aber lange nach den passenden Worten. Berlins Bundesligist hatte nach einem „zähen Abnutzungskampf“, so Streichs Kontrahent Jürgen Klinsmann, mit 1:0 gewonnen, was Streich nicht   wahrhaben wollte. „Ach, das fällt mir gerade schwer“, antwortete er, als man den Trainer um eine Analyse des Geschehens gebeten hatte. „Man hat schon gesehen, dass Hertha zuletzt nicht so viele Erfolgserlebnisse gehabt hat. Aber wir waren nicht in der Lage, das für uns zu nutzen und Profit daraus zu schlagen. Ich bin sehr enttäuscht, aber ich gratuliere dem Jürgen natürlich zum Sieg und auch der Hertha. Aber heute stinkt es mir schon richtig, weil wir das Spiel nicht hätten verlieren dürfen.“

Lange saß Streich nach dem Ende der Pressekonferenz auf dem Podium, umringt von Journalisten. Er schlug sich oft die Hände vor Gesicht und schüttelte den Kopf. „Wir wollten Hertha auf Distanz halten, jetzt haben wir sie wieder ins Boot geholt“, stöhnte er. Offenbar sind die Ansprüche nach den bislang   starken Leistungen   im sonst ruhigen Breisgau gestiegen, aber seine Einschätzung, dass der Sport-Club das Spiel angesichts eines angeschlagenen Gegners hätte   gewinnen müssen, muss man nicht teilen. Da gibt es noch eine andere Sicht auf die Dinge.

Diese hatten Klinsmann und die erschöpften Hertha-Profis, die nach dem   Schlusspfiff mit fünf Minuten Verlängerung beinahe regungslos auf dem Rasen standen und den ersten Erfolg nach sieben sieglosen Partien langsam verarbeiten mussten. Kurze, überschäumende Freude sah man eher auf der Trainerbank, wo sich der Helfer-Stab in den Armen lag. Erleichterung allerorten statt Freudentänze: Bei Hertha wissen alle, dass dieser Erfolg der Mannschaft eine kurze Atempause im Abstiegskampf verschafft. Mehr nicht.

Hertha-Trainer Klinsmann gelingt erster Sieg

Klinsmann aber sah man die Erleichterung nach dem ersten Sieg unter seiner Leitung an. Es waren nicht nur drei „ganz wichtige Punkte“, es war auch ein Sieg für ihn selbst und den Verein, der sich mit der Entscheidung in der Trainerfrage in den Fokus der Öffentlichkeit gebracht hatte. Es stand   viel auf dem Spiel vor knapp 38 000 Zuschauern im nasskalten Olympiastadion. Ein weiteres Negativerlebnis und der sogenannte Klinsmann-Effekt, der bislang vor allem in verbaler Aufbruchstimmung, intensivem Training und grenzenlosem Optimismus bestand, wäre schnell verpufft gewesen.

Der ehemalige DFB-Teamchef redete den Erfolg nicht schön: „Wir wussten, wir können in unserer schwierigen Situation nur über Kampf, Aufopferungsbereitschaft, Kameradschaft und Kompaktheit gewinnen. Wir wollten uns ins dieses Spiel reinackern, reinarbeiten. Das haben wir getan.“ Er könne den Ärger von Christian Streich verstehen, „aber wir hatten klare Chancenvorteile. Und wenn wir die Konter besser ausgespielt hätten, wäre es ein 2:0 oder 3:0 geworden.“

Winterfahrplan:

Reisen: Der Trainingsauftakt für die Rückrunde ist auf den 29. Dezember, 14.30 Uhr, vorverlegt worden. Die Mannschaft fliegt aber nun doch wie geplant ins Trainingslager in die USA, allerdings leicht verkürzt.
Testen: Vom 2. Januar an geht es für eine Woche nach Orlando in Florida. Dort kommt es zu einem Duell mit dem Bundesliga-Kontrahenten Eintracht Frankfurt,, der zum zweiten Mal im Süden der USA im Trainingslager ist.
Starten: Der erste Rückrundengegner für Hertha BSC wird Bayern München am Sonntag, 19. Januar, um 15.30 Uhr im heimischen Olympiastadion sein. Danach folgt ein Auswärtsspiel beim VfL Wolfsburg.


Dabei hatte Klinsmann mit seiner Anfangsformation überrascht. Er agierte mit einer Viererkette (Klünter-Boyata-Rekik-Plattenhardt), in der Jung-Nationalspieler Niklas Stark keinen Platz fand und zum ersten Mal in dieser Saison auf der Reservebank hockte. Die Offensive war überproportional besetzt. Auf den Außenbahnen sollten die beiden schnellen Javairo Dilrosun und Dodi Lukebakio wirbeln, im Zentrum lauerten Vedad Ibisevic und Davie Selke. „In der ersten Halbzeit haben wir viel zu wenig daraus gemacht“, klagte Klinsmann. Seine Spieler kamen verhalten und vorsichtig daher. Erst nach 25 Minuten setzte sich etwa Dilrosun einmal energisch durch und scheiterte an Freiburgs Keeper Mark Flekken. Nach 37 Minuten vergab Selke überhastet aus spitzem Winkel, nachdem er eine Flanke von Lukas Klünter stark mit der Brust angenommen hatte. Die ungeduldige Ostkurve schickte die Mannschaft mit Pfiffen in die Pause.

Vladimir Darida sorgt für Aufbruchstimmung

Acht Minuten nach dem Wiederanpfiff sorgte   Vladmir Darida für einen Stimmungsumschwung. Nach einem Doppelpass mit Selke traf er mit einem fulminanten Schuss aus etwa 22 Metern Entfernung. Halbhoch schlug der Ball im linken Eck der Freiburger ein. Der Tscheche jubelte verhalten, ehe er von seinen Teamkameraden eingeholt und in einer Freudentraube eingekeilt wurde. Immerhin hatte er einst unter Trainer Streich beim SC Freiburg seine Bundesliga-Karriere begonnen. Klinsmann lobte später überschwänglich: „Gott sei Dank hat sich der Vladi ein Herz gefasst und ein wunderschönes Tor erzielt. Es ist bezeichnend, dass diesem Kerl das Tor gelingt, der sich immer aufopferungsvoll für die Mannschaft einsetzt. Der ist ein absoluter Geber.“

Für Darida war es der zehnte Treffer in seinem 100. Bundesligaspiel für Hertha BSC. Nach zwei starken Jahren in Berlin war der 29-Jährige in den beiden zurückliegenden Spielzeiten nach vielen Verletzungen ins Hintertreffen geraten und hatte seinen Stammplatz verloren. Vor einem Jahr wollte er gar Hertha verlassen und bei Fenerbahce Istanbul anheuern, was Manager Michael Preetz verhindern konnte. Jetzt ist Darida wieder da und verleiht dem Spiel Sicherheit. „In unserer Situation ist es nicht leicht, locker zu bleiben“, sagte der Torschütze, „ich hoffe, der Sieg gibt uns nun Selbstvertrauen.“

Leichtigkeit und große Spielfreude sind von dieser Mannschaft in den   ausstehenden Spielen am Mittwoch in Leverkusen und am Sonnabend im Olympiastadion gegen   Mönchengladbach nicht zu erwarten, aber dafür   Kampfgeist. Der Jubel nach dem Sieg fiel auch in der Ostkurve nur kurz aus. Das Team hatte in der Vor-Klinsmann-Zeit viel Kredit verspielt. Torhüter Rune Jarsteins Fazit beschreibt die Situation: „Die Fans sind unzufrieden, dass wir in der Tabelle so weit unten stehen. Aber wir alle sollten zufrieden sein, dass wir drei Punkte geholt haben.“