Jos Luhukay hatte einen Plan. Die Länderspielpause wollte der Trainer von Hertha BSC vor allem nutzen, um die Defensive seines Teams zu stärken. Bei 21 Gegentoren aus elf Spielen schien das ein lohnenswerter Ansatzpunkt für die Herthaner zu sein, die heute beim 1.FC Köln antreten (18.30 Uhr, Sky).

Wie so oft in dieser Saison erlebte Luhukay aber auch in den vergangenen zwei Wochen, dass ein Plan eben nur ein Entwurf ist, der unter den Einflüssen der Wirklichkeit schnell gegenstandslos wird. Denn wie soll man eine Defensive stärken, wenn diese quasi nicht vorhanden ist?

Unfreiwillig komische Note

Nach Kapitän Fabian Lustenberger verletzte sich während des Länderspiels mit der slowakischen Nationalmannschaft auch Ersatzkapitän und Rechtsverteidiger Peter Pekarik (beide Muskelverletzung am Oberschenkel). John Brooks war mit der US-amerikanischen Auswahl unterwegs, wurde aber beim 1:4 gegen Irland wegen Knöchelproblemen nicht eingesetzt, und Marcel Ndjeng konnte durch einen Schlag aufs Sprunggelenk im internen Testspiel zunächst nur individuell trainieren. Als am Donnerstag auch noch die Oberschenkelzerrung Marvin Plattenhardts bekannt wurde, bekam der Text unter dem Hertha-Newsletter, „wollen sie solche Nachrichten zukünftig nicht mehr erhalten?“, eine unfreiwillig komische Note.

„Was wir hier in den letzten Monaten erleben, ist nicht normal“, sagt Luhukay. Wenn man auch noch Innenverteidiger Sebastian Langkamp hinzuzieht, der gleich zu Saisonbeginn ausfiel, sowie Johannes van den Bergh (Muskelfaserriss) und Nico Schulz (Zerrung), die während der Länderspielpause wieder ins Mannschaftstraining einsteigen konnten, kommt man schnell auf den einzigen bislang Unversehrten, den die Hertha-Defensive vorzuweisen hat: John Heitinga.

Mit seinen zusammengezogenen Augenbrauen und den leicht herabfallenden Mundwinkeln vermittelt der Niederländer stets den Eindruck, jeglicher äußere Einfluss pralle an ihm ab. Auch körperlich wirkt der 31-Jährige etwas robuster als ein Großteil seiner Mitspieler. Schließlich hat er in den vergangenen fünf Jahren in der Premier League gespielt, die er selbst als die „härteste Liga“ der Welt bezeichnet.

Nicht zuletzt wegen dieser Erfahrungen wurde Heitinga nach Berlin geholt, außerdem soll er die Abwehr anführen, eine Rolle, die vor dem Hintergrund des wechselnden Personals derzeit noch bedeutender wird. Möglicherweise wird er in Köln sogar die Kapitänsbinde tragen – neben Hajime Hosogai und Per Skjelbred gehört er zu dem engeren Kreis, dem Luhukay diese Aufgabe zutraut. Entscheiden will der Trainer diese Personalie aber erst kurz vor dem Spiel, bei der immer dichter werdenden Frequenz der Ausfälle eine verständliche Überlegung.

Für Heitinga macht das alles keinen Unterschied: „Meine Verantwortung ist die gleiche wie immer“, sagt er. Auch die Verletzungsmisere findet er nicht unnormal. „So etwas habe ich beim FC Everton auch schon erlebt, das ist kein großes Ding“, sagt er. So ist John Heitinga außerhalb des Feldes – unaufgeregt, pragmatisch und manchmal auch ein bisschen gleichgültig. Auf dem Platz gehört der Innenverteidiger dagegen eher zu den aggressiveren Vertretern. Da weist er auch mal die jüngeren Spieler zurecht, wenn sie die vom Trainer vorgegebenen Strafliegestütze nicht sofort verrichten, manchmal wird er auch laut, wenn die Übungen für seine Vorstellungen nicht bissig genug angegangen werden.

"Du spielst, wie du trainierst“

In der vergangenen Trainingswoche gab es dazu aber keinen Anlass, da trainierten die Herthaner dynamischer und angriffslustiger als gewohnt. So schlüpfte Heitinga sogar in die Rolle des Schlichters, als Änis Ben-Hatira sich über das rüde Einsteigen Skjelbreds beschwert hatte. „Genauso muss eine Trainingseinheit sein, denn du spielst, wie du trainierst“, sagte er.

Auch Jos Luhukay lobte den Einsatz seiner Mannen. Die etwas aggressivere Spielweise hat er auch deshalb proben lassen, weil er weiß, dass der 1. FC Köln bei Heimspielen bislang Probleme damit hatte, selbst das Spiel zu machen. Erst eine Partie konnten die Aufsteiger aus dem Rheinland im eigenen Stadion gewinnen. Auswärts hingegen stehen sie ganz oben.

Hertha würde demnach gut daran tun, anders als zuletzt gegen Hannover wie eine Heimmannschaft aufzutreten. Hier sieht Luhukay eine Chance für seine Mannschaft, die erste Auswärtspartie in der Bundesliga zu gewinnen.

Dazu passt, dass mit Schulz und Ben-Hatira zwei Spieler in den Kader zurückkehren, die maßgeblich an den letzten Siegen beteiligt waren. Auch Ndjeng und Brooks konnten in den vergangenen Tagen wieder voll mittrainieren. „Der Kader ist groß genug“, findet Heitinga. Für ihn sei es vollkommen egal, wer neben ihm stehe. Das Problem liegt seiner Meinung nach woanders: „Es müssen einfach alle besser spielen – ich inklusive.“