Krzysztof Piatek traf für Hertha zum Ausgleich.
City Press

Düsseldorf/BerlinIst der gute Mann einfach nur mutig oder einfach nur tollkühn? Oder: Ist Alexander Nouri von allen guten Geistern verlassen? Ein Hasardeur? Derartige Fragen kamen einem am Freitagabend beim Studium der Mannschaftsstellung von Hertha BSC in den Sinn. Auf sieben Positionen hatte der 40 Jahre alte Fußballlehrer nämlich sein Team im Vergleich zur Vorwoche geändert, was numerisch in Reaktion auf das 0:5-Desaster gegen den 1. FC Köln noch nachvollziehbar war. Aber dass Nouri, der an seinen Cheftrainerposten bei Hertha wie die Jungfrau zum Kinde gekommen war, anstelle von Stammkeeper Rune Jarstein doch tatsächlich Thomas Kraft ins Tor stellte und mit vier Stürmern in das so wichtige Spiel bei Fortuna Düsseldorf startete, wirkte auf den ersten Blick doch sehr verwegen, ach was, schreiben wir ruhig: irre!

Und im Nachhinein, nach diesem seltsamen Fußballabend, ist man einfach nur hin- und hergerissen, was man von Nouri halten soll. 3:3 hieß es am Ende aus Sicht der Blau-Weißen zwar, aber das, was das Team insbesondere in der ersten Hälfte abgeliefert hatte, war verstörend schlecht. Keine Mannschaft, kein Spirit, keine Ordnung, keine Spielidee. Nicht erstligatauglich. Und eine Zeit lang sah es tatsächlich so aus, als müsste sich Michael Preetz schon wieder nach einem neuen Cheftrainer umsehen. Wobei man sich schon gar nicht mehr sicher sein kann, ob der angeschlagene Manager bei der Wahl eines neuen Übungsleiters überhaupt noch eine Stimme hat. Ob er also nicht schon bald selbst von seinen Aufgaben entbunden wird.

Handlungslahmer Klünter

Klar, auf den ersten Blick kann er nichts dafür, dass die handlungslahmen Lukas Klünter und Kraft den Düsseldorfer Kenan Karaman bereits in Spielminute fünf nach einem langen Pass von Kevin Stöger zum mühelosen Toreschießen einluden. Oder dass nur fünf Minuten später Dodi Lukebakio im systematischen Hertha-Wirrwarr in einen Zweikampf mit Fortunas Erik Tommy geriet, diesen verlor, sodass Tommy mit einem Schlenzer vom Strafraumeck Kraft düpieren konnte. Und auch beim 0:3 durch Karaman (45.) war er auf der Bank hellwach, während die Profis auf dem Platz schläfrig verteidigten. Aber Preetz ist eben in letzter Konsequenz dann doch für das Ganze verantwortlich.

Hertha brauchte gegen den limitierten und in der zweiten Hälfte stark nachlassenden Abstiegskandidaten schon ein Eigentor von Tommy (64.) und beim Schuss von Cunha ein Düsseldorfer Abwehrbein (67.), um noch einmal ins Spiel zurückzukommen. Und auch beim Ausgleichstreffer profitierten sie von einem Düsseldorfer Aussetzer. Torhüter Florian Kastenmaier war nämlich viel zu hastig aus dem Tor geeilt, kam zu spät im Sprintduell gegen Krzysztof Piatek, der clever den Strafstoß zog und ebendiesen dann auch sicher verwandelte (75.).

Es ist Nouri zugutezuhalten, dass er seine Personalauswahl schon in der Pause mit zwei Auswechslungen korrigiert hatte. Marius Wolf kam für Lukebakio, Maxi Mittelstädt für Javairo Dilrosun.

Apropos Verantwortung: Die liegt für diese blau-weiße Tohuwabohu auch bei einem gewissen Herrn Klinsmann, beim Jürgen, der jetzt – wie am Freitag bekannt wurde – auch nicht mehr RTL-Experte sein mag. Und doch bitteschön auch kein Trainer mehr. Denn Klinsmann ist letztlich derjenige, der die Vorbereitung auf die Rückrunde gesteuert und – was womöglich noch fataler ist – Nouri nach Berlin gebracht hat. Aber wer weiß das schon so genau nach einem Abend in Düsseldorf, der mehr Fragen aufgeworfen als Antworten geliefert hat.

„Erste Halbzeit war ein totales Fiasko. So einfache Tore darfst du in der Bundesliga nicht bekommen“, sagte Per Skjelbred. Und: „Fußball ist ab und an viel Chaos. Da muss man einfach durch und zusammenhalten.“ Klingst so einfach, ist es aber nicht.