Es gibt eine Episode in seiner Karriere, die würde Alexander Baumjohann am liebsten aus seinem Gedächtnis streichen. 2010 wurde der Mittelfeldspieler beim Bundesligisten FC Schalke 04 von Trainer Felix Magath ins Regionalligateam abgeschoben. „Daran erinnere ich mich kaum noch“, sagt er.

Auch an die eine Partie, die er vergangene Spielzeit für die zweite Mannschaft von Hertha BSC absolvierte, denkt der 27-Jährige nicht gern zurück − steht sie doch in direktem Zusammenhang mit dem Kreuzbandriss, der ihn nahezu die gesamte Saison bei den Profis verpassen ließ. Bei Hertha ll sollte er wieder Spielpraxis sammeln.

Ante Covic, der seit 2013 Herthas Reserve trainiert, sieht das aus einem anderen Blickwinkel: „Wir freuen uns, wenn wir der Profi-Abteilung helfen können“, sagt er. Damit hat der 39-Jährige die Kernaufgabe des Teams treffend beschrieben. Wenn sein Team am Sonntag gegen Budissa Bautzen in die Regionalliga-Saison startet, geht es weniger darum, ein gemeinsames Saisonziel zu erreichen. „Wir wollen natürlich gut abschneiden“, sagt Covic. Wichtiger als die Platzierung sei aber die individuelle Entwicklung der Spieler.

Damit unterscheidet sich Hertha ll von Ligakonkurrenten wie dem BFC Dynamo oder Victoria 1889. Die steigen gemeinsam auf oder ab und bilden ein Teamgefüge. „Bei uns geht es mehr darum, jeden Einzelnen voranzubringen“, sagt Covic. Die Fluktuation im Team ist hoch, der Mannschaftsgeist vielleicht nicht so gefestigt wie bei anderen Klubs. „Dafür bekommt man junge, hochtalentierte Spieler, mit denen man arbeiten kann“, sagt Covic. Nicht umsonst heißt die zweite Mannschaft U-23. „Wir versuchen hier, Talente hochzubringen“, sagt der Kroate.

Die Aussicht auf großen Profikick lockt zahlreiche Talente zu Hertha. Hier haben sie Möglichkeiten, sich direkter in Richtung Bundesliga zu empfehlen. Nachwuchskräfte, die vorrangig ans Geld denken, meiden den Verein eher, sagt Covic: „Das Konzept ist eben mehr auf Nachhaltigkeit ausgelegt, das ist ja auch besser, als wenn man kurz mal einen Mini Cooper S fährt.“

Spieler wie Sejad Salihović, Jérôme und Kevin-Price Boateng können inzwischen beides haben. Ihnen ist der Sprung von den Hertha-Amateuren in den Profifußball geglückt. Viele andere bleiben auf der Strecke. Tendenz zunehmend. Das liegt vor allem daran, dass Hertha jetzt wieder in der Ersten Liga mitmischt. „Außerdem hat sich der Kader jetzt nochmal verbessert, da wird es immer schwieriger, Spieler oben anzubringen“, sagt Covic.

Aus dem Nachwuchs trainieren Louis Samson und Shawn Kauter bei den Profis mit, außerdem Hany Mukhtar und Marius Gersbeck, die U-19-Nationalspieler. „Zwei Spieler von den Amateuren in den Profibetrieb zu integrieren, ist schon gut“, sagt Covic.

Dementsprechend muss man jungen Fußballern Zeit geben, sich zu entwickeln. „Das Wichtigste in dieser Altersklasse ist, dass die Jungs spielen“, sagt Covic. Deshalb ist er auch nicht traurig, dass Hertha kein Team in der Dritten Liga hat − mal abgesehen davon, dass das aus budgetären Gründen bei den Berlinern derzeit nicht möglich ist. „Je höher ein Team spielt, desto schwieriger ist es, dass die jungen Spieler sich akklimatisieren“, sagt Covic, „dann kommt der Leistungsdruck hinzu und man hat weniger Zeit, an Defiziten zu arbeiten.“

In der vergangenen Saison konnte Covic Druck kaum verhindern: Zum ersten Mal seit langem musste sich Hertha ll gegen den Abstieg stemmen. Da half es enorm, dass Spieler wie Baumjohann, aber auch Maik Franz und Peer Kluge aushalfen, die Profi-Trainer Jos Luhukay nach unten beordert hatte.

„Für mich als jungen Trainer war es sehr reizvoll mit solchen Leuten zu arbeiten“, sagt Covic. Sie bei Laune zu halten und dazu zu bringen, ihr Leistung abzurufen. Für junge Spieler steigt die Motivation, wenn sie mit den Profis trainieren können. Das weiß Baumjohann, schließlich durchlief er bei Schalke 04 ebenfalls eine Talentschmiede von der Jugend an. Momentan ist der Blick des gebürtigen Waltropers aber ausschließlich nach vorn gerichtet. Er will sich in der Stammformation der Hertha-Profis etablieren. Sollte ihm das gelingen, wäre das mit Sicherheit ein Abschnitt in seiner Karriere, den er später gern Revue passieren lässt.