Kaugummikauen hilft ja bekanntlich in Stresssituationen, hilft auch beim Fliegen und Abnehmen, ist gut für Konzentration und Zähne. Schlecht ist es allerdings für das Kiefergelenk, und es kann sogar Magen und Darm schaden, wenn ein Kaugummi zu lange zwischen den Kauleisten klebt. Man musste sich daher ein wenig Sorgen machen um Fabian Lustenberger, 27, um den Kapitän von Hertha BSC, den Ballermann des Tages. Es war ein Feiertag. Ein Stadionfest.

Zuletzt lief es ja so ab nach einem Heimspiel. Die Mannschaft, die seit April nicht mehr jubelnd vor der Ostkurve stand, verabschiedete sich traurig winkend und aus sicherer Distanz von ihren Fans, die Spieler schlichen dann mit gesenkten Köpfen in die Kabine, vorbei an den zur nächsten Fragenoffensive gezückten Notizblöcken und Mikrofonen. Nicht so am Sonnabend.

Nicht so nach dem 2:1 (2:1) gegen den VfB Stuttgart, nach einem Spiel, dem fast schon vergessene Bilder folgten. Auf den Rängen, in der Mixed Zone und später in der vor Uffta Täterä hüpfenden U-Bahn, wo Dutzende Herthaner auf Höhe Bismarckstraße vom baldigen Einzug in den Europapokal sangen und am Zoologischen Garten bereits Deutscher Meister waren. So ein Sieg kann ja so guttun. Kann so vieles ausblenden.

Die Geschichte dieses Fanherzen erweichenden und den Fanverstand lieblich vernebelnden Heimsiegs muss natürlich am großen Kaugummifreund Fabian Lustenberger erzählt werden, und am besten an ihrem Ende beginnend.

Wie er sich nach dem Abpfiff als Erster das Trikot auszog und die Arme wild schwenkend vor der Kurve tippelte, wie er noch dort ein live ins Stadion übertragene Interview gab, wie er dann von einem Reporter zum nächsten gereicht wurde und als Letzter die Kabinentür erreichte – und zwar dieses eine Kaugummi immer wieder und wiederkäuend, dass man sich so langsam Sorgen um Lustenbergers Kiefer und Magen machen musste. Das Ding einfach zu verschlucken wäre wohl besser gewesen.

Und das hätte dem Innenverteidiger eigentlich kurz vor der Halbzeitpause passieren müssen, so ganzkörperbebend er den Ball getroffen hatte, der als Siegtreffer im Tor einschlug. Lustenberger hat das Kaugummi aber nicht verschluckt. „Sonst hätte ich nicht so jubeln können“, sagte er am Tag danach, nachdem er sich im Netz noch ein paar Mal sein Torvideo angeschaut hatte. Lange musste er nicht danach suchen.

Ein torjubelnder Lustenberger ist nämlich ein sehr seltener Anblick. 123 Mal hat er für Hertha gespielt, drei Treffer lassen sich in der Statistik finden, und zuletzt traf er vor etwa sieben (!) Jahren. Zu seiner Verteidigung sagte Lustenberger: „Aber wenn ich treffe, dann meistens richtig schön. Mein letztes Tor gegen Karlsruhe, das war sogar das Tor der Hinrunde. Vielleicht sollte Sebastian Langkamp sich mal die Videos ansehen.“ Kollege Langkamp hatte ja gelästert: „So schön trifft Lusti den Ball nur ein Mal in seinem Leben.“

Ein Tor und ein Gegentor ergibt ein Mannschaftsessen

Zu dieser Heimsieggeschichte gehört aber auch diese eine Szene, in der Lustenberger bei einem Freistoß stehen blieb, den Arm hob, auf Abseits spekulierte, statt seinen Gegenspieler in den Strafraum zu eskortieren, wo Toni Sunjic dann zum zwischenzeitlichen Ausgleich einköpfte.

Den Führungstreffer hatte Genki Haraguchi erzielt, auf Vorarbeit von Mitchell Weiser, der sich im Laufe des Spiels den kleinen Zeh brach, aber durchspielte. Lustenberger jedenfalls sagte: „Das Ding geht auf meine Kappe.“ Nimmt man Tor und Gegentor zusammen, so ergibt das ein Mannschaftsessen. Hat der Kapitän versprochen. Pal Dardai wird nicht dabei sein. „Da habe ich nichts zu suchen.“

Der Trainer wird sich auch nicht allzu lange mit den Feierlichkeiten aufhalten. Zufrieden war er mit seinem Team, er hatte aber eben auch gesehen, dass es wie schon gegen den FC Augsburg und Werder Bremen Probleme damit hatte, mit einer Führung umzugehen. Dardai sagte: „Nach einem Tor fangen wir immer an zu verteidigen, dann spielen wir keinen Fußball mehr – das muss ich rauskriegen.“ Der Trainer war im Grunde sogar froh über den Ausgleich. „Gott sei Dank ist er gefallen.“

Lustenberger muss auffallen

Dardai vermutet, dass seine Mannschaft noch ein paar Entwicklungsstufen entfernt ist davon, ein Spiel über mehr als nur zwanzig bis dreißig Minuten zu bestimmen. Er musste ja erneut erleben, wie die Abwehr plötzlich tiefer stand, die Anbindung zum Mittelfeld verlor, und so Räume entstanden, in denen Stuttgart Überzahl hatte. Erst Lustenbergers Feiertagsschuss und eine Kabinenansprache später war die Ordnung wiederhergestellt. In der zweiten Halbzeit passierte so nichts mehr, was den Fans die gute Laune verderben konnte.

„Wer trifft, ist zweitrangig, ob das Salomon Kalou macht oder ich“, sagte der bescheidene Lustenberger natürlich auch noch. Aber man kann davon ausgehen, dass es in diesem Fall nicht ganz so egal war. Lustenberger weiß ja, dass er auffallen muss. Dass sein Stammplatz nie so unsicher war wie in dieser Saison. Dass er seine Kaugummis irgendwann nur auf der Ersatzbank kauen wird.