Der Strafraum, auch das impliziert der Name, ist ein Tatort, und dort straffrei zu bleiben, eine sehr heikle Angelegenheit. Zumal für einen Verteidiger, der alles Mögliche und Notwendige unternimmt, um seinen Gegenspieler zu stoppen, das Gegentor zu verhindern, und im Strafraum zum Überzeugung- oder auch mal zum Verzweiflungstäter wird. Und die finale Waffe ist eine Monstergrätsche.

Es kommt allerdings nur selten vor, dass man hinterher noch die Spuren sichern kann, die ein grätschendes Abwehrmonster hinterlässt. Bei Niklas Stark war das so. Er war in der ersten Halbzeit des Spiels zwischen Hertha BSC und Borussia Dortmund (2:3) dermaßen kraftvoll über die Linie des Fünfmeterraums geschlittert, um einen Schuss von Jadon Sancho zu blocken, dass dort ein weißes Kreidekreuz entstand; und das konnte Deutschlands oberstem Fußballspurensicherer auf der Ehrentribüne nicht entgangen sein.

Joachim Löw war ja am Sonnabend auch deswegen ins Berliner Olympiastadion gekommen, weil er seinen neuen Nationalspieler Stark sehen wollte. Und er sah einen Innenverteidiger, der diesem grandios unterhaltsamen Fußballabend so viel gegeben hatte, dass er am Ende unter Wadenkrämpfen litt. Hatten ihn die Nominierung für die anstehenden Länderspiele und Löws Anwesenheit zusätzlich motiviert? „Im Hinterkopf – oder im Hinterohr – hatte ich es mal gehört“, sagte Stark. „Aber ich habe mich nicht darauf konzentriert, dass der Bundestrainer da ist.“ Starks Konzentration galt dem Schutz des Strafraums und diesen Eindringlingen aus Dortmund, deren List und Finesse sich erst in der zweiten Halbzeit voll entfaltete.

Dardai interessiert das nicht mehr

Stark griff zu allen fußballerischen Waffen. Und er tat das mit seinen Waffenbrüdern im Geiste, die sich lange nicht zurückdrängen ließen, hoch standen, eng deckten. „Wir haben sehr gut verteidigt“, sagte Stark zu Recht. „Jeder war dabei, jeder hat mitgemacht, jeder ist an seine Grenzen gegangen.“ Und einige darüber hinaus. Es reichte trotzdem nicht. Es reichte einfach nicht, dieses Tor in der Nachspielzeit und damit die Niederlage zu verhindern. „Was wäre gewesen, wenn“, sagte Pal Dardai, „das interessiert nicht mehr.“

Rein aus beruflichen Gründen muss man Herthas Trainer widersprechen und fragen: Was wäre etwa gewesen, wenn Karim Rekik den Ball nicht abgefälscht hätte vor dem 1:1 durch Thomas Delaney? So viele halbe und ganze Eigentore in Serie wie zuletzt hat Dardai weder als Spieler noch als Trainer erlebt. Seine Theorie: „Irgendwann dreht sich das Glück schon.“ Oder was wäre gewesen, wenn Jordan Torunarigha nicht Gelb bekommen hätte nach einer eher fairen Grätsche? Für die eindeutig unfaire sieben Minuten vor dem Abpfiff bekam er die zweite. Der Platzverweis nahm Herthas Abwehr die Stabilität, schaffte noch einmal größere Lücken, steigerte die ohnehin schon ausgeprägte Angst vor der späten Niederlage. Salomon Kalou hatte sogar „Panik“ erkannt.

Und dann ist da vor allem die Frage: Was wäre denn wohl gewesen, wenn im Kölner Videokeller einer die Idee gehabt hätte, die Strafraumtat an Ondrej Duda zu melden? Dardai: „Für mich war das ein Elfmeter.“ Für viele andere auch. Das vermeintliche Opfer sagte aus: „Er trifft mich schon, doch ob es für einen Pfiff reicht, muss der Referee entscheiden.“

Favre: "Dumm, dumm, dumm!"

Dieses Spiel war von der ersten Sekunde an auf Spektakel aus. Und spektakulär waren auch die Fehler. Wie beim 1:0 für Hertha, als Torwart Roman Bürki einen Schuss von Maximilian Mittelstädt vor die Füße von Kalou prallen ließ. Oder wie beim 1:1 durch Delaney, dem nicht nur Torunarigha, sondern vor allem Valentino Lazaro mit einem Querpass im Mittelfeld assistierte.

Fehlerhaft, für Dortmunds Trainer Lucien Favre „dumm, dumm, dumm“ und eine „Schande“, ist jene Regel, die in dieser Saison für viel zu viele Handelfmeter sorgt. Eine Regel auch, die nicht einheitlich ausgelegt wird und im Wochentakt zu mehr Irritationen führt. Diesmal war es die Hand von Julian Weigl, die reflexartig hochschnellte nach Dudas Flankenversuch. Der Pfiff so regelkonform, das 2:1 durch Kalou eine wieder mal beeindruckend lockere Übung.

In die erste Halbzeit, die nach der zweiten Führung bald zu Ende war, war Hertha mit Vollgas gestartet. In die zweite mit Leerlauf. Dardai beschrieb das so: „Spiel fängt an, Zweikampf verloren, Zweikampf verloren, Ecke, Ecke geht rein, 2:2.“ Niemand fühlte sich für Dan-Axel Zagadou verantwortlich. Dabei lässt Dardai doch besondere Übungen in der Halbzeit machen, um die Spannung in den Köpfen und Füßen seiner Spieler maximal hoch zu halten. „Es war wirklich nicht so“, sagte Rekik, „dass Dortmunds Tore schön herausgespielt haben, vielleicht am ehesten noch das dritte.“

Hertha fehlte die Geschwindigkeit

Das dritte in der zweiten Minute der Nachspielzeit könnte sich tatsächlich bei jedem Torschönheitswettbewerb sehen lassen. Wie der Ballstreichler Sancho die Passlücke fand, in der Marco Reus umringt von fünf Gegenspielern trotzdem die Ruhe besaß, den Ball optimal zu treffen – das war schon bewundernswert. Dardai nannte die Dortmunder Spieler „Raketen, da fehlte uns die Schnelligkeit“. Und letztlich auch die Kraft, die Räume zu verschließen, früher in die Zweikämpfe zu kommen. „Ich habe auch noch mal zu meinen Mitspielern gesagt“, sagte Lazaro, „dass Dortmunds Flügelspieler sehr schnell sind und wer noch keine Gelbe Karte hat, soll bei der Ballannahme schauen, dass sie da sind und den Gegner energisch stören sollen.“

Für einen emotionalen Fußballer wie Vedad Ibisevic muss die Gefühlslage eine verheerende gewesen sein nach dem Gegentor. Und als Bürki die letzten Sekunden mit Zeitspiel verbringen wollte, warf er dem Torwart den Ball an den Kopf. „Komisch“, sagte Pal Dardai, „dass der Schiedsrichter sich diese Szene angeguckt hat.“ Nach Auswertung der Bilder gab es Rot für Ibisevic. Herthas Kapitän war der letzte Täter des Abends. Die Strafe wird folgen.