Es sollte ja eigentlich nicht mehr passieren. Und trotzdem ist es wieder passiert. Am Dienstagmorgen um 5.40 Uhr hätte ein aus Berlin kommender ICE in der schönen Autostadt Wolfsburg haltmachen sollen. Der Zug war sogar pünktlich, er ist jedoch vorbeigefahren. In der Zeitung stand, der Grund sei unklar, die Deutsche Bahn werte den Fehler noch aus. Eine Konzernsprecherin versicherte, der Vorfall sei nur „eine Ausnahme“ gewesen.

Das ist für viele Berufspendler zu hoffen – und an diesem Wochenende auch für Hertha BSC. Am Sonnabend reist die Mannschaft nämlich mit dem Zug nach Wolfsburg, um – Achtung, eine Reisewarnung für alle Auswärtsautofahrer! – dem Stau zu entgehen, der wegen der Vollsperrung der Avus am und um das Kreuz Zehlendorf droht.

Seltsam das Ganze. Einerseits war die Chance, in Wolfsburg zu punkten, schon lange nicht mehr so groß wie in dieser Saison. Die Heimbilanz des VfL ist verheerend: sechs Spiele, kein Sieg, zwei Tore, zwei Unentschieden. Der Klub, der ja immer noch zu den Großen der Bundesliga zählt, ist zurzeit ein Scheinriese. Nicht viel kleiner ist andererseits die Chance, gar nicht anzukommen. Und das wäre sehr schade aus Berliner Sicht. Manager Michael Preetz sagte am Donnerstag: „Wir spielen am oberen Rand unserer Möglichkeiten. Wolfsburg dagegen hat eine Schwächephase.“

Drei Vorspiele

Es ist das vierte Mal, dass Hertha unter Pal Dardai auf Wolfsburg trifft. Beim ersten Mal, am 22. Februar 2015, war der neue Trainer noch keine drei Wochen im Amt. Das Auswärtsspiel ging (nur) 1:2 verloren, und Dardai sah, wie weit entfernt er noch davon war, diese Mannschaft vor dem Abstieg zu retten. Und er sah die Spieler, die ihm dabei helfen sollten. In der Startelf standen damals Marcel Ndjeng, Nico Schulz und Jens Hegeler.

Beim zweiten Mal, etwa ein halbes Jahr später, neue Saison, nicht abgestiegen, wieder auswärts, war eine Mannschaft zu sehen, die zwar mit einem (unnötigen) 0:2 vom Platz ging, aber wie verwandelt schien. Dardai sollte nach dem Spiel sagen: „Das sah endlich nach Fußball aus. Das ist die neue Hertha unter meiner Regie. Solchen Fußball haben wir in der vergangenen Saison nicht gespielt. Das ist jetzt auch schön anzusehen für die Fans.“

Noch schöner wäre es wohl gewesen, wenn diese neue Hertha eine Viertelstunde vor Schluss und beim Spielstand von 0:0 nicht mit sieben Spielern nach vorne gestürmt wäre, um ein Tor zu schießen. Die anderen drei konnten den Konter und das Gegentor nicht verhindern. „Ich hasse solche Spiele“, sagte der erstmals von Beginn an spielende Vedad Ibisevic. Dardai bilanzierte: „Diese Naivität ärgert mich. Das müssen wir schnell abstellen.“ Das taten sie. Sehr schnell. Es folgte eine grandiose Hinrunde.

Beim Rückrundenspiel in Berlin vor zehn Monaten, ein (gerechtes) 1:1, waren bereits erste Anzeichen zu erkennen, warum es letztlich nicht reichen sollte für die Champions League oder wenigstens zu Platz sechs. Die Effektivität beim Torschuss war weg, die mit Liebe zum Detail erarbeiteten Mechanismen funktionierten immer weniger und nach Ostern fast gar nicht mehr. Dardai: „Ich wusste, dass wir noch mal in ein Loch fallen.“ Die Saison endete mit sieben sieglosen Spielen in Serie. Und jetzt?

Schieber für Ibisevic?

Die übliche Zurückhaltung vor einer Auswärtsreise nach Wolfsburg ist teils verflogen. Es spielt hier ja der Dritte gegen den Vierzehnten. Dardai sagte entsprechend selbstbewusst: „Wir wollen gewinnen und versuchen, oben dranzubleiben.“ Der Zeitpunkt ist tatsächlich günstig. Das Team von Trainer Valérien Ismaël sucht noch nach Form und System. Dardai: „Wenn es irgendwann funktioniert, dann wird es bestimmt besser aussehen.“ Seine Hoffnung ist diese: noch nicht am Sonnabend.

Sie müssen trotzdem erst mal auf sich schauen und überlegen, was die verletzungsbedingten Ausfälle von Mitchell Weiser und Per Skjelbred und die Sperre von Ibisevic für ihr eigenes Spiel bedeuten. „Es ist eine unserer Stärken“, sagte Dardai, „dass immer einer da ist, wenn ein anderer ausfällt.“

Spannend ist dabei vor allem die Frage, wer ganz vorne im Angriff auflaufen wird. Julian Schieber ist die natürlichste Wahl. Er wartet seit Wochen auf eine Gelegenheit. Dardai: „Er hat gute Chancen zu spielen.“ Der Trainer war zuletzt immer konkreter, wenn es darum ging, seinen Ersatzplan zu präsentieren. Vielleicht will er auch nur abwarten, wer sich am schnellsten umziehen wird, sollten sie mit Verspätung in Wolfsburg ankommen.