Es gibt diesen inoffiziellen Titel im Fußball, subjektiv ist er auch, und deshalb eigentlich nicht viel wert. Aber verliehen wird er trotzdem vor jeder Saison, von Journalisten, Fans und Trainern, und der Titel heißt: Gewinner der Vorbereitung.

Das Wahlprozedere ist ganz einfach: Es gewinnt, wer vor dem ersten Pflichtspiel a) nicht verletzt ist, b) glaubhaft versichern kann, dass die neue Spielzeit mindestens besser wird als die alte und c) in den Testpartien auch durch Taten auffällt. Jens Hegeler ist der Gewinner der Vorbereitung – zumindest einer. Weil sie diesmal anders für ihn verlief. Und weil man es von ihm nicht mehr erwartet hätte, dass er womöglich doch noch Herthas so offensichtliche Offensivprobleme lösen könnte.

Als Hegeler im vergangenen Sommer nach Berlin kam, als Erster von neun Spielern, hatte er gerade eine lange Verletzungspause hinter sich gelassen, aber nicht deren Folgen. Schon nach wenigen Spielen galt er vielen Beobachtern als zu langsam, zu statisch, irgendwie ungelenk, und seine zwischenzeitlichen Einsätze in der Innenverteidigung änderten nur wenig an der schlimmsten aller Einschätzungen: Dieser Hegeler ist ein Fehlkauf. So etwas tut weh. So etwas lässt zweifeln. Und wie sehr, das hat man ihm angesehen. Tief hingen die Schulter, flatterig war der Fuß, und der Blick klebte irgendwo knapp über der Grasnarbe. Hegeler, 27 Jahre alt und 1,93 Meter groß, sagt heute: „Ich weiß, dass meine Körpersprache nicht optimal ist. Ich werde daran arbeiten. Aber mit meiner Größe sieht es immer schlaksig aus. Bei 1,70 Meter wirkt alles immer dynamischer.“ Und dann weht ein Hauch von Selbstkritik: „Vielleicht hätte ich mich vergangene Saison besser präsentieren können.“

Gerade trifft Hertha im Jahnsportpark auf den italienischen Erstligisten CFC Genua 1893, es ist der letzte Test vor dem DFB-Pokalspiel in Bielefeld am Montag in acht Tagen. Hegeler wird aller Voraussicht nach dort spielen, wo er zuletzt seine Saisonvorbereitungspunkte gesammelt hat: auf der Zehn. Zusammen mit Vladimir Darida, auf der Acht, und Fabian Lustenberger oder Per Skjelbred, auf der Sechs, muss Hegeler zeigen, ob Pal Dardais Plan aufgehen kann. Es ist Zeit.

Wie ein Querpassautomat

Der Plan ist, mit mehr Ballbesitz zu mehr Torchancen zu kommen. Die drei zentralen Mittelfeldspieler sollen häufig die Positionen tauschen, immer anspielbar sein für die Verteidiger und die Bälle manchmal etwas genauer in die Tiefe spielen. In der vergangenen Saison war Hertha ein unter Druck stotternder Querpassautomat mit nur einer Zusatzoption: lang nach vorne. Die Frage ist nur: Wie kann eine kaum bis gar nicht veränderte Mannschaft ihr automatisiertes Spiel ändern?

An Hegeler kann man es erahnen, zuletzt im Trainingslager. Als hätte jemand seine Festplatte neu beschrieben, dreht er sich nicht mehr in die falsche Richtung nach der Ballannahme, läuft er nicht in tote Ecken, wo mehr Feinde als Freunde auf ihn warten. Doch das war bei allem Respekt für die bisherigen Testspielgegner auch nicht so schwer. Genua ist die erste Mannschaft, die versuchen wird, mehr vom Spiel zu haben als nur die Krümel einiger Konter.

Zufrieden ist Dardai natürlich immer noch nicht mit Hegeler. Der Trainer sagt: „Jens muss mehr Körperspannung bekommen, an seiner Körperhaltung arbeiten.“ Immerhin hat Hegeler schon seine Körpersprache verbessert. Schultern hoch, fester Fuß, Augen geradeaus. Aber wenn das am Ende doch wieder nicht reicht?

Alternativen hat Dardai nicht viele. Valentin Stocker, der auch zentral hinter Salomon Kalou spielen könnte, ist zunächst auf dem linken Flügel vorgesehen und wird dort wohl länger bleiben, wenn Herthas Trainer nicht doch noch seinen Wunschspieler Balazs Dzsudzsak bekommt. Bleibt dann nur noch Alexander Baumjohann, der am liebsten schon in Bielefeld auflaufen würde. Doch er ist noch zu weit weg von seinen früheren Ballfertigkeiten. Das sieht auch Pal Dardai so. Baumjohann trägt zwar den Titel, der beste Techniker der Mannschaft zu sein. Aber auch der ist nur inoffiziell und damit wertlos.