Standhaft: Jessic Ngankam im Trainingsduell mit Maurice Covic, in Vor-Corona-Zeit.
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BerlinWas geht wohl in einem jungen Spieler wie dem 19-jährigen Jessic Ngankam vor, der zum ersten Mal in seinem Leben in den Kader eines Bundesligisten berufen wird und vor dem Erstligadebüt steht? Schaut er in der Kabine ehrfürchtig auf seine Vorbilder, die Vedad Ibisevic oder auch Matheus Cunha heißen? Oder ist er voller Adrenalin? Ich weiß es nicht. Interviews hat Ngankam, ein Deutsch-Kameruner, noch nicht gegeben. Seit 13 Jahren trainiert der wuchtige Mittelstürmer für den Traum vom Profi bei Hertha in sämtlichen Nachwuchsteams bis hin zur U23.

Am Sonnabend war es in Hoffenheim so weit. Trainer Bruno Labbadia brachte Ngankam in der 79. Minute beim Stand von 3:0. „Jessic hat sofort unbekümmert gespielt“, lobte Manager Michael Preetz später. Dieser Wechsel bewies, dass es Labbadia ernst meint, als er den Talenten aus der Klub-Akademie sagte: „Die Tür steht für alle offen, ihr müsst aber bereit sein, durchzugehen.“

Ngankam wird ein enormer Wille nachgesagt. Er empfahl sich durch starke Auftritte in der U23. Dort kam er in dieser Regionalliga-Saison in 22 Spielen auf elf Tore und auch elf Assists. Sofort weckte er das Interesse anderer Klubs – von Borussia Mönchengladbach über den FC St. Pauli bis zu Red Bull Salzburg.

Wer ist dieser Ngankam? Herthas U19-Trainer Michael Hartmann kennt das Talent bestens. 2018 wurde Ngankam unter Hartmann Deutscher Meister der A-Jugend und 2019 Torschützenkönig der Junioren-Bundesliga Staffel Nordost. Der Coach lobt: „Jessic besitzt eine tolle Einstellung. Er hat eine sehr gute Physis, ist äußerst schussstark. Und: er hat intensiv daran gearbeitet, seine Emotionen auf dem Platz im Griff zu haben.“ Eigenschaften, die auch Labbadia imponieren. Ngankam und einige andere Talente trainierten seit Wochen bei den Profis mit, waren im „Quarantäne-Hotel“, dem Palace, beim Team und lernten ihre Vorbilder genauer kennen.

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Hertha-Kenner

Michael Jahn begleitet seit mehr als zwei Jahrzehnten den Berliner Fußball-Bundesligisten Hertha BSC. Immer mittwochs gibt er in dieser Kolumne seine Expertise zu der Mannschaft, dem Klub und seinem Umfeld ab.

Als Reporter habe ich Dutzende Talente gesehen, die bei Hertha zum Profi aufstiegen. Viele schafften den Sprung zum gestandenen Bundesligaspieler – ob in Berlin oder anderswo, andere nicht. Ngankam ist der 72. Spieler aus der Hertha-Akademie, der seit 2000 ins Profi-Geschäft gelangte.

Ngankam profitierte von der Regel in Corona-Zeiten, die fünf Auswechslungen erlaubt. Man kann gespannt sein, wie seine Entwicklung verläuft. Es gab sehr unterschiedliche Geschichten rund um Talente.

Eine schrieb Lennart Hartmann. Der feierte im August 2008 unter Trainer Lucien Favre bei Eintracht Frankfurt sein Erstligadebüt. Hartmann war 17 Jahre, vier Monate und 14 Tage alt und ist bis heute der jüngste Bundesligaspieler der Hertha. Später plagten ihn viele Verletzungen. Die große Karriere wurde es nicht. Er sagte mir nun im Gespräch: „Mir ist damals erst Stunden nach dem Spiel in Frankfurt bewusst geworden, was passiert war. Ich hatte mir selbst viel Druck gemacht, wollte meine Mitspieler und den Trainer nicht enttäuschen. Das war schon ein tolles Gefühl. Es war der Moment, auf den man Jahre gewartet hat.“ Hartmann hat Ngankams Debüt interessiert beobachtet.

Jüngste Meldungen besagen, dass der 19-Jährige bald einen Vertrag bis 2023 bei Hertha unterschreiben wird. Labbadia und Preetz haben ihn in intensiven Gesprächen überzeugt – frei nach dem Klub-Motto: „Die Zukunft gehört Berlin!“