Jürgen Klinsmann sagt auf ungewöhnliche Weise Tschüss.
Foto: Matthias Koch

BerlinBei Hertha BSC gab es schon oft kuriose Ereignisse rund um die Fußballlehrer, die die Blau-Weißen führen sollten. Der legendäre Dettmar Cramer ging in den 1970er Jahren als Trainer für einen Tag in die Historie ein, als er seinen Job nach 24 Stunden hinwarf. Es gab Spielzeiten mit insgesamt vier Übungsleitern und es wurde einst Otto Rehhagel aus der Rente zurück auf den Schenckendorff-Platz zur Hertha geholt. Aber noch nie gab ein Chefcoach seinen völlig überraschenden Rücktritt zuerst auf Facebook bekannt, ehe sämtliche Gremien – also Präsidium und Aufsichtsrat – vollständig informiert worden waren. Jürgen Klinsmann, 55, hat das nun am Dienstagmorgen getan.

Der ehemalige Bundestrainer überrumpelte mit seinem  Rückzug Manager Michael Preetz und Präsident Werner Gegenbauer, mit denen er Hertha eigentlich in eine glanzvolle Zukunft führen wollte. „In drei bis fünf Jahren“, so Klinsmann noch vor wenigen Wochen, „wollen wir auch um Titel mitspielen und in der Champions-League dabei sein.“

Klinsmann hinterlässt Ratlosigkeit

Jetzt hinterlässt Klinsmann Ratlosigkeit im Verein und bei einer Mannschaft, die mitten im Abstiegskampf und vor wichtigen Spielen in der Liga steht. Noch am Montag hatte Klinsmann in seinem traditionellen Live-Chat auf Facebook mit den Fans kommuniziert und von den Vorbereitungen auf das kommende Duell beim SC Paderborn am Sonnabend berichtet. Nichts deutete da auf seinen drastischen Schritt hin.

Klinsmann, so Augenzeugen, soll am Vormittag auf der Geschäftsstelle vorgefahren sein und habe Manager Preetz informiert. Danach habe er die Mannschaft zusammengerufen. Mittelfeldspieler Marko Grujic berichtete später: „Wir dachten, es gibt eine Videoanalyse vom Mainz-Spiel. Dabei teilte der Trainer seinen Rücktritt mit. Wir waren geschockt. Das ist schade!“

Das Vormittagstraining leitete Klinsmanns bisheriger Assistent Alexander Nouri. Auch der zweite Assistenztrainer Markus Feldhoff stand auf dem Rasen, genauso wie Konditionstrainer Werner Leuthard. Dieses Trio hatte Klinsmann Ende November bei seiner Inthronisierung als seinen „Staff“, wie er sagte, mitgebracht. Alle besitzen Verträge bis Juni 2020. Die   geplante Medienrunde mit Nouri sagte Hertha ab. Um 11.18 Uhr meldete der Verein die Demission von Klinsmann und gab bekannt, dass Nouri, 40, „zunächst einmal mit dem aktuellen Trainerteam das Training der Lizenzspielermannschaft übernimmt“. Manager Michael Preetz: „Wir sind von dieser Entwicklung heute Morgen überrascht worden. Insbesondere nach der vertrauensvollen Zusammenarbeit hinsichtlich der Personalentscheidungen in der für Hertha BSC intensiven Wintertransferperiode gab es dafür keinerlei Anzeichen.“

Alle Präsidiumsmitglieder wurden überrumpelt

Alle Präsidiumsmitglieder wurden auch von der Nachricht überrumpelt. „Ich habe es auf Facebook gelesen“, sagte ein Mitglied des Gremiums, „das wird heftige Probleme nach sich ziehen. Auch ein Konflikt mit Investor Lars Windhorst ist möglich.“ Windhorst, dessen Vertrauter Klinsmann ist, ließ sich in der Bildzeitung zitieren: „Ich habe gestern von der Entscheidung erfahren.“ Später korrigierte er, dass auch er erst am Dienstag davon erfahren haben will.

Wir sind von dieser Entwicklung heute Morgen überrascht worden. Insbesondere nach der vertrauensvollen Zusammenarbeit hinsichtlich der Personalentscheidungen in der für Hertha BSC intensiven Wintertransferperiode gab es dafür keinerlei Anzeichen.

Michael Preetz

Wie diese Zeitung erfuhr, soll sich der Konflikt an Zukunftsüberlegungen und Forderungen Klinsmanns entzündet haben. Der Trainer soll eine vorzeitige Vertragsverlängerung angestrebt haben, nicht unbedingt als Trainer, sondern in der neuen Saison als eine Art Technischer Direktor. In einer neuen Funktion wollte er wohl zahlreiche Vollmachten beanspruchen. „Das war schon extrem“, sagte ein Insider aus der Führungsetage. Herthas Geschäftsführer Michael Preetz und Ingo Schiller wollten mit Klinsmann weiter arbeiten, den von der Klinsmann-Seite vorgelegten Vertragsentwurf für künftige Aufgaben aber angesichts der prekären sportlichen Situation erst einmal „auf Eis“ legen. Die volle Konzentration sollte der Mannschaft gelten und dem Entkommen aus der Abstiegszone.

Warum Klinsmann mit solch einem Vorgehen nicht leben konnte, bleibt sein Geheimnis. Ob noch andere Gründe für seinen  Schritt vorliegen, ist für den Moment reine Spekulation. Merkte er, dass er sportlich die Mannschaft im Moment nicht weiterbringt? Hat ihn der Auftritt beim 1:3 gegen Mainz 05 geschockt?

In einem Interview mit der Bildzeitung erklärte er am Dienstagabend, dass es sich jedenfalls um keine "Spontan-Entscheidung" gehandelt habe. "Ich habe schon länger das Gefühl, dass es in dieser Form nicht funktioniert", sagte er, um ein paar Sätze später im Endeffekt zu bestätigen, dass es ihm um eine Ausweitung seiner Macht ging und darüber ein Machtkampf im Klub entbrannt sei.  "Es gab einfach verschiedene Denkweisen und vor allem verschiedene Kulturen. Und verschiedene Arten der Herangehensweise. Natürlich geht es auch um die Kompetenzverteilung. Nach meinem Verständnis sollte ein Trainer – nach dem englischen Modell – die gesamte sportliche Verantwortung tragen. Also auch über Transfers. Das gibt der Position wesentlich mehr Power. Das hat sich in Deutschland mit Sportvorständen und Direktoren anders entwickelt. Da finde ich mich nicht wieder. Es geht viel zu viel Energie verloren für Dinge, die außerhalb des Spielfeldes liegen.“ 

Wenige spielerische Fortschritte

Ursprünglich war Klinsmann, Weltmeister von 1990, als Berater   vorgesehen gewesen. Nachdem  Windhorst in zwei Tranchen insgesamt 224 Millionen Euro in Hertha investierte und dafür 49,9 Prozent der Anteile der Hertha BSC GmbH & Co. KGaA erwarb, beorderte er Klinsmann als seinen „Botschafter“ und sportlichen Berater in den Aufsichtsrat. Er wollte in diesem Gremium die sportliche Kompetenz erhöhen. Als aber Ante Covic nach zwölf Spieltagen wegen Erfolglosigkeit als Cheftrainer entlassen wurde, holte Hertha Klinsmann in einer Nacht- und Nebel-Aktion von seinem Wohnsitz in Kaliforniern nach Berlin und ernannte ihn zum Cheftrainer.

Es entstand ein Hype, Hertha war in den überregionalen Medien so prominent vertreten wie in fünf Jahren zuvor zusammen nicht − auch Aufbruchsstimmung machte sich breit. Klinsmann aber änderte radikal die Struktur und Hierarchie der Mannschaft. Einst wichtige Spieler mussten gehen und wurden verliehen, im Winter wurden für vier Zugänge auf Betreiben des Trainers 77 Millionen Euro investiert – Ligaspitze! Seine Bilanz nach 77 Tagen Trainer: drei Siege, drei Remis und drei Niederlagen. Dazu das dramatische Aus im DFB-Pokal bei Schalke 04 (2:3 nach Verlängerung). Klinsmann hatte das Team stabilisiert, spielerische Fortschritte aber waren nicht zu sehen. 

Manager Preetz jedenfalls hat einige Entscheidungen des Trainers hinterfragt, vor allem die personellen Rochaden und auch die Außendarstellung. Klinsmann sprach viel von der glorreichen Zukunft, folgte dem von Windhorst kreierten Wort vom „Big-City-Club“. Doch Visionen und Realität passten zuletzt immer weniger zusammen. Gab es nun zunehmend den Konflikt zwischen der alten Hertha-Achse Preetz und Präsident Gegenbauer und den Erneuerern Klinsmann/Windhorst? Ein Mitglied aus dem Führungszirkel sagte, dass es bei der Bestellung von Klinsmann als Trainer Ende November 2019 durchaus auch Bedenken in den Vereinsgremien gegeben habe. Im Nachhinein sei Klinsmann als Trainer überbewertet gewesen.

Hertha muss einen Trainer suchen

Wie soll es nun weitergehen? Hertha muss sich einen neuen Trainer suchen. Am Sonnabend in Paderborn soll voraussichtlich Alexander Nouri das Team coachen. Oder holt Preetz in Andreas „Zecke“ Neuendorf den U23-Trainer zu den Profis? Wohl kaum, nach den Erfahrungen mit Ante Covic. Es heißt, der von den Hertha-Fans bevorzugte gebürtige Berliner Niko Kovac habe zumindest im Moment kein Interesse. Der im November 2019 bei Bayern München entlassene Kovac, einst auch Profi bei Hertha, erholt sich in seinem Wohnort Salzburg und soll – so Gerüchte – auf Angebote aus der Premier League spekulieren.

Wie Jürgen Klinsmann, der weiter als Aufsichtsrat bei Hertha tätig sein will, in Zukunft mit denjenigen Personen zusammenarbeiten kann, die er – ohne Namen zu nennen – mit für seinen Rücktritt verantwortlich macht, bleibt ein Rätsel.

Schalke muss 50.000 Euro Geldstrafe zahlen

Rassismusskandal: Der FC Schalke 04 ist wegen des Rassismus-Vorfalls beim Pokalspiel gegen Hertha BSC mit einer Geldstrafe von 50 000 Euro belegt worden. Das Sportgericht des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) ahndete mit dem Urteil vom Dienstag die rassistischen Beleidigungen von Hertha-Profi Jordan Torunarigha durch Schalker Fans, die während der Partie am 4. Februar Affenlaute gerufen hatten. Der DFB-Kontrollausschuss drohte den Gelsenkirchenern im Wiederholungsfall mit weitergehenden Sanktionen. Schalke kann bis zu 16 000 Euro der verhängten Geldbuße für konkrete Maßnahmen im Kampf gegen Rassismus und Diskriminierung verwenden, was dem DFB bis zum 30. September 2020 nachzuweisen wäre