Hast du das gesehen? Herthas Trainer Jürgen Klinsmann mit Team-Manager Arne Friedrich.
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Berlin-CharlottenburgDer Satz beschrieb gut, was das Handeln des Fußballtrainers Jürgen Klinsmann bestimmt. „Im Fußball kann vieles über Nacht passieren“, hat der 55-Jährige gesagt. Da führte er sich gerade als neuer Chefcoach des Berliner Bundesligisten Hertha BSC ein und verdeutlichte den anwesenden rund 100 Journalisten seinen Satz mit einer kleinen Geschichte: „Vor ein paar Wochen war ich beim Spiel der Hertha gegen Leipzig im Olympiastadion, da habe ich nicht geglaubt, heute als Trainer vor euch zu sitzen.“  Klinsmann war zu diesen Zeitpunkt Bevollmächtigter des Großinvestors Lars Windhorst im Aufsichtsrat der Hertha BSC KGaA.

Es kann viel passieren, und deshalb hat Jürgen Klinsmann ein System etabliert, das ihn schnell reagieren lässt. Er unterhält ein weit verzweigtes Netzwerk. „Wenn ich einen Trainerjob übernehme, bin ich vorbereitet und habe einen Stab auf Abruf“, sagt Herthas Chefocach. Von diesen Experten habe er mehrere in petto.

Klinsmann kommt mit großem Anhang

Für ein Angebot aus Südamerika, wie zuletzt aus Ecuador, mit vor allem spanisch sprechenden Mitarbeitern. Für einen Lockruf aus England, wo er einst als Profi bei Tottenham zum Liebling der Fans aufgestiegen war. Oder wie jetzt aus der Bundesliga. „Das sind alles absolute Fachleute“, sagt Klinsmann, der selbst auf Englisch, Italienisch oder Französisch parlieren kann. Immer, wenn der gebürtige Schwabe irgendwo als Trainer einsteigt, bringt er einen großen Stab an engen Mitarbeitern mit.

Das System Klinsmann machte es nun auch möglich, dass er sehr schnell sein Team in Berlin präsentieren konnte. Dazu zählen die beiden Assistenten Alexander Nouri, 40, und Markus Feldhoff, 45, Torwarttrainer Andreas Köpke, 57, und Konditionstrainer Werner Leuthard, 56. Der ehemalige Hertha-Kapitän Arne Friedrich, 40, wird als Team-Manager arbeiten. Klinsmann nennt ihn einen „Performance-Manager“.

Ein wenig amerikanisch kommt sein Team für Hertha schon daher, zumindest haben Alexander Nouri und Arne Friedrich einige Bindungen an die USA, wo Klinsmann einst Nationaltrainer war und seit 1998 mit seiner Familie nahe Los Angeles lebt. Nouri, 2016/17 für kurze Zeit Shootingstar als Trainer in Bremen, bildete sich bei Klubs der Major League Soccer weiter, in Seattle und Los Angeles. Klinsmann und Nouri verbindet ihr Faible für den amerikanischen Weg, also interdisziplinäres Training und viel Kommunikation.

Arne Friedrich wiederum gehörte bei der WM 2006 unter dem DFB-Teamchef Klinsmann zum Stammaufgebot und versuchte, sich nach seinem Karriereende vielseitig aufzustellen. Der 82-malige Nationalspieler erlangte die B-und die A-Lizenz als Trainer und war Assistenzcoach der deutschen U18-Auswahl. Er arbeitete als TV-Experte für den chinesischen TV-Sender Now Sports und für den US-Sender Fox-Sports. In der ARD war Friedrich zuletzt als Fachmann beim DFB-Pokalfinale zwischen Bayern München und RB Leipzig im Mai zu sehen. In seiner Freizeit versuchte er sich zuletzt sogar beim Boxtraining.

Wenn ich einen Trainerjob übernehme, bin ich vorbereitet und habe einen Stab auf Abruf.

Jürgen Klinsmann

Friedrich, der 231 Bundesligaspiele für Hertha bestritt, beendete seine Profilaufbahn bei Chicago Fire, jettet häufig in die USA, wo er zudem beruflich engagiert ist und laut Klinsmann inzwischen „auch eine Wohnung nahe L.A.“ besitzt. Manager Michael Preetz bemerkte: „Arne ist ein bisschen auf der Suche nach etwas Längerfristigem.“ Laut Klinsmann soll Friedrich „ganz eng an der Mannschaft arbeiten und mit mir viele Bereiche abdecken, als Bindeglied zu Preetz. Es gehe etwa „um Psychologie und die Chemie im Team und um eine Art Karriereplaner für die Profis“.

Andreas Köpke, der Bundestorwarttrainer, bleibt zunächst bis Jahresende mit dem Segen des Deutschen Fußball-Bundes in Berlin. Sein Engagement mag überraschen, da Hertha mit Zsolt Petry einen starken Coach für die Keeper besaß. Doch steht die Personalie für das System Klinsmann: Köpke steht schon lange in enger Verbindung mit dem Hertha-Trainer und erlebte mit diesem das Sommermärchen bei der WM 2006 mit dem dritten Platz am Ende. Mit seiner hohen Kompetenz und enormen Erfahrung kann Köpke ein Gewinn sein. Pikantes Detail am Rande: Sein Sohn Pascal, 24, gehört zum Profiaufgebot der Hertha. Aber der Stürmer konnte sich bislang nicht durchsetzen.

Ein wenig fürchten sollten sich die Berliner Profis vor Konditionstrainer Werner Leuthard. Der sei „ein Haudegen mit jahrzehntelanger Erfahrung in der Bundesliga“, sagt Klinsmann. Leuthard hat sich als Assistent von Felix Magath einen Namen gemacht. Der Oberleutnant der Bundeswehr war an Magaths Seite bei Schalke 04 und in Wolfsburg, wo er 2008/09 sogar die deutsche Meisterschaft feiern konnte. Zuletzt arbeitete Werner Leuthard unter Adi Hütter bei Eintracht Frankfurt.

Bewährung gegen Borussia Dortmund

Bleibt der ehemalige Bundesliga-Profi Markus Feldhoff, der im Schlepptau von Alexander Nouri zu Hertha kommt. Feldhoff, der in der Bundesliga für Uerdingen, Leverkusen und Mönchengladbach stürmte, arbeitete schon als Nouris Assistent in Bremen. Im November 2018 wurde das Duo in Ingolstadt nach acht sieglosen Spielen entlassen.

Klinsmann sagt, er stehe einem „Team voller Tatendrang und Energie“ vor. Es könne „Dinge in die Hand nehmen, um so schnell wie möglich Punkte zu holen und langsam nach oben zu klettern“. Am Sonnabend (15.30 Uhr) empfängt Hertha im Olympiastadion Borussia Dortmund. Dann muss sich das System Klinsmann in Berlin erstmals bewähren.