Auf einmal stand Salomon Kalou allein da. Das Auslaufen auf dem Schenckendorffplatz war beendet. Die Kinder, die den neuen Hertha-Stürmer gerade noch umringt und um Autogramme gebeten hatten, wurden mit strengen Worten vom Rasen geschickt. Kalou wusste nicht so recht, was nun zu tun war. Sollte er in die Kabine gehen oder hatte er noch eine Aufgabe zu erledigen? Ein anderer hätte vermutlich einfach entschieden, was die beste Lösung für ihn selbst wäre und wäre losgelaufen – so ist Kalou aber nicht, also wartete er brav.

Hertha-Trainer Jos Luhukay bezeichnet den ivorischen Nationalspieler als sehr ruhige und zurückhaltende Person: „Wenn man nicht wüsste, dass er schon so eine große Karriere hinter sich hat, man würde es nicht merken.“ Kalou selbst sagt, er beobachte gern und halte sich lieber im Hintergrund.

Mut zur Verantwortung

Auf dem Feld ist der 29-Jährige ganz anders. Da ist er mutig und voller Selbstvertrauen. Als Valentin Stocker am Freitagabend im Spiel gegen den VfB Stuttgart gefoult wurde, dauerte es nur wenige Sekunden, bis Kalou sich den Ball schnappte, um den Strafstoß zu verwandeln. „Ich möchte mit meiner Erfahrung helfen und Führungsspieler sein“, sagte er. Anders als gegen Mainz 05, als er Ronny noch den Vortritt lassen musste, durfte er die Verantwortung dieses Mal auch übernehmen und den Ausgleich zum 1:1 erzielen.

Der brasilianische Publikumsliebling saß indes nur auf der Ersatzbank, zu wenige Impulse waren in den vergangenen Wochen von ihm ausgegangen. „Ein Stürmer ist auch davon abhängig, was hinter ihm passiert, und das war in den vergangenen Spielen zu wenig“, hatte Luhukay gesagt. Als Konsequenz brachte er Valentin Stocker und Änis Ben-Hatira, denen es auch gelang, das offensive Mittelfeld zu beleben.

„Valentin habe ich das erste Tor zu verdanken“, sagte Kalou. Auch das zweite Tor bereitete der Schweizer vor. Getroffen hat Kalou allerdings beide Male allein. Das klingt zwar simpel, doch gerade in den vergangenen Jahren präsentierte sich die Hertha immer wieder als Mannschaft, die sich zwar Chancen erarbeitet, den Ball aber einfach nicht im Tor unterbringen kann.

Kalou hingegen bringt diese routinierte Kaltschnäuzigkeit mit, die man bei seinem Treffer zum 2:1 gut beobachten konnte: Durch eine minimale Verzögerung verlud er Stuttgarts starken Schlussmann Thorsten Kirschbaum und schob den Ball in aller Ruhe an ihm vorbei in die freie Ecke. Ob das einem Julian Schieber oder einem Sandro Wagner gelungen wäre, ist höchst zweifelhaft, haben sie doch im Saisonverlauf bereits beide unter Beweis gestellt, dass sie trotz aller Bemühungen zu viele Nerven zeigen. Und auch ein Adrián Ramos gehörte trotz seiner 16 Treffer in der vergangenen Spielzeit nicht zu der Kategorie Stürmer ohne Nerven. Etwas mehr Abgeklärtheit hätte vielleicht in der Saison 2011/12 zum Klassenerhalt gereicht oder auch zu einer besseren Platzierung in der vergangenen Saison.

Ein Stürmer, der Bälle, die rein müssen, im Tor unterbringt, dem aber auch mal ein Treffer gelingt, mit dem keiner gerechnet hatte, gibt der gesamten Mannschaft Selbstvertrauen. „Gerade in engen Spielen ist es gut, wenn man weiß, man hat so jemanden wie Salomon“, sagt Luhukay. Um derart routiniert aufzutreten, bedarf es vieler Jahre an Erfahrung und Spielpraxis – und die hat Kalou: Als 18-Jähriger kam der an der Elfenbeinküste geborene Stürmer zum ersten Mal nach Europa, spielte drei Jahre bei Feyenoord Rotterdam, bevor er sich 2006 von José Mourinho in die Premier League locken ließ. Zu Beginn brachte er noch eine Kamera mit um festzuhalten, dass er tatsächlich mit John Terry und Michael Ballack trainierte, doch spätestens beim Gewinn der Champions League 2012 war er selbst zum Angreifer auf Weltklasseniveau gereift.

Beim OSC Lille gelangen Kalou in zwei Spielzeiten 30 Tore. Wenn er seinen bisherigen Schnitt in der Bundesliga beibehält (fünf Spiele, drei Tore), kann er diese Quote locker erreichen. Dafür ist es allerdings nicht nur vonnöten, dass − wie im Spiel gegen Stuttgart − viele Impulse vom Mittelfeld ausgehen. „Ich muss mich auch wohlfühlen im Team“, sagte Kalou. Dann sei es für ihn auch einfacher, eine gute Leistung auf den Platz zu bringen.

Rate mal, wer zum Essen kommt

Bei Hertha fühle er sich gut aufgehoben, was nicht zuletzt an Abwehrchef John Heitinga liegt. Als Gegner sind sich die beiden in Eredivisie und Premier League schon begegnet, inzwischen weiß Kalou aber auch Heitingas Qualitäten als Teamkollege zu schätzen: „Johnny hat mir meine Wohnung besorgt“, sagte er. Nun wohnen sie im gleichen Haus, zum Essen darf Kalou stets vorbeikommen. „Ich habe ihm schon gesagt, dass er mir einen Zweitschlüssel geben soll“, verriet Kalou.

Am Freitag hatten die beiden sogar während der Spiels Zeit, sich auszutauschen. In der 64. Minute wurden sie gemeinsam ausgewechselt – Heitinga, weil er rotgefährdet war, Kalou, weil er in der ersten Hälfte einen Schlag in die Hüfte bekommen hatte. „Die ganze Halbzeit wurde er behandelt, und auch danach habe ich gesehen, dass er Probleme mit dem Antritt hatte“, sagte Luhukay. Das 2:1 konnte Kalou trotzdem schießen, nicht zuletzt, weil sich der Wechsel eine ganze Weile hinauszögerte. „Er ist kalt vor dem Tor und hat keinen Puls“, lobte Manager Michael Preetz. Kalou bleibt bescheiden: „Es ist noch viel Arbeit zu tun“, sagte er.