Jürgen Klinsmann entfachte bei der WM im Sommer 2006 ungeahnte Begeisterung.
Foto: City-Press GmbH/Jan-Philipp Burmann

BerlinDer mit kleinen Sponsorenlogos und großen Stadionbildern geschmückte Medienraum, in dem Hertha BSC die wichtigen und weniger wichtigen Dinge zu erklären pflegt, bietet etwa dreißig Sitzplätze und ein paar Quadratmeter für Fragen aus dem Stand.

Selbst wenn der Klub in den vergangenen Jahren sehr Wichtiges angekündigt hatte, war das Interesse stets überschaubar. Es reichte, pünktlich zum Termin zu erscheinen, es herrschte bis zuletzt freie Platzwahl.

Nicht so am Mittwochnachmittag. Eine Stunde vor dem Pressegespräch waren die meisten Lederstühle besetzt oder kollegial reserviert, hatte die Gerüchteküche geschlossen, lagen endlich die Fakten auf dem Tisch, wurde eifrig unter knapp hundert Experten diskutiert: Was heißt das jetzt alles für Hertha, für dieses Sorgenkind der Stadt, dem angeblich die Zukunft gehören soll, das aber erst einmal mit dieser blöden Gegenwart klarkommen muss?

Der Sommermärchenerzähler übernimmt

Kurz vor elf Uhr hatte der Klub mitgeteilt, dass Ante Covic die sportliche Verantwortung für die Bundesligamannschaft entzogen wird – nach vier Niederlagen in Serie – und dass bis zum Saisonende im Mai Jürgen Klinsmann übernimmt. Der frühere Stürmer und Weltmeister, der spätere Sommermärchenerzähler.

Eine Trainerentlassung allein ist schon ein großes Ding, aber meist ein lokales Phänomen. Dagegen ist eine Pressekonferenz mit Klinsmann ein Ereignis von internationaler Bedeutung. Selbst in Kalifornien waren die Folgen zu spüren. Denn dort, in einer Villa am Huntington Beach in der Nähe von Los Angeles, wohnt die Familie Klinsmann.  

Frau Klinsmann ist nicht unbedingt glücklich darüber, dass sie Thanksgiving ohne ihren Mann verbringen muss. Aber sie hat ihrem Jürgen erlaubt, ohne Rückflugticket nach Berlin zu reisen, um eine heikle Mission zu erfüllen: die Rettung von Hertha BSC vor dem Abstieg.

Die Bausteine zusammensetzen

Klinsmann, 55, Pulli, Jackett, wie immer gesunde Sonnenbräune im Gesicht, wirkte noch etwas müde an diesem grauen und verregneten Nachmittag. Der Berliner Winter wartet. Und Klinsmanns Rettungsmission ist es, eine ohnehin schon zittrige, neulich in Augsburg (0:4) sogar verdächtig lustlos auftretende Mannschaft aus den Niederungen der Tabelle (Platz 15) nach oben zu führen.

Doch bevor der neue Trainer erklärte, dass dies nur langsam und „Schritt für Schritt“ gehen wird, weil ja schon am Wochenende „ein kleiner Brocken“ (Borussia Dortmund) im Olympiastadion wartet und er erst noch alle „Bausteine zusammensetzen“ muss, sodass attraktiver Fußball vorerst „allenfalls ein Idealbild“ sein kann, bevor also seine ersten Sätze akustisch mit dem Klackern der Fotokameras konkurrierten, startete Klinsmann mit einem Witz in den ersten Arbeitstag. Zu den Fotografen sagte er: „Ich brauche ja ein neues Passbild für den Reisepass.“ Er fliege so viel. Später gestand er: „Der Jetlag ist Teil meines Lebens.“

Zuletzt war Klinsmann Anfang November in Berlin; Hertha verlor ein Heimspiel gegen Leipzig, gewann dafür ein neues Mitglied im Aufsichtsrat. Und für alle, die sich bereits davor gefragt hatten, was Lars Windhorst, der Mann, der sich im Sommer über seine Beteiligungsfirma Tennor und für 225 Millionen Euro bei Hertha eingekauft hatte, eigentlich vorhat mit seinem Investment, war diese Personalie ein erster Hinweis; noch drei weitere Aufsichtsräte darf er berufen. Windhorst, der Hertha ja zu einem „Big City Club“ umbauen will, lässt sich verständlicherweise nur von einem Big Player des Fußballs beraten, „sportspezifisch“, wie Klinsmann es nennt.

Klinsmann kommt selten allein

Ohnehin war „Lars“ der am häufigsten genannte Name im Medienraum. Nochmal Klinsmann: „Der Lars hat dem Klub einen kleinen Schubser gegeben.“ Der Großaktionär muss also nicht mal anwesend sein, um seine neue Macht zu demonstrieren. Eine Macht, die er etwa auch dazu nutzen kann, um Klinsmanns Wünsche zu erfüllen.

Ein Klinsmann kommt ja selten allein, das kennt man aus der Vergangenheit, immer ordentlich plus X verlangt er für die Gästeliste. Und so hat Hertha neben einem neuen Chefcoach auch einen neuen Torwarttrainer nach Berlin eingeladen.

Andreas Köpke kommt erst mal bis zum Ende des Jahres auf Leihbasis vom DFB und folgt auf den bei Fans und Mannschaft beliebten Zsolt Petry. Der sagte vor ein paar Monaten: „Er ist noch ein bisschen zu amerikanisch.“ Und: „Die Persönlichkeitsentwicklung ist noch etwas hängengeblieben.“

Gemeint war Jonathan Klinsmann, die Nummer drei bis sechs in Herthas Torwarthierarchie, der den Klub im Sommer verließ. Der Vater sagte nun: „Mein Sohn wurde hier hervorragend ausgebildet.“ Da Klinsmann sich ständig fragt, „Was wäre, wenn Südamerika? Was wäre, wenn England? Was wäre, wenn Deutschland?“, war er natürlich auch darauf vorbereitet, erstmals nach zehn Jahren wieder eine Klubmannschaft zu übernehmen; obwohl er das stets vehement bestritten hatte, zuletzt vor ein paar Wochen.

Also trommelte er – es wurde dann Deutschland – sein Schattenkabinett für die Bundesliga zusammen, einen „Stab auf Abruf“, zu dem Alexander Nouri und Markus Feldhoff zählen. Beide waren früher bei Werder Bremen und dem FC Ingolstadt angestellt, jetzt werden sie Klinsmann in Berlin assistieren.   

Arne Friedrich wird „Performance Manager“

Und noch eine Begleitperson ist dabei. Arne Friedrich, früher Kapitän bei Hertha und nach seiner Karriere als Kochbuchautor, Werber und Berater tätig, soll als „Performance Manager“ (Klinsmann) zwischen Mannschaft und Geschäftsführung vermitteln, ein offenes Ohr haben für die Bedürfnisse der Spieler, ihre Karrieren mit Weitsicht planen. „Arne ist ein bisschen auf der Suche nach was Längerfristigem“, sagte Michael Preetz, der am Mittwoch ja auch noch zu Gast war im Medienraum.

Ob er den Tag als Machtübernahme empfinde, wurde Herthas Manager dann gleich mal gefragt? Preetz lächelte, als hätte er die Frage erwartet, und antwortete, als wäre sie nicht berechtigt. „Die Zusammenarbeit zwischen Hertha BSC und Lars Windhorst ist nicht so alt“, sagte er, „dass wir wissen, wie Zusammenarbeit funktioniert.“ Und weil Preetz zu diesen Menschen gehört, die gerne Sprachmoden aufgreifen, sagte er: „Wir haben uns committet.“

Eine friedliche Übernahme

Frei übersetzt: Sie haben sich darauf geeinigt, dass sie es sehr, sehr ernst meinen. Danach musste Preetz nur noch die Theorie verneinen, die besagt, dass seine Performance als Manager vielleicht nicht mehr ausreicht und die Installation von Friedrich ein Vorgriff auf die Zukunft sein könnte, wenn die Veränderung des Klubs dann in größeren Schritten voranschreitet. Noch ist es ja eine friedliche Übernahme.

Preetz („der Micha“) und Klinsmann („der Jürgen“) kennen sich seit vielen Jahren, sie gelten als Fußballfreunde, man bleibt halt in Kontakt. In Huntington Beach saßen sie schon öfter zusammen, schmiedeten Pläne, nun geht es also an die Umsetzung.

Und auch das kann man noch wissen: Im vergangenen Jahr soll Klinsmann das Trainerangebot ausgeschlagen haben. Klinsmann hat sich den Ruf eines radikalen Reformers erworben, dazu gilt er als knallharter Verhandlungsführer in eigener Sache; erst am späten Dienstagabend kam es zur finalen Einigung.

Image als Sonnyboy

Die Härte verbirgt Klinsmann hinter dem Image eines Sonnyboys, seine Radikalität versteckt sich zwischen einem kindlichen Lächeln und schmächtigen Schultern. Seit Ende der Neunzigerjahre lebt Klinsmann in Kalifornien. Dort lernte er das Denken in Großformaten, einen ansteckenden Optimismus, diesen angstfreien Tatendrang. „Wenn ich es mir nicht zutrauen würde“, sagte er, „würde ich es nicht machen.“ Und: „Wenn ich etwas übernehme, dann mache ich es nicht halb.“ Aber auch: „Ich glaube nicht, dass es um Veränderungen geht. Es geht um Zusammenarbeit.“ Sie hätten sich committet.

Das war nicht immer so. Wo Klinsmann hinkam, blieb meist nichts, wie es war. So handelte er als Nationaltrainer beim DFB, wo er zwischen 2004 und 2006 einen Altherrenverband entstaubte, einen professionellen Betreuerstab installierte, mit Teampsychologen und einem amerikanischen Fitnesstrainer, der den verdutzten Spielern bunte Therabänder anlegte und sie im Entengang über den Rasen watscheln ließ. Alles im Dienste der Körperstabilität. Alles im Zeichen der Moderne.

Dem Magazin der Süddeutschen Zeitung sagte Klinsmann damals: „Wir müssen alle Rituale und Gewohnheiten hinterfragen. Und zwar andauernd, nicht nur im Fußball. Das ist doch nichts Schlimmes.“ Oder beim FC Bayern, wo Klinsmann im Juli 2008 den Reformstau im Fußballfreistaat auflösen wollte, die Klubführung neue Computer anschaffen ließ, die Mannschaft mit Powerpointpräsentationen über Taktik belehrte und die Innenarchitektur an der Säbener Straße um Fachwissen und Spiritualität erweiterte.

Plötzlich hatten die Spieler Zugang zu einer Bibliothek, und auf einer Dachterrasse lagen und saßen Buddhas herum. „Sie geben uns einen gewissen Energiefluss“, sagte Klinsmann damals. Am Mittwoch sagte er: „Ich habe diese Buddhas nicht aufgestellt.“

Wenn Energie in die falsche Richtung fließt

Die Energie floss jedenfalls schnell in die falsche Richtung. Ein halbes Jahr und zu viele Niederlagen später wurde Klinsmann entlassen. Der damalige Präsident Uli Hoeneß sagte über den Nachfolger Jupp Heynckes: „Der hat einen Flipchart und fünf Eddingstifte. Mit ihm gewinnen wir Spiele für 12,50 Euro, und bei Klinsmann haben wir viel Geld ausgegeben und wenig Erfolg gehabt.“ Die Zeit in München gilt trotzdem als das größte Trainermissverständnis der Klubgeschichte.

Klinsmann wollte zu viel und zu sehr auf einmal. Als er noch für die Bayern stürmte, nannten sie ihn Flipper, weil ihm bei der Ballannahme oft die Fußkontrolle versagte, die Bälle versprangen. Als Trainer flipperte er so wild, dass es Tilt machte.

Der große Reformer Klinsmann trat zuletzt im Juli 2011 in Erscheinung. Als Nationaltrainer der USA wurden ihm im dritten Anlauf jene Freiheiten zugesichert, die er gefordert hatte. Wieder wollte Klinsmann die Verbandsarchitektur verändern. Er ließ hier ein Fenster einbauen, um die Strukturen transparenter zu machen, trat dort eine Tür ein, hinter der sich die Scoutingabteilung verschanzt hatte. Erst ging alles gut bis sehr gut, dann klappte immer weniger, und am Ende ging vieles schief. Im November 2016 kam es zur Trennung.

Jürgen Klinsmann beim ersten Training nach Trainerwechsel.
Foto:  dpa/Britta Pedersen

Nun also Berlin, Hertha BSC, Big City Club von der Spree, dem Klinsmann seit 2004 als einfaches Mitglied angehört. Mitgliedsnummer 18, wie früher auf dem Trikot. Der Micha hat das möglich gemacht.  

Berlin wartet auf etwas Großes.

Jürgen Klinsmann

Anfang November sagte Klinsmann über Hertha, er wolle „Teil des spannendsten Fußballprojekts in Europa“ werden. Und nun, am Ende des Monats, ist er Teil der zurzeit langweiligsten Fußballmannschaft der Bundesliga. Und eines Umfelds, das zur Ungeduld neigt. Jürgen Klinsmann weiß: „Berlin wartet auf etwas Großes.“ Wie er sich den Trainingsalltag so vorstellt, wurde Klinsmann im zunehmend stickigen Medienraum auch noch gefragt: „Ich stehe da, beobachte, ich werde mich auch einmischen, wenn es sein muss. Aber die Assistenten haben das laute Wort auf dem Platz.“

Dann ging er in die Umkleidekabine, um sich bei den Spielern vorzustellen. Beim anschließenden Training stand er da, beobachtete und mischte sich ein. Manchmal musste es einfach sein.