Die jüngsten Schlagzeilen, welche die bald prall gefüllte Klubkasse von Hertha BSC betreffen, verheißen eine großartige Zukunft. „Weitere 150 Millionen Euro für Hertha durch Börsengang 2020?“ war zu lesen oder „Bald fließen wieder 100 Millionen von Investor Lars Windhorst an Hertha“. In den zurückliegenden Wochen ging es immer wieder um die neuen Möglichkeiten, die der Klub nach dem Einstieg des einstigen „Wirtschafts-Wunderkindes“ Windhorst nun habe. Der 42-Jährige kündigte ja nach der ersten pünktlichen Überweisung von vereinbarten 125 Millionen Euro an, aus Hertha einen „Big-City-Klub“ machen zu wollen. Mensch, Hertha, wie haste dich verändert, dachte ich. Eine kurze Zeitreise in die Vergangenheit sei an dieser Stelle erlaubt, um die rasante Entwicklung zu illustrieren.

Wenn es ums Geld geht, erzählt man sich bei Hertha immer gern die Geschichte, als Präsident Heinz Roloff, ein knorriger Berliner Bauunternehmer, Ende der Achtzigerjahre ein Spiel auf dem Platz an der Osloer Straße im Wedding besuchte. Roloff stand aufgeregt mit einem Bein weit im Spielfeld und der Schiedsrichter wies ihn heftig zurecht. Roloff schimpfte lautstark: „Bei dem Geld, das ich in den Klub stecke, kann ich stehen, wo ich will!“

Es heißt, als Hertha-Boss habe er zwischen 1985 und 1994 etwa zehn Millionen Mark in den damals maroden Klub investiert. Das war seinerzeit viel Geld, aber im Vergleich zu heute tatsächlich „Peanuts“. Noch kurz vor dem Einstieg von Roloff beim damaligen Zweitligisten, der 1986 gar in der Amateuroberliga Berlin landete, bettelten Hertha-Fans auf dem Kurfürstendamm: „Ham se nich mal ne Mark für Hertha, für ne jute Sache?“ Auch das war Hertha BSC.

Zurück in die Gegenwart, in der sich längst vieles um Millionen dreht. Um den im Moment eher mittelmäßigen Fußball, den die Mannschaft spielt, ging es zuletzt weniger. Viele Beobachter – darunter auch ich – glauben, dass die riesige Erwartungshaltung, die auch aus den Millionen des Lars Windhorst gespeist wird, die Spieler samt Trainer Ante Covic sogar erdrückt haben.

Geld schießt wirklich Tore

Herthas Finanzchef Ingo Schiller gab der Nachrichtenagentur dpa vor kurzem ein langes Interview, das meist nur in Bruchstücken in anderen Medien zu lesen war. Ich habe mir das komplette Gespräch durchgelesen. Wichtig für mich ist vor allem diese Aussage Schillers: „Sie können heutzutage die Wahrscheinlichkeit für sportlichen Erfolg nur mit wirtschaftlichen Mitteln erhöhen.“ Schießt viel Geld also Tore? Es ist tatsächlich so. Egal, ob man das gut findet oder nicht. Zudem heißt es, Herthas Unternehmenswert sei innerhalb von nur wenigen Monaten von 333 auf 450 Millionen Euro gestiegen. Schiller sagt: „Wir haben uns schneller entwickelt als der Markt! Wir sind dem Wachstum sozusagen verpflichtet.“

Das ist natürlich eine Erfolgsgeschichte, ganz klar. Doch Hertha bewegt sich gerade extrem zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Mir kommt es – übertrieben gesagt – so vor, als gebe es gerade zwei Parallelwelten. Die Welt des großen Geldes, des wirtschaftlichen Booms kombiniert mit Digitalisierung und Internationalisierung (Sommerreise der Mannschaft in die USA oder das geplantes Wintertrainingslager in Florida) und die reale Welt des Fußballs auf dem Rasen, wo das Wachstum an Leistung noch ausgeblieben ist. Beide Welten aber müssen wieder eins werden. Möglichst schnell.