Der ehemalige Hertha-Profi Niko Kovac gilt als Wunschlösung.
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BerlinDie berühmte Floskel vom „nur von Spiel zu Spiel denken“ muss man bei Hertha BSC im Moment leicht modifizieren in „nur von Tag zu Tag denken“. Beim durch die Klinsmann-Attacken durchgeschüttelten Verein kann jeden Tag etwas Neues, etwas Unvorhergesehenes passieren. Weitere Angriffe, neue Enthüllungen oder auch ein Trainerwechsel sind nicht ausgeschlossen. Interimscoach Alexander Nouri, 40, arbeitet im Spannungsfeld zwischen seinem einstigen Chef Klinsmann und einer Mannschaft, die sich nur selten als solche präsentiert. Nouri hat von Manager Michael Preetz keinerlei Jobgarantie erhalten, er hat ihm aber auch kein Ultimatum gesetzt.

Das Spiel am Sonnabend gegen Werder Bremen ist nun von extremer Bedeutung. Gewinnt Hertha, ist das Team dem Klassenerhalt einen Riesenschritt näher und Preetz’ Plan, mit Nouri die Saison zu Ende zu bringen und sich dann von ihm zu trennen, kann aufgehen. Verliert Hertha, ist Nouri nicht zu halten und Preetz sitzt in der Falle.

Niko Kovac soll der Wunschtrainer sein

Ich gehe nun vom positiven Fall aus und frage: Wie soll der künftige Cheftrainer ab Sommer aussehen? Mir schwebt ein Mann vor, der das Team auf eine qualitativ neue Stufe heben kann. Auf jeden Fall eine externe Lösung, ein Mann, der internationale Erfahrung und auch Erfolge aufweisen kann, ein selbstbewusster Typ, der keine ausgetretenen Pfade bedient. Ich habe drei Kandidaten, wobei die Reihenfolge keinerlei Wertung bedeuten soll.

Foto: Berliner Zeitung
Hertha-Kenner

Michael Jahn begleitet seit mehr als zwei Jahrzehnten den Berliner Fußball-Bundesligisten Hertha BSC. Immer mittwochs gibt er in dieser Kolumne seine Expertise zu der Mannschaft, dem Klub und seinem Umfeld ab.

Kandidat eins: Niko Kovac. Der 48-Jährige soll der Wunschtrainer aller Verantwortlichen bei Hertha sein. Als gebürtiger Berliner Junge und als ehemaliger kampfstarker Hertha-Profi ist die Identifikation mit Verein und Stadt groß. Seine Qualitäten als Coach hat er bewiesen, besonders als Nationaltrainer Kroatiens und bei Eintracht Frankfurt. Aus seiner Zeit beim FC Bayern hat er sicher viel gelernt. Er sagte vor Tagen bei Servus TV: „Alles nach Bayern ist nicht so groß. Wenn es passt, kann man ein, zwei Schritte zurückgehen.“ Ein Satz, der Hertha hoffen lassen kann.

Kandidat zwei: Kjetil Rekdal. Der 51 Jahre alte Norweger war einst als Hertha-Profi ein meinungsstarker Typ, ein Mann mit Courage und strategischen Fähigkeiten. Er dachte schon als Spieler wie ein Trainer. In einem Interview mit der Berliner Zeitung hat er die Schwachstellen der Mannschaft und im Verein deutlich aufgezeigt. Warum eigentlich nicht?

Gerardo Seoane ist der "Mini-Favre"

Kandidat drei: Gerardo Seoane. Der 41-jährige Schweizer, der die Young Boys Bern zum Meistertitel führte, gilt als „Mini-Favre“ und einer der außergewöhnlichsten Fußballlehrer der Schweiz. Mit ihm wird vor allem Ernsthaftigkeit, Kontrolliertheit und Souveränität verbunden, aber auch eine gewisse Genialität. Als im Mai 2019 ein Nachfolger für Pal Dardai gesucht wurde, stand Seoane auf Herthas Liste. Ich hatte schon mithilfe meiner Schweizer Kollegen ein Porträt von Seoane in petto, als dieser verkündete, in Bern bleiben zu wollen. Jetzt ist er wieder für Hertha interessant. Vor Tagen sagte er: „Ich beschäftige mich nicht mit Gerüchten!“ Aus Gerüchten wird aber ab und an auch Realität.

Aber vielleicht benötigt Hertha gar keinen renommierten Trainer und stattdessen eine Handvoll selbstbewusster, eigenständig denkender Profis. Beim 3:3 in Düsseldorf hat sich die Mannschaft jedenfalls in der Halbzeitpause in höchster Not selbst gecoacht. Und das mit Erfolg.