Bis der Muskel zumacht: Herthas Marko Grujic.
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BerlinDass Dedryck Boyata in der 44. Minute den allein auf das Hertha-Tor zulaufenden Frankfurter Bas Dost zu Fall gebracht hatte, stand außer Frage. Aber welche Konsequenzen sollte das Foulspiel des Hertha-Verteidigers denn nun nach sich ziehen? Robert Hartmann, der Schiedsrichter, war in seiner ersten Einschätzung zu diesem Schluss gekommen: Elfmeter und Gelb-Rot gegen den bereits in der 6. Minute verwarnten Boyata. Was wegen der Modifikation der Notbremsen-Regel durchaus regelkonform war, die Rote Karte ist in solchen Fällen eben nicht mehr zwingend. Die Hertha-Profis gingen trotzdem kurz in den Widerstand, die der Frankfurter brachten sich für die Ausführung des Strafstoßes in Position. Dann allerdings bekam Hartmann Nachricht aus Köln, dass er doch bitte noch einmal die Zeitlupenbilder studieren möge. 

Boyata, der bereits Richtung Kabine unterwegs war, machte kehrt. Zwei, drei Minuten vergingen. Und siehe da: Hartmann nahm seine Entscheidung zurück und maßregelte schließlich wie folgt. Freistoß für Frankfurt, weil der Tatort vor dem Sechzehnmeterraum lag. Und Rot gegen Boyata. Den Freistoß jagte Frankfurts Filip Kostic schließlich in die Hertha-Mauer.

Als spielentscheidend wurde diese Szene von vielen bewertet, weil aus der Hertha-Elf eine Hertha-Zehn geworden war. Auch Bruno Labbadia führte die 50 Minuten währende Unterzahlsituation für das 1:4 als Erklärung an. Allerdings brachte der Hertha-Coach noch ein paar weitere Gründe für die Niederlage vor. Schon durch die verletzungsbedingte Auswechslung von Per Skjelbred habe seine Mannschaft an Stabilität im Zentrum verloren, führte der 54-Jährige aus. Es wäre fortan nicht mehr gelungen, die „Ketten“ zu schließen. „Wir haben nicht gut miteinander verteidigt und uns zu einfach ausspielen lassen. Frankfurt hat verdient gewonnen“, sagte er. Und überhaupt: Gegen die zuletzt auch eher unsteten Hessen habe man gesehen, dass sein Team auch aufgrund der zahlreichen Verletzungen „auf der letzten Rille“ laufen würde. Am Sonnabend musste er ja auch noch kurzfristig auf Maxi Mitteldstädt verzichten, auf den Mittelfeldspieler, der mit der Diagnose Pfeiffersches Drüsenfieber vor einer längeren Pause steht.

Die Blau-Weißen sehnen also das Ende einer Saison herbei, die auch dank Labbadias Wirken eine Wendung zum Positiven erfahren hat. So zeitig wie von kaum jemandem erwartet konnte trotz der Irrungen und Wirrungen mit den Cheftrainern Ante Covic, Jürgen Klinsmann und Alexander Nouri der Klassenerhalt gesichert werden. Nach dem 31. Spieltag beträgt der Vorsprung auf den Relegationsplatz zehn Punkte, sogar die Qualifikation für die Europa League mit einem Sprung auf Tabellenplatz sieben ist noch möglich – aber nur rein rechnerisch, wie es so schön heißt. Und dennoch geht es in den noch ausstehenden drei Pflichtspielen schon auch noch darum, dass Labbadias Reputation als Begeisterer keinen Schaden nimmt. Einen doch eher blutleeren Auftritt wie am Sonnabend, bei dem Krzystof Piatek zunächst noch der Führungstreffer geglückt war (24.), darf es schon am Dienstagabend in Freiburg, aber auch im Heimspiel gegen Bayer Leverkusen (20.6.) und beim Saisonfinale in Mönchengladbach (27.6.) nicht mehr geben.

Es ist ja tatsächlich so, dass der Hauptstadtklub durch die jüngsten Entwicklungen grundsätzlich nicht mehr als Klub der zweiten Reihe wahrgenommen wird. Während sich eine Vielzahl der Konkurrenten infolge der Corona-Krise mit einer konkreten Planung für die kommende Spielzeit schwertut, eröffnen sich am Schenkendorffplatz dank der Millionen von Investor Lars Windhorst nämlich ganz neue Perspektiven. Max Eberl beispielsweise, der Manager von Borussia Mönchengladbach, bezeichnet die Hertha als „neuen Player“, der dank des Engagements von Windhorst „mal eben zehn Jahre in einem Sommer aufholt“. Daraus ergibt sich für Labbadia im Hinblick auf die kommende Spielzeit eine Drucksituation, die auch für ihn in seiner Karriere als Trainer neu sein dürfte.