Marko Grujic ist überzeugt, dass er und seine Teamkollegen von Jürgen Klinsmanns Expertise profitieren werden.
Foto: mago images/Matthias Koch

Berlin -WestendMarko Grujic, 23, bläst die Backen auf. Müde von „den vielen neuen Übungen“, die Herthas neuer Cheftrainer Jürgen Klinsmann und sein Funktionsteam von seinen Spielern verlangt, lässt sich der Serbe auf eine schwarze Ledercouch fallen. Grujic war vergangene Saison die zentrale Figur im Spiel der Berliner, der Mann, der den Rhythmus vorgab. In seiner zweiten Spielzeit kann die Leihgabe des FC Liverpool noch nicht an die Leistungen der Vorsaison anknüpfen. Im Gespräch mit der Berliner Zeitung zeigt er sich aber voller Hoffnung, dass er und die Blau-Weißen unter der Anleitung von Klinsmann eine Trendwende herbeiführen können.

Herr Grujic, im Sommer 2006 waren Sie zehn Jahre alt. Welche Erinnerungen haben Sie an die Fußball-WM?

Ich erinnere mich an die serbische Gruppe und an ein paar Spiele. Richtig präsent ist bei mir aber erst die WM 2014, als Deutschland in Brasilien alles weggefegt hat.

Wann haben Sie das erste Mal im Leben den Namen Jürgen Klinsmann gehört?

Mein Vater war Journalist und hat mir immer von Lothar Matthäus und Jürgen Klinsmann vorgeschwärmt. Ich weiß nicht genau, wie alt ich war. Aber für ihn waren das die größten Stars damals. Ich glaube, ich kenne keinen größeren Namen im Deutschen Fußball. Jürgen ist für mich einer der besten deutschen Spieler aller Zeiten.

Jetzt ist Klinsmann Ihr neuer Trainer. Was löst ein Trainerwechsel in einer Mannschaft aus?

Ante Covic und sein Team haben alles gegeben. Aber manchmal funktioniert es eben nicht. Natürlich ist ein Trainerwechsel für manche Spieler, die nicht viel gespielt haben und unglücklich waren, eine Chance. Man spürt die Energie, dass sich jeder neu beweisen will. Leider war es noch nicht genug, um Dortmund zu schlagen. Aber wir haben nach dem Rückstand eine gute Reaktion und damit Charakter gezeigt. Mehr war innerhalb von drei Tagen nicht möglich. Das schafft nicht einmal ein Zauberer.

Welchen Impuls konnte Klinsmann setzen?

Jürgen ist im Weltfußball ein Riesenname, eine Persönlichkeit. Das motiviert jeden Spieler extra. Er hat uns gleich am ersten Tag gesagt, dass er 50 bis 70 Prozent mehr aus uns rausholt, wenn wir ihm vertrauen. Natürlich brauchen wir dafür Zeit. Aber wir werden uns steigern.

Sie haben Beiträge in den sozialen Netzwerken mit #trusttheprocess (dt. „Vertraue der Entwicklung“) versehen. Was lässt Sie daran glauben?

Wir haben gewisse Dinge über fünf Monate einstudiert und haben jetzt ein neues Trainerteam, das vieles anders macht und sehr intensiv arbeitet. Für die Trainer ist es natürlich nicht ideal ein Team mitten in der Saison zu übernehmen, das Probleme hat. Sie hatten keine Vorbereitung mit uns und bisher kaum Zeit, um uns ihren Matchplan zu erklären. Es braucht vielleicht noch zehn bis fünfzehn Einheiten, damit wir uns an die neuen taktischen Vorgaben gewöhnen. Das gilt besonders für die Offensive. In der Defensive probieren wir, sicherer zu stehen. Die nächsten vier Spiele probieren wir alles, um so viele Punkte wie möglich zu holen. Die neue Philosophie des Trainerteams werden wir im Januar sehen, wenn wir in der Winterpause mehr Zeit haben.

Im Training sah man Sie während einer Unterbrechung mit einigen Kollegen wild diskutieren.

Wir verschwenden zu viel Kraft, weil wir einfache Bälle verlieren und somit zu leichte Gegentore kassieren. Damit das besser wird, müssen wir uns gegenseitig helfen und miteinander reden. Das müssen wir von Montag bis zum Wochenende üben. Damit jeder weiß, wie die Laufwege sind. Wenn wir diese Automatismen verinnerlichen, werden wir uns viel wohler fühlen.  

Zur Person

Debütiert: Marko Grujic wurde am 13. April 1996 in Belgrad geboren. Bereits mit 17 Jahren debütierte er für seinen Jugendklub Roter Stern Belgrad in der SuperLiga.

Transferiert: 2016 ging er für sieben Millionen Euro zum FC Liverpool. Nach drei Kurzeinsätzen in der Premier League, wechselte er im Sommer 2018 auf Leihbasis zu Hertha BSC.  

Absolviert: Für die Blau-Weißen absolvierte der 1,91 Meter große Mittelfeldspieler bisher 37 Pflichtspiele. Dabei erzielte er sieben Tore.

Haben Sie tatsächlich das Gefühl, dass Sie dahingehend Nachholbedarf haben?

Gewisse Automatismen sind wichtig. Wir spielen nicht gut als Team, jeder Einzelne unter seinen Möglichkeiten. Das hängt natürlich zusammen. Man kann nur in einem gut funktionierenden Team glänzen. Wir haben viel zu viele einfache Gegentore in dieser Saison bekommen. Das war leider gegen Dortmund auch so. Zwei Gegentore in zwei Minuten. Das geht nicht. Was macht Hoffnung für Frankfurt? Ich habe das Frankfurter Spiel in Mainz (1:2, d. Red.) gesehen. Sie haben derzeit auch Probleme. Und wir werden auf jeden Fall unsere Chancen bekommen. Natürlich sind sie sehr schnell und besonders physisch stark. Aber wir können das Spiel gewinnen, wenn wir nicht wieder haarsträubende Fehler machen – und nicht wieder ein frühes Gegentor bekommen.

Zuletzt rieben Sie sich in Zweikämpfen auf, konnten kaum offensive Impulse setzen. In welcher Rolle sieht Klinsmann Sie?

Zu Saisonbeginn habe ich teilweise alleine auf der Sechserposition im defensiven Mittelfeld gespielt. Das ist nicht meine Lieblingsposition, weil ich von dort kaum offensive Akzente setzen kann. Am besten kann ich meine Fähigkeiten weiter vorne, vor dem gegnerischen Strafraum ausspielen. Ich habe viel mit Jürgen im Training gesprochen. Wenn wir im Mittelfeld die Abstände besser halten, habe ich in Zukunft mehr Freiheiten, mich in die Offensive einzuschalten und meine kreativen Fähigkeiten am gegnerischen Strafraum auszuspielen.

Covic sprach bei Ihnen von einem Kopfproblem. Machen Sie sich selbst zu viel Druck?

Natürlich war ich nicht zufrieden mit meinen Leistungen. Das ist kein Geheimnis. Ich würde aber nicht sagen, dass ich zu schnell zu viel will. Ich probiere, das Beste im Training aus mir herauszuholen. Das Spiel zeigt nur, wie gut man trainiert hat. Wir müssen als Team taktisch besser zusammenarbeiten, die Räume für den Gegner enger machen. Dass einer für den anderen da ist, auch mal einen Fehler ausbügelt. Wenn wir das schaffen, werden wir alle wieder mehr Selbstvertrauen haben, Dribblings gewinnen, Tore schießen. Dann werden wir auch die Ergebnisse einfahren.

Mit dem Einstieg des Investors Lars Windhorst sind die Ambitionen gestiegen. Spüren Sie als Spieler die veränderte Wahrnehmung?

Hertha hat großes Potenzial, einer der besten Klubs Deutschlands zu werden und in ein paar Jahren auch in Europa wettbewerbsfähig zu sein. Aber wir sind erst am Anfang dieses Weges. Wenn man sich RB Leipzig anschaut, der auch über einen Geldgeber verfügt, braucht so ein Prozess Zeit. Mittlerweile spielen sie in der K.-o.-Phase der Champions League, haben großartige Spieler wie Naby Keita für sehr viel Geld (60 Mio. Euro, d. Red.) an Liverpool verkauft. So eine Zukunft sehe ich auch für Hertha. Die Fans brauchen Geduld. Sie müssen verstehen, dass der Erfolg nicht über Nacht kommt.

Die Gegenwart sieht trister aus.

Wir sind Drittletzter und unsere Leistungen waren nicht gut. Kein Zweifel, da darf jeder mehr erwarten. Wir müssen die nächsten vier Spiele so viele Punkte holen wie möglich. Und dann ab Januar motiviert und unglaublich hart arbeiten und bestenfalls im ausverkauften Haus zum Rückrundenauftakt gegen den FC Bayern mit einem Sieg starten.

Die Derby-Niederlage gegen den 1. FC Union hat die Stimmung entschieden verändert.

Ich verstehe den Frust der Fans. Ich stand als kleiner Junge im Fanblock bei Roter Stern Belgrad. Wenn wir die Derbys gegen Partizan verloren haben, war ich auch sehr unglücklich oder habe geweint. Mit der Kritik und Häme müssen wir leben. Bis zum Rückspiel.

Neben der sportlichen Krise fürchten die Anhänger eine Entmachtung des Klubs durch den Investor. Können Sie die Sorgen verstehen?

Wenn die Fans wollen, dass Hertha dauerhaft Erfolg hat und die besten Teams der Welt wie Liverpool oder Real Madrid in ein paar Jahren ins Olympiastadion kommen, braucht der Klub finanzielle Hilfe. Das ist die Grundvoraussetzung heutzutage. Unsere Fans gehören zu den Besten der Liga, wir haben ein tolles Stadion, in das fast 75 000 Zuschauer passen. Sie können stolz sein, dass es einen Geldgeber gibt und ein Weltstar wie Jürgen Klinsmann nun Hertha trainiert. Sie werden in den nächsten Jahren viel zu feiern haben. Ich glaube an eine rosige Zukunft.

Hertha könnte es sich nun leisten, Sie nach der Saison fest zu verpflichten. Ist ein Verbleib vorstellbar, auch wenn Hertha nächstes Jahr nicht international spielt?

Mein Leihvertrag endet im Sommer. Ich werde wie immer mit Liverpool reden. Natürlich ist es mein Traum, dort nächste Saison die Chance zu bekommen. Es ist einer der besten Klubs der Welt. Wenn ich die Chance dort nicht bekomme, würde ich mich sehr freuen, zurückzukommen und Teil dieses Projekts zu sein. Ich bin zwar erst mein zweites Jahr hier, aber ich bin Hertha-Fan. Alles wirkt sehr professionell und ambitioniert. Die Voraussetzungen sind wunderbar. Auch Berlin gefällt mir sehr. Die Stadt verdient internationalen Fußball.  

Sie bekommen regelmäßig Feedback aus Liverpool. Ist Jürgen Klopp beunruhigt über Ihre Entwicklung?

Natürlich macht sich der Klub Sorgen, wenn ich nicht gut spiele. Am wichtigsten aber ist, dass ich Spielpraxis sammle und jede Woche auf dem Platz stehe. Wir analysieren alle meine Spiele, fast jede Aktion, schauen uns alle Daten genau an. Alles mit dem Hintergrund und der Hoffnung, dass ich nächstes Jahr in Liverpool spiele. Wenn es nicht klappt und der Verein mich erneut verleihen will, wäre ich auch sehr glücklich, noch ein Jahr bei Hertha zu bleiben.

Sie sind erst 23 Jahre alt. Machen Sie sich dennoch Gedanken, was im Leben kommt, wenn die Karriere mal vorbei ist?

Besonders an freien Tagen probiere ich, Abstand zum Fußball zu halten und mich mit anderen Dingen zu beschäftigen. Das fällt mir aber schwer. Ich würde sagen, ich bin fußballsüchtig. Ich werde auf jeden Fall dem Sport treu bleiben. Ob ich später als Trainer oder Manager arbeite, weiß ich derzeit noch nicht. Aber das ist meine Traumvorstellung.

Das Gespräch führte Sebastian Schmitt.