Am Montagabend um zehn nach sieben sagte Werner Gegenbauer: „Gute Nacht, meine Herren.“ Und die Spieler von Hertha BSC, die sich auf der Bühne aufgereiht hatten und mit Applaus bedacht worden sind für den schönen Fußball, den sie zurzeit spielen, hörten natürlich auf ihren Präsidenten. Die ordentliche Mitgliederversammlung hatte zwar erst begonnen, aber wie hatte Michael Preetz gesagt? „Die Mannschaft hat ein schwieriges Spiel am Wochenende.“ Sie müsse sich darauf vorbereiten. Der Manager war dann froh, dass Salomon Kalou, der – nicht anlehnen! – durch den Vorhang hinter die Bühne kippte, sich nicht verletzt hat. „Uns wird ja vorgeworfen, dass wir keinen Unterhaltungswert haben“, hatte Gegenbauer auch noch gesagt zur Begrüßung. Applaus plus allgemeines Gelächter. 973 Mitglieder waren in die Messehalle 20 gekommen.

So eine Mitgliederversammlung kann lang werden. Gegenbauer sagte: „Das wird jetzt alles ein bisschen trocken hier.“ Und das kann man ja keinem Profifußballer zumuten. Diesmal gab es fünfzehn Tagesordnungspunkte, von Eröffnung bis Verschiedenes, dazwischen viele Ehrungen, Berichte, einige Wortmeldungen und zwei Entlastungen: Aufsichtsrat einstimmig, Präsidium bei einer Enthaltung. Und eine kleine Überraschung gab es auch. In einem Nebensatz kündigte Gegenbauer an: „Sollte ich vorgeschlagen werden, werde ich mich zur Wahl stellen.“ Im kommenden Mai. Auch Applaus. Damit wäre das geklärt.

Spannend in einem Jahr, in dem eben keine Präsidiumswahlen stattfinden und es sportlich nichts zu meckern gibt, sind am ehesten noch die Finanzen des Vereins. Ingo Schiller ist der zuständige Geschäftsführer, der Mann für die Zahlen bei Hertha, und als solcher neigt man eher nicht dazu, leichtfertig Dinge zu versprechen. Trotzdem hat Schiller vor einem Jahr angekündigt, dass Hertha die zinstragenden Verbindlichkeiten auf null senken wird. Schiller muss sich sehr sicher gewesen sein, dass der Einstieg des Investors KKR seinen Handlungsspielraum noch weiter erhöhen, ihm, wie er sagte, mehr Beinfreiheit geben würde.

„Wir haben unser Ziel erreicht.“

Und Schiller hat Wort gehalten. Über die Bilanz zum 30.06.2015 sagte er: „Wir haben unser Ziel erreicht.“ Hertha schuldet keiner Bank mehr Geld, auch keiner Privatperson. Nur die Fananleihe von 2004 läuft noch. Schiller: „Wir haben Planungssicherheit.“ Und Aufsichtsrat Bernd Schiphorst war es wichtig, zu betonen: „Wir sind Herr unserer Entscheidungen.“ Alle sind zufrieden mit KKR.

Um zu verstehen, wo Hertha wirtschaftlich steht, muss man sich immer wieder daran erinnern, wo der Verein eigentlich herkommt. Nämlich aus einer sportlich erfolgreichen Zeit, aber dieser Erfolg war nur einer auf Pump. Es war eine riskante Wette auf die Zukunft. Rechte auf TV-Einnahmen und das Stadioncatering wurden etwa verkauft. Noch vor neun Jahren hatte der Verein einen 54 Millionen Euro hohen Schuldenberg angehäuft. Die Wette ging verloren.

Heute sind es nur noch 15,9 Millionen Euro an Verbindlichkeiten und die Rechte wurden dank des Investors zurückgekauft. Die Gesamteinnahmen (88,5 Millionen Euro) lagen diesmal zwar unter dem historischen Wert des Vorjahres (104,3 Millionen Euro), was einen Buchungsverlust von 7,6 Millionen Euro bedeutet. „Das resultiert aber aus den Abschreibungen“, sagte Schiller. Gestiegen sind die Ausgaben von 90,9 Millionen auf 96,1 Millionen Euro. Für den Profikader gab Hertha etwa 36 Millionen Euro aus, in der Saison davor waren es „über 30 Millionen Euro“.

Ingo Schiller ist sich sicher, dass Hertha eine gesunde Basis hat: „Die Zuflüsse sind größer als die Abflüsse.“ Bilanzierend sprach er von einer Parallelität der Entwicklungen. Einerseits würde der Klub wirtschaftlich gesunden und andererseits ist er in der Lage, wieder in die Mannschaft zu investieren. Das Eigenkapital – ein Wort, das man viele Jahre nicht kannte in Berlin – liegt bei 21,37 Millionen Euro, vor zwei Jahren standen da noch minus 8,3 Millionen Euro. Allerdings darf man sich das nicht in Form eines Festgeldkontos vorstellen. Das Eigenkapital ist eine rechnerische Restgröße, eher ein Zeichen für die Robustheit eines Unternehmens. Tatsächlich darf Hertha etwa zwei Millionen Euro sein Eigen nennen. Immerhin. Und zum Schluss noch ein Zitat von Michael Preetz: „Wir freuen uns, fast überall als Überraschungsmannschaft gesehen zu werden. Das ist kein Zufall. Aber wir dürfen nicht anfangen zu spinnen.“