Bad Saarow - Beim nächsten Mal nehmen wir einen Lippenleser mit. Der hätte uns nämlich am Dienstagmorgen verraten können, was sich die drei sommerlich gekleideten Herren da zur Rechten im schattigen Waldrand zu erzählen hatten. Denkbar ist auch ein Richtmikrofon. Abhören scheint ja kein Verbrechen zu sein, nicht mal unter Freunden. Diesmal aber muss noch geheim bleiben, welch wichtigen Dinge die Klubexekutive von Hertha BSC, also Präsident Werner Gegenbauer, Manager Michael Preetz und Finanzvorstand Ingo Schiller, veranlasst haben, sich zum ersten Mal am Trainingsplatz in der Nähe von Bad Saarow zu treffen. Gab es Neuigkeiten vom Transfermarkt? Wurde der Vertrag mit dem neuen Hauptsponsor endlich unterschrieben? Oder hatte nur einer sein Handicap verbessert?

Jetzt Schwenk nach links, auf die Sonnenseite, Blick auf den Rasen, der zur Straße hin leicht abkippt, und wo Mitchell Weiser jetzt downhill dribbelt, allerdings nach zwei Übersteigern an einem Abwehrbein hängenbleibt.

Der Mittelfeldspieler, der auf der rechten Bahn offensiv und defensiv flitzen und flanken kann, ist Herthas bislang einzige Verpflichtung für die neue Saison. Und bislang hat er nur die üblichen Nettigkeiten gesagt über seinen neuen Klub, die Stadt, die Kollegen. Heißt: „Hertha bietet mir eine gute Perspektive. Ich will Stammspieler werden.“ Und: „Berlin ist in Europa eine der schönsten Städte.“ Und: „Ich wurde gut aufgenommen von der Mannschaft.“

Wenn man Weiser, 21, so reden hört über seine noch recht kurze Karriere, vor allem über die Zeit beim FC Bayern („Allein das Training mit lauter Weltklassespielern bringt einen weiter“), ist man geneigt, das Klischee vom gehemmten Fußballvatersohn und den übergroßen Vaterfußspuren zu überdenken. Es kann ja auch ganz anders sein.

Wenn nämlich ein väterlicher Mentor wie Patrick Weiser seinem Sohn Mitchell im Laufe seiner eigenen Laufbahn, die ihn über Köln, Rennes und Wolfsburg wieder zurück an den Rhein geführt hatte, tiefe Einblicke ins Fußballprofitum ermöglicht, dann kann das durchaus die Hemmung nehmen.

Weiser junior hat früh die großen Stadien von ganz innen gesehen, die Kabinen, die Abläufe, was es heißt, von öffentlichem Interesse zu sein und was diese Öffentlichkeit aus einem machen kann, wenn man nicht ständig darauf achtet, welches Wort zu welcher Leistung passt. Von seinem Vater hat er zudem gehört, was man unbedingt tun muss, um erfolgreich zu sein: hart trainieren. Patrick Weiser hatte nicht den Ruf, der Härteste im Training zu sein.

So gesehen ist Mitchell Weiser genau richtig in Bad Saarow, genau richtig auch bei Pal Dardai, der hier seit vier Tagen auslotet, wo die Schmerzgrenzen seiner Spieler liegen. Denn der Trainer findet ja: Vor der Saison muss man sich die Kraft und die Ausdauer erlaufen, die einen durch die gesamte Saison trägt. In der Winterpause kann nichts mehr aufgeholt werden, was zuvor verpasst worden ist. Dardai konkreter: „Je länger es dauert, desto schwieriger. Ohne Fitness kann er keinen Fußball spielen.“

Weiser muss diese Vorstellung von einem schweißtreibenden Sommer irgendwie gefallen haben, die Gespräche mit Dardai und Preetz seien ausschlaggebend gewesen für den Wechsel nach Berlin. Er sagt: „Der Trainer hat einen klaren Plan.“ Dardai sieht das natürlich ähnlich. Und er würde gern öfter seine besondere Trainerrhetorik zum Einsatz bringen, um den Kader zu verstärken. Aber: „Ich habe bislang nur mit einem Spieler gesprochen.“ Und das heißt jetzt was? „Wahrscheinlich wird noch was passieren. Wenn nicht, dann muss ich damit leben.“ Dardai glaubt, dass es gut gehen kann mit diesem Kader. Unter zwei Bedingungen: Alle werden fit, alle bleiben gesund.

Dysbalancen bei Langkamp

Ein Schwenk zurück nach rechts an den schattigen Waldrand, wo eben noch drei sommerlich gekleidete Herren standen.

Dort sitzt jetzt Sebastian Langkamp mit einem bandagierten Oberschenkel. Später wird es vom Teamarzt heißen: „Eine leichte muskuläre Dysbalance.“ Das muss man schnell mal bei Wikipedia nachschlagen: „Verstärkte Muskelverkürzungen und/oder Muskelabschwächungen zwischen Agonist (= Spieler) und Antagonist (= Gegenspieler) durch einseitige Kraftentwicklung bei gleichzeitiger Vernachlässigung ihrer Dehnungsfähigkeit.“ Soll jedenfalls nicht so schlimm sein. Und das ist gut so, denn Langkamp ist einer von diesen Spielern, die fit werden und gesund bleiben müssen.

Er ist zurzeit der einzige hauptberufliche Innenverteidiger im Kader, weil John Brooks noch mit den USA um den Gold Cup spielt, John Heitinga nach Amsterdam abgeschoben wurde und Fabian Lustenberger und Jens Hegeler nur Teilzeit gewohnt sind in der Viererkette. Emir Spahic, den Dardai gern aufgenommen hätte in seine Reihen, aber nie die Gelegenheit hatte, ihn persönlich von einem Wechsel zu überzeugen, der hat sich bekanntlich für den Hamburger SV entschieden. Auch das scheint eine leichte Dysbalance zu sein.