Per Skjelbred hat ein Geheimnis ausgeplaudert. Etwas aus der Kabine, das eigentlich dort bleiben sollte. Also sprach der Maulwurf: „Alles nach Plan. Wir hatten alle sieben Minuten eine Torchance.“ Hm, Plan, alle sieben Minuten, warum – was soll das? Gibt es eine neue Zeiteinheit zur Bemessung des Fußballs? Eine mathematische Formel? Eine Theorie, die nicht mal der zurzeit heißeste Cheftheoretiker Thomas Tuchel kennt? Da muss man Pal Dardai fragen.

Am besten gleich am Morgen nach dem Pokalabend, den Hertha BSC als verdient glücklicher Sieger (2:0) beendet hatte. Oder wie der erstklassige Manager Michael Preetz nach dem Spiel gegen einen Zweitligisten twittern ließ: „Pokalsensation in Bielefeld!“ Schon wieder diese Selbstironie. Und schon wieder stand sie ihm gut, wenn man Retweets als Ausdruck von Zustimmung plus Gefallen versteht. Aber jetzt zum Geheimnis.

Pal Dardai kommt mit der Sonne im Rücken und einem Grinsen im Gesicht. Frisch sieht er aus. Dabei waren sie erst spät in der Nacht wieder in Berlin. Am Lenkrad saß der Ersatzbusfahrer. Aber um diese immer noch unfassbare Geschichte soll sich jetzt nur noch die Polizei kümmern. Der Trainer ist jedenfalls mehr erleichtert als zufrieden mit dem Vortrag am Vortag, er weiß ja selbst, dass da am Sonnabend in Augsburg eine andere Mannschaft wartet, ein anderer Wettbewerb, weil: „Die Bundesliga ist schneller.“ Klar. Und was ist jetzt mit diesem Sieben-Minuten-Ding? Per Skjelbred hat da etwas erzählt. „Hat er?“

Dardai überlegt kurz, ob ein Dementi noch Sinn macht. Dann lacht er. Macht es also nicht, er sagt: „Alle sieben Minuten will ich eine Torchance sehen. Rechne das mal hoch, das ist genug für ein Spiel. Wenn du hinten gut stehst, dann reicht das.“ Aber warum sieben und nicht acht zum Beispiel? „Ich wollte eine gute Zahl.“ Sieben Weltwunder. Die sieben Zwerge. Siebenmeilenstiefel.

Dreizehn Chancen pro Spiel?

Fußball ist vielleicht kein großes Geheimnis mehr. Aber Dardai verblüfft einen trotzdem immer wieder. Es wird nicht langweilig mit ihm. Und man kann aus Ermangelung an weiteren Maulwurfshügeln nur erahnen, dass seine Kabinenansprachen wirken, treffen, etwas bewegen, Fußballerbeine vor allem. Manchmal aber kommen seine Worte seltsam daher. So wie diese Rechnung: Neunzig Minuten durch sieben ist gleich dreizehn Torchancen pro Spiel. Vielleicht vierzehn mit zwei Mal Nachspielzeit. So viele hatte Hertha aber nicht. Werden sie auch nicht so oft bekommen in Zukunft. Elf Schüsse standen diesmal in der Statistik. Bei Bielefeld stand da eine Null. Immerhin.

Die anderen Fakten liegen auf dem Platz verstreut, man muss sie nur aufsammeln, sortieren und richtig deuten. Hier die sachdienlichen Hinweise auf eine Steigerung im Vergleich zur Vorsaison. Dort die Anzeichen für eine klassische Formrolle rückwärts. Der Faktendeuter Dardai meint: „Im letzten Jahr standen wir kompakt und spielten Mittelfeldpressing. Aber nach dem dritten Pass kam immer einer Fehler – oder nach dem vierten.“ Und dieses Jahr? Was ist anders bislang?

Gegen Bielefeld kamen vier von fünf Pässen sicher ans Ziel, aber da war viel Quer und Zurück dabei. Auf den Flügeln herrschte ja lange Flitzverbot, erst mit Nico Schulz und Genki Haraguchi wurde es aufgehoben. Und die Mitte des Spiels war dicht.

Zu dicht für Jens Hegeler etwa, dem zuletzt so überzeugenden Spielmacher mit dem etwas größeren Wendekreis, dem aber diesmal weniger als wenig gelang, und der als Erster ausgewechselt wurde. Dardai aber verteidigt Hegeler: „Es kann nicht sein, dass du so schnell von top auf?... – sag ich jetzt nicht was fällst. Ist nicht schlimm. Es gibt solche Tage.“ Dardai ist keiner, der einem nur ein Mal eine Gelegenheit gibt, sich zu beweisen. „Sogar Kalou hat getroffen“, sagt er ja schließlich.

Getroffen hat auch Vladimir Darida, und er war auch sonst der Entscheider im Spiel. Wann das Tempo machen, wann drosseln? Wo die Räume öffnen, wo verschließen? Das versteht er besser als seine Kollegen. Dardai sagt es so: „Er hat keine Angst vor dem Ball.“ Es würde sicherlich nicht schaden, wenn noch mindestens zwei Neue dazukommen würden, die das Spiel ähnlich gut lesen können wie der mutige Darida. Und dazu meint Pal Dardai: „Bestimmt wird noch etwas passieren, denke ich. Hätten wir den Nichtabstieg früher gesichert letztes Jahr, hätten wir andere Spieler früher anbaggern können. Aber wir brauchen jetzt keine Hektik.“

Nein, sie brauchen das Gegenteil, sie brauchen Geduld.