Berlin - Wir befinden uns im Jahr 2019 nach Christus. Ganz Berlin ist von Herthanern besetzt. Ganz Berlin? Nein! Eine von unbeugsamen Baugenossen bevölkerte Straße hört nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten …

So könnte diese Geschichte beginnen, wenn der Fußballverein Hertha BSC eine mit Wurfspießen bewaffnete Besatzungsmacht wäre; und die knapp einhundert in der Charlottenburger Sportforumstraße lebenden Anwohner zum Zaubertrankkonsum neigen würden.

Nach allem, was man zurzeit weiß, tun sie das nicht. Und trotzdem sind sie in der Lage, eine Kraft zu entfalten, die Herthas Stadionbaupläne zerstören könnte. Sie haben nämlich keine Lust, ihre sechs Häuser und 24 Wohnungen zu räumen, um Platz zu machen für eine laute, steile, nahe Fußballarena. Das haben die Anwohner dem Verein in einem Brief mitgeteilt.

Hat Hertha seine Handlungsoptionen womöglich überschätzt? 

Seit der Briefzustellung ist die für den 25. Juli 2025 n. Chr. terminierte Stadioneröffnungsfeier auf dem Olympiagelände fraglicher denn je. Die Anschlussfragen lauten. Erstens: Hat der Verein seine Handlungsoptionen womöglich überschätzt?

Nun, es sieht ein bisschen danach aus. Ein Wunsch, sei er noch so groß, ist eben kein Befehl. Und Druck bei der Wunscherfüllung keine Garantie für eine Einigung, die Hertha laut Plan längst erreicht haben wollte. Die zunehmende Kritik an den kommerziellen Auswüchsen im Profifußball spielen sicherlich auch eine Rolle. Die der Berliner Abneigung vor Großbauprojekten ohnehin.

Und zweitens: Geht der Verhandlungspoker mit der Genossenschaft nur in die nächste Runde? Zumindest Hertha ist davon überzeugt und sortiert die verbliebenen Asse im Ärmel. Klaus Teichert, Geschäftsführer der Hertha BSC Stadionbau GmbH und ehemaliger Staatssekretär in der Senatsverwaltung für Finanzen, sagte bei einer Präsentation im vergangenen November: „Wenn man zu früh über Plan B redet, hört man nichts mehr von Plan A.“ Einen Plan B wie Brandenburg, also einen Umzug nach Ludwigsfelde, meinte Teichert bestimmt nicht. Den lehnten die Klubmitglieder bereits ab. Das B in BSC steht nun mal für Berlin. Die Klubführung weiß das auch.

Umbau auf Wunsch des Mieters

Seit 1963, dem Gründungsjahr der Bundesliga, spielt Hertha zur Miete im Olympiastadion, in einer historisch belasteten, zugleich architektonisch einmaligen Sportstätte, die viele Fans gar nicht verlassen wollen. Das Oly ist ihre Heimat, die Ostkurve ihr Wohnzimmer, in guten wie in schlechten Tagen. Zweckmäßige Beliebigkeit beim Stadionbau gibt es immer nur auf Auswärtsreisen.

Vor der Weltmeisterschaft 2006 wurde das Olympiastadion für 282 Millionen Euro umgebaut, auch im Sinne des Hauptmieters, der sich etwa mehr Logen und eine blaue Tartanbahn wünschte – das darf man nicht vergessen.

Genauso wenig wie die Tatsache, dass Hertha schon damals (im Mai 1998) am liebsten nebenan gebaut hätte und zunächst auch Unterstützung vom Senat bekam. Das sei die beste Lösung, sagten für Stadtentwicklung verantwortliche Politiker, bevor sie ihre Meinung änderten. Wahlen hatten schon immer einen Einfluss auf die Meinungsbildung in der Stadionfrage. Bei Hertha spricht man schon mal von Populismus und hadert mit einer lückenhaften Faktenwiedergabe.

Den Wunsch, das Olympiastadion zu verlassen, erklärt Hertha atmosphärisch. Weil das zugige Oval im Schnitt nur zu zwei Dritteln gefüllt ist, könne keine Stimmung entstehen. Bei keinem Erstligaklub ist die Auslastung so gering. Und bei keinem die Verzweiflung so groß: Welche Imagekampagne sollen wir uns noch einfallen lassen? Innerhalb der Stadtgrenzen scheint Hertha das wahre gallische Dorf zu sein. Die Mehrzahl denkt anders in Sachen Fußball.

Wirtschaftliche Gründe sprechen für ein neues Hertha-Stadion

Der Klub möchte aber unbedingt wachsen und hat gerade deshalb beschlossen, erst einmal zu schrumpfen. In das neue Stadion sollen etwa 55.000 Zuschauer passen, gemütlicher darf es werden. Die erste Stehplatzreihe könnte dann zehn und nicht mehr 40 Meter vom Spielfeld entfernt sein, acht statt 22 wären es aus Sicht eines Haupttribünenfans. Teichert hat sich auf Stadionreisen durch Europa inspirieren lassen.

Doch es sind vor allem wirtschaftliche Gründe, die für ein neues Stadion sprechen. Hertha will nicht mehr jährlich 5,25 Millionen Euro Miete zahlen, sondern lieber Kredite bedienen. Wer letztlich das Projekt finanzieren wird, ist unklar. Für Hertha war die Geldbeschaffung immer das geringste Problem. Für Politiker und Fans wiederum ein nachvollziehbarer Grund, mehr Offenheit und Transparenz zu fordern.

Suche nach neuem Standort für Hertha-Stadion: Von 52 Grundstücken blieben zwei übrig

Bei der Standortsuche in Berlin und Umland hat Hertha mit Albert Speer + Partner zusammengearbeitet. Im März 2017 legte das Architekturbüro eine Machbarkeitsstudie vor; von ursprünglich 52 Grundstücken blieben erst zwölf, am Ende zwei übrig: der Brandenburg Park in Ludwigsfelde und eben das Olympiagelände. Jeder Standort wurde auf Potenziale und Risiken abgeklopft, etwa die Nähe zu Häusern oder Wohnsiedlungen: „ein Stadionneubau könnte sich hier als problematisch erweisen“ (Tempelhofer Feld), „hier könnte es zu Nutzungskonflikten kommen“ (Tegel) – man war also vorgewarnt.

Die Studie war der Anfang einer offensiven Herangehensweise, die nun in die Defensive gedrängt wie römischen Legionen in Gallien – und sie war vor allem ein Alleingang des Klubs, keine gemeinsame Sache mit dem Senat. Dass sich der beste Bauplatz in Berlin ausgerechnet auf dem Olympiagelände befindet, ist sicherlich nur zufällig mit dem Bauwunsch identisch. Und dieser kann ja immer noch in Erfüllung gehen.