Hertha BSC: Plattenhardt kam durch die Hintertür

SCHLADMING - Jos Luhukay ist unzufrieden. Der 1,68 Meter große Cheftrainer von Hertha BSC richtet sich kerzengerade auf, unterbricht die Übung und stürmt quer über den Trainingsplatz. „Du bist verantwortlich für die linke Defensivseite. Du musst die Verantwortung auch übernehmen“, ruft er. Ziel seines Ausbruchs ist Linksaußen Johannes van den Bergh, der nicht nachgerückt war, um seinen Gegenspieler Hany Mukhtar zu decken. Stattdessen hatte er die Aufgabe an Mitspieler Hajime Hosogai delegiert.

Schon in der Rückrunde der vergangenen Saison offenbarte van den Bergh Schwächen, ließ sich immer mal wieder auf der Außenbahn überrennen. Auch seine Offensivarbeit wurde öfter kritisiert. Diese latente Unzufriedenheit mit dem einstigen Stammspieler öffnet die Tür für einen der sieben Neulinge: Marvin Plattenhardt. Der 22-Jährige, der im Mai vom 1. FC Nürnberg an die Spree wechselte, zeigte bislang im Training und in den Testspielen eine ordentliche Leistung, so dass es nicht verwunderlich wäre, sollte er beim Saisonstart auf der linken Außenbahn gesetzt sein.

Familienmensch aus Filderstadt

Der einstige U17-Europameister selbst gibt sich zurückhaltend: „Ich weiß nicht, was die Stammformation sein wird. Der Konkurrenzkampf ist schon hart“, sagt er. Vor allem, da Luhukay mit der Dreier-Abwehrkette gerade eine neue Formation testet, die viel Raum für flexible Einsätze bietet.

Plattenhardt ist ohnehin keiner, der große Sprüche klopft. Er sitzt ein wenig zurückgezogen auf dem gepolsterten Sessel in der Hotel-Lobby, spielt immer mal wieder an dem schwarzen Holzarmband, das sein rechtes Handgelenk schmückt und lässt gelegentlich ein schüchternes Lächeln aufblitzen. Der gebürtige Filderstädter ist ein Familienmensch. Die Geburtsdaten seiner Eltern und Geschwister hat er sich auf den rechten Unterarm tätowieren lassen. Sein Vater Kurt Plattenhardt war auch ein talentierter Fußballer. Er schaffte es bis in die Bezirksliga, musste seine Karriere aber wegen eines Kreuzbandrisses vorzeitig beenden. „Mein Vater hat damals nicht so viel Unterstützung bekommen wie ich heute“, sagt Plattenhardt.

Seine Stimme ist ganz ruhig. Sogar dann, wenn es um weniger erfreuliche Themen geht, wie zum Beispiel seinen Abgang aus Nürnberg. Eigentlich hatte er sich nämlich sehr wohlgefühlt in dem Klub, der seit der B-Jugend seine Heimat war. Zudem war es ihm in der vergangenen Saison gerade erstmalig gelungen, sich in der Stammformation zu etablieren. Bei den Fans war Plattenhardt beliebt. So beliebt, dass seine vorzeitige Vertragsverlängerung im Dezember 2013 öffentlich verkündet wurde, um die Stimmung zu heben.

Statt Facebook nun auf Twitter

Schon da stand es nämlich kritisch um die Nürnberger und ihren Klassenerhalt. Dass Plattenhardt sich für den Fall eines Abstiegs die Hintertür in Form einer Ausstiegsklausel offengehalten hatte, veröffentlichten die Verantwortlichen allerdings nicht.

So war ihm der Zorn der Fangemeinde sicher, als er nach dem besiegelten Abstieg des Klubs verkündete, nach Berlin zu wechseln. Die Beschimpfungen auf seiner Facebook-Seite nahmen derartige Ausmaße an, dass Plattenhardt sie kurzfristig schloss und bis heute nicht wieder geöffnet hat. „Es ist ja in Ordnung, dass die Fans ein bisschen rummotzen“, sagt er. Ein bisschen mehr Verständnis hätte er sich allerdings schon gewünscht. „Wenn jemand von denen ein gutes Stellenangebot bekommt, würde er es ja vielleicht auch annehmen“, gibt er zu bedenken.

Diese Episode habe ihn jedenfalls gelehrt, sich nicht alles zu Herzen zu nehmen, was er über sich geschrieben sieht. Statt Facebook nutzt der junge Herthaner nun Twitter, da gibt es zumindest eine Beschimpfungsbeschränkung von 140 Zeichen.

Momentan bietet Plattenhardt wenig Angriffsfläche. Er hat sich im Team gut eingefunden, Nico Schulz und John Anthony Brooks kennt er noch aus der Jugend-Nationalmannschaft, mit Jens Hegeler und Julian Schieber hat er in Nürnberg gemeinsam gespielt. „Da war ich noch Frischling“, sagt er und grinst. Inzwischen ist Plattenhardt ein gereifter Spieler und ein ernst zu nehmender Konkurrent. Vor allem für Johannes van den Bergh.