Sie telefonieren fast täglich, der Vater mit dem Sohn, dazu die viele Nachrichten zwischen Deutschland und der Slowakei, meistens geht es um Fußball, natürlich um Fußball. Wie das Spiel gelaufen ist. Was der Sohn gut macht. Was dem Vater weniger gefällt. Dieser Austausch ist Ondrej Duda wichtig, weil er weiß, dass er ehrliche Antworten bekommt, eine schonungslose Meinung, wo sich nichts mehr schönreden lässt. So war es schon immer: „Mein Vater hat mir nie gesagt, dass ich der Beste bin, auch wenn ich es offensichtlich war. Er hat mir auch nie gesagt, dass ich Profi werde. Er hat es umgekehrt gemacht: Wenn du dich nicht mehr anstrengst, wird es nicht reichen.“

Der Sohn strengte sich an. Es reichte. Er spielt inzwischen bei Hertha BSC. Und der Vater saß mit am Verhandlungstisch, als der Transfer vor zwei Jahren fixiert wurde. Ondrej Duda braucht keinen Berater. Er hat seinen Vater. Nur manchmal, wenn der väterliche Rat am Telefon auszuufern droht, sagt der Sohn: „Komm, lass uns mal das Thema wechseln.“

Gegen Gladbach als Spielmacher

Am Sonnabend um halb vier spielt Hertha gegen Borussia Mönchengladbach, und dass Duda, 23, wieder den Spielmacher im Olympiastadion geben wird, ist immer noch erstaunlich angesichts seiner komplizierten Vorgeschichte. Noch einmal zur Erinnerung: In seiner ersten Saison kam Duda zu drei Kurzeinsätzen, sieben Monate fehlte er verletzt.

In der zweiten waren es 24 Pflichtspiele, aber kein einziges über neunzig Minuten. Erst Königstransfer, dann Fehleinkauf – dabei wusste man bis vor wenigen Wochen immer noch nicht, was für ein Fußballer dieser Ondrej Duda tatsächlich ist. „Ist doch klar“, sagt er, „dass ich erst mal beäugt worden bin, bestimmt wurde auch mal über mich geredet, so ist es überall.“ In den Medien, selbst in der Kabine.

Auch in seinem zweieinhalb Jahren bei Legia Warschau war Duda ein ständiges Versprechen. Der Klub ließ einen talentierten Spieler ziehen und war zugleich froh, knapp fünf Millionen Euro kassiert zu haben. Duda würde trotzdem gern zurückkommen, irgendwann. In polnischen Medien vergisst er jedenfalls nie, die Legia-Fans zu erwähnen, ihren Support: „In Deutschland kommen die Leute ins Stadion, um zu feiern oder um das Spiel zu beobachten wie im Theater, und nicht unbedingt, um zu singen.“

Duda ist kein Verkäufer

Als der Beratervater zuletzt in Berlin war, um über die Zukunft seines Spielersohnes zu sprechen, hieß es hinterher, beide hätten wohl befürchtet, dass Hertha an einem Leihgeschäft oder gar Verkauf interessiert sein könnte. Ondrej Duda sagt dazu: „Nein, ich hatte keine Angst. Wenn sie mich verkauft hätten, dann hätten sie mich verkauft.“ Seine Sätze schrammen manchmal knapp an Gleichgültigkeit vorbei. Oder sie sind einfach nur angemessen distanziert in einer Branche, die sich darauf spezialisiert hat, Emotionen zu verkaufen.

Aber Duda ist nun mal kein Verkäufer. Er sagt: „Wenn ich nicht hier spielen kann, dann spiele ich eben woanders. So denke ich immer. Wenn ich eine schlechte Phase habe, dann sinkt vielleicht mein Selbstvertrauen, aber an der Einstellung ändert sich bei mir nie etwas.“

Dardai wollte ihn nicht aufgeben

Duda ist geblieben, weil Pal Dardai ihn nicht aufgeben wollte. „Ich habe mit jedem Spieler Geduld, wenn ich sehe, dass er einen Charakter hat, dass er ein guter Fußballer ist“, sagt der Trainer. Das klang auch schon mal anders. Dardai kritisierte immer wieder auch öffentlich Dudas mangelnde Fitness, die allzu lässige Spielweise, den fatalen Hang zum Querpass.

Bei der Europameisterschaft in Frankreich war ihm der slowakische Nationalspieler noch als dribbelnder Spielbeschleuniger aufgefallen. Dardai wollte ihn danach unbedingt haben. Heute sagt er: „Es ist eine Erleichterung, weil niemand sagen kann, dass ich blind bin.“

Duda hat in dieser Saison keine Spielsekunde verpasst, er hat drei Ligatore geschossen, darunter waren zwei direkt verwandelte Freistöße. „Doch was mich am meisten beeindruckt“, sagt Michael Preetz, „ist, dass er sich defensiv gesteigert hat.“ Wer sich an Dudas Grätsche gegen den Schalker Jewhen Konopljanka erinnert, weiß, was der Manager meint. Und wer in die Statistiken schaut, sieht, dass Duda die meisten Ballkontakte seiner Mannschaft hat. Querpässe hat er sich abgewöhnt. Nun fordert Dardai noch mehr vertikale Anspiele in die Spitze. Eine Torvorlage fehlt ihm ja noch.

Guter Freund von Kalou

Die Liebesgeschichte zwischen Ondrej Duda und Hertha könnte also eine auf den dritten Blick werden.  Aber noch überlagert die Vergangenheit die Gegenwart, und der Hauptdarsteller weiß das selbst. „Mich fragen alle“, sagt Duda, „warum läuft es jetzt und warum lief es nicht vorher?“ Seine standardisierte Antwort: die Verletzung, der fehlende Spielrhythmus. Und deshalb auch Selbstzweifel? „Hatte ich nie.“ Nur das Gefühl, keinen Kontakt zur Mannschaft zu haben, weil er meist individuell trainieren musste, außerdem die Stadt nicht mochte, kaum mal rausgehen wollte. In Berlin kannst du alles sein. Auch einsamer Herthaner.

Das ist nun vorbei. Ondrej Duda hat einen ziemlich besten Freund gefunden: Salomon Kalou. Dem verdankt er neben einigen väterlichen Tipps auch den Spitznamen „Number 10“. Und auf einen echten Zehner hat Hertha lange gewartet.