Stegersbach - Den Ball, sein liebstes Spielzeug, hat Raffael nicht mehr berührt bei seinem letzten Auftritt in den Farben von Hertha BSC. Beim lockeren Training am Mittwoch gab es nach Aufwärmübungen und einer Laufeinheit lediglich taktische Einweisungen durch Jos Luhukay. Der Brasilianer lauschte aufmerksam den Worten des Trainers, war aber wohl in Gedanken schon bei Dynamo Kiew. Dorthin wird er nun tatsächlich wechseln. Sein neuer Coach heißt Juri Sjomin und ist ein Russe.

Dass es sein letztes Training unter Luhukay war, wusste Raffael (27) zu diesem Zeitpunkt selbst noch nicht genau. Die Vertragsverhandlungen gestalteten sich zäh. Am Donnerstagvormittag sollte er von Wien zum Medizincheck nach Kiew fliegen. Allerdings wurde der Flug wegen technischer Probleme am Triebwerk abgesagt. Raffael und sein Berater Dino Lamberti mussten auf die nächste, diesmal nur verspätete Maschine warten.

Nach dem Medizincheck sollte die Vertragsunterschrift folgen. (Die offizielle Bestätigung des Transfers stand bei Redaktionsschluss noch aus). Raffael wird einen Vierjahresvertrag bekommen, der ihm rund 20 Millionen Euro netto einbringen soll, inklusive Prämien. Die Angaben über die Ablösesumme, die Hertha erhält, schwanken zwischen acht und zehn Millionen Euro, wobei letztere Summe inoffiziell von einem Raffael-Vertrauten bestätigt wurde. Trainer Jos Luhukay sagte im Teamhotel: "Raffael ist ein fantastischer Spieler bei Hertha gewesen und hatte sich einen hohen Status erarbeitet. Aber ich habe vom ersten Tag meiner Arbeit in Berlin an damit gerechnet, dass er uns eines Tages verlassen wird. Manager Michael Preetz hatte mir die Situation erklärt. Im Hinterkopf haben wir ohne ihn geplant, deshalb hat er auch die letzten Testspiele nicht mehr bestritten."

Luhukay hatte Raffael zugetraut, in einer europäischen Topliga zu spielen. Doch dann ist es nur die ukrainische geworden, die durch Oligarchen wirtschaftlich attraktiv gehalten wird, eine Liga, in der sie die Spitzenklubs aus Kiew, Charkow und Donezk als ihr liebstes Spielzeug behandeln.

Geld schlug sportliche Perspektive

Dynamo Kiew, also der millionenschwere und äußerst einflussreiche Präsident Igor Surkis, hat sich schließlich im langen Werben um Raffael durchgesetzt. Geld schlug in diesem Fall die bessere sportliche Perspektive. Vor Wochen buhlten auch Mönchengladbach mit Lucien Favre, dem sportlichen Ziehvater Raffaels, der FC Schalke 04 und der SSC Neapel um den sensiblen Mittelfeldspieler, der ein intaktes Umfeld braucht, um starken Leistungen zu zeigen. Ob das in Kiew so sein wird, muss sich erst erweisen.

Raffaels Teamkollege Lewan Kobiaschwili, der noch bis Jahresende gesperrt ist, aber täglich mittrainiert, sagte: "Ich werde Raffael sehr vermissen. Es gibt nicht viele Fußballer von seiner Qualität. Ich bin gestern auf sein Zimmer gegangen, wir haben uns umarmt und ich habe ihm alles Gute gewünscht."

Raffael, der im Januar 2008 auf Betreiben von Favre für 4,3 Millionen Euro Ablöse vom FC Zürich nach Berlin gekommen war, beriet sich sehr lange mit seiner Familie und seinem Berater. Am liebsten wäre er in der Bundesliga geblieben oder zumindest in Mitteleuropa. Seine Familie fühlte sich in Berlin sehr wohl und auch sicher. Dort konnten sich alle unbeschwert auf den Berliner Straßen zeigen, wo Raffael nur Wohlwollen entgegenschlug. Doch die lukrative Offerte von Kiew konnte er trotz anfänglichem Veto seiner Frau nicht ablehnen.

Die Umstellung könnte die Tatsache erleichtern, dass bei Dynamo Kiew bereits vier Brasilianer unter Vertrag: Danilo Silva, Betão und Leandro Almeida sind Abwehrspieler und Dudu ist ein Mittelfeldmann. Persönlich kennt Raffael seine Landsleute aber noch nicht.

In Berlin macht man sich derweil Gedanken über das Geld, das zum großen Teil in den Schuldenabbau fließen soll. Zudem können die Investitionen in bislang sechs Zugänge besser kompensiert werden, von denen Stürmer Sami Allagui von Mainz 05 mit 1,6 Millionen Euro Ablöse der teuerste ist. Als Gesamtpaket übertrifft Raffaels Transfer übrigens die Modalitäten beim Wechsel des ehemaligen Nationalspielers Sebastian Deisler von Hertha zum FC Bayern München im Jahr 2002.

Was bleibt also von Raffael, außer den Ablösemillionen? Er hat für Hertha in 110 Erstligaspielen 23 Tore geschossen und in 30 Einsätzen in der Zweiten Liga zehn Mal getroffen. Dazu kommen 33 Assists für den freundlichen und stillen Profi. Schon nach dem ersten Abstieg von Hertha (2010) stand ein Wechsel zur Debatte. Preetz aber gelang es, Raffael zu halten, der in der Zweiten Liga auf viel Geld verzichtet hatte. Einen Teil allerdings bekam er als Aufstiegsprämie wieder zurück. Zudem erfüllte ihm Hertha einen langgehegten Traum und verpflichtete seinen jüngeren Bruder Ronny. Das Wohlfühlklima war perfekt. Dennoch konnte auch der Individualist, der an guten Tagen in der Lage ist, Spiele allein zu entscheiden, den erneuten Abstieg nicht verhindern.

Jetzt muss Raffael die Komfortzone Berlin und seine großzügige Wohnung am Potsdamer Platz verlassen. Sein Berater, der Raffaels Karriere seit vielen Jahren eher vorsichtig plante, sagte, sein Mandant könne nach Berlin höchstens noch einen oder zwei großartige Verträge abschließen. Der erste führt in nach Kiew zu Dynamo.