Hertha BSC: Sami Allagui ist zurück bei Hertha

Bad Saarow - An immer mehr Orten gibt es immer mehr Menschen, die sich ein wenig die Vergangenheit zurückwünschen. Eine gar nicht so ferne Zeit ist das gewesen, in der man sich in die Augen schaute beim Reden, eine Zeit, in der man nicht alles und sofort wissen musste, eine Zeit ohne Smartphones. Analog ist das neue Bio.

Die Münchener Arena ist allerdings nicht so ein Ort. Und der Fußballer Sami Allagui war Ende Mai, am letzten Bundesligaspieltag, nicht so ein Mensch. Er saß da als Leihspieler des 1. FSV Mainz auf der Ersatzbank und schaute und tippte und wischte sich nach Hoffenheim, wo Hertha BSC, sein Verleihklub, gerade alles versuchte, um dem Abstieg in die Zweite Liga zu entkommen.

Dann die Gewissheit auf dem Display: Abpfiff! Hertha gerettet! – aber was wäre, wenn …? „Es wäre eine andere Situation gewesen“, sagt Allagui. „Wir wollen gar nicht darüber nachdenken.“ Was zählt: Er ist wieder da. Und zurzeit in Bad Saarow, wo sich Hertha seit Freitag heiß läuft für die neue Saison.

Allagui ist aber nicht einfach nur wieder da, er wurde erwartet, denn er wird dringend gebraucht. Man konnte in den vergangenen Monaten ja auch ohne digitale Hilfsmittel sofort erkennen, dass Hertha ein Problem hatte, für das Stürmer wie Allagui, 29, eine ins Tor passende Lösung finden. Vor zwei Jahren traf er neun Mal, war nach Adrián Ramos der zweitsicherste Torschütze in Berlin. Allagui sagt heute: „Ich kenne keinen Spieler in der Bundesliga, der über außen neun Tore gemacht hat, außer die spielen bei Bayern – nicht mal Dortmund.“

„Es war schon komisch“

Man könnte an dieser Stelle nach Mönchengladbach schauen und die elf Tore eines Patrick Herrmann erwähnen. Man kann aber aus Höflichkeit nichts sagen. Allagui braucht Selbstvertrauen. Und im zweiten Erstligajahr unter Jos Luhukay hatte er es nicht mehr. Der Trainer wusste nicht mehr, wohin mit seinem Stürmer. Rechts, links, zentral? Am Ende war es die Bank. Der Wechsel.

Es war im vergangenen Sommer, als Herthas Klubführung einen radikalen Umbau des Kaders plante und sich bei einigen Umbauarbeiten ein wenig verhob, so dass die Teamstatik durcheinandergeriet. Allagui wurde durch den allerletzten Transferfensterspalt nach Mainz gereicht, aus Lille nach Berlin schlüpfte zeitgleich Salomon Kalou. Zwei gute Deals, dachten viele, die heute anders darüber denken. Allagui ist das egal, er sagt, er sei nicht gekränkt oder verletzt, und er sagt: „Fußball ist ein Geschäft, da ist kein Platz für sentimentale Dinge.“ Wobei auch das nicht die ganze Wahrheit ist.

Natürlich war da Platz für allerlei Gefühle, zum Beispiel, als Allagui gleich in seinem ersten Spiel für Mainz wieder im Berliner Olympiastadion stand. Sagt er ja selbst: „Es war schon komisch. Auf einmal bin ich in der anderen Kabine und trage ein rotes Trikot.“ Noch komischer muss es dann gewesen sein, als er gegen seine alten Kollegen traf, aber auf Jubel verzichtete, weil er sich nicht freuen konnte, weil es ihm irgendwo in seinem Fußballherzen auch leidtat. Es gibt kein richtiges Tor im falschen Trikot.

„Ich bin ein Stürmer“

Einen zweiten Hinweis darauf, dass es bei aller unsentimentalen Professionalität im Fußball, doch so einiges gibt, was aus der Vergangenheit in die Gegenwart hineinreicht, liefert Allagui auch noch. „Ich hätte mir schon mehr Wertschätzung gewünscht“, sagt er. „Man hat mir gesagt, dass man fest mit mir plant.“ Die Pläne änderten sich plötzlich, und Allagui machte zum ersten Mal in seinem Fußballerleben die Erfahrung, wie es sich anfühlt, ein Leihspieler zu sein: „Intensiv war die Zeit.“ Den Kontakt zu Berlin hat er aber niemals abreißen lassen, war oft in der Stadt, aus der seine Verlobte stammt, hat die Wohnung nicht aufgegeben. In seinem Spind standen sogar noch die alten Sachen, als er nach neun Monaten Leiharbeit zurückkam. „Hier kommt nichts weg.“

Hier hat sich trotzdem einiges verändert. Auf Luhukay folgte Pal Dardai, und der neue Trainer hat einiges vor mit Sami Allagui. Ohnehin scheinen die beiden ganz gut zueinander zu passen. „Ich plane mit ihm im Zentrum“, sagt der eine. „Ich bin ein Stürmer, das muss ein Trainer wissen“, sagt der andere. Sie haben vor ein paar Wochen miteinander telefoniert und alles Weitere besprochen. Allagui sagt: „Wir sind Männer, und wenn man unter Männern was sagt, dann wird es so sein.“ Analoger als das geht nicht.