Vedad Ibisevic trifft zum 1:0 für Hertha BSC.
Foto: Hertha BSC Pool/Witters

Berlin-CharlottenburgDer Berliner Stadtmeister der Spielzeit 2019/20 heißt nach einem 4:0 (0:0) im Rückspiel (Hinspiel 0:1) Hertha BSC. Nun gut, das ist für diejenigen, die vernünftigerweise nur das Abschneiden in der Bundesliga für wichtig erachten, in diesem Zusammenhang freilich nur eine Nebenwertung, aber beim Duell Hertha BSC gegen den 1. FC Union geht es halt doch inzwischen um mehr als nur um drei Punkte. Es geht um West und Ost. Um Investorenfußball kontra hausgemachtem Fußball. Letztlich um Abgrenzung.

Und das vor allem für die Fans, die dieses Mal wegen der Corona-Pandemie außen vor waren, deshalb in der Kneipe oder eben vorm heimischen Fernseher Zeuge wurden, wie die Blau-Weißen vor knapp 300 auserwählten Zuschauern im Olympiastadion Revanche nahmen und durch die Tore von Vedad Ibisevic (51.), Dodi Lukebakio (52.), Matheus Cunha (62.) und Dedryck Boyata (77.) einen verdienten Sieg feierten.

Es ist ein bitterer Moment für jeden Fußballprofi, wenn sein Traum von einem Mitwirken bei so einem Derby durch die Absenz des Stadionpublikums zur Farce wird. Das ist doch nicht das, was man als Kind beim Beballern des Garagentors oder beim Staunen während eines Stadionbesuchs mit dem Papa im Sinn hatte. Aber kein Jammern, schon gar kein Aufstand ist da erlaubt. Die Ansage lautet: Ihr seid Teil des Systems. Basta. Sollt deshalb doch bitteschön professionell mit diesem Ausnahmezustand umgehen! Spielt!

In Anbetracht dieser misslichen Umstände, dieser Zwänge, haben auch die Spieler von Hertha BSC und Union Berlin durchaus ein Lob verdient. Denn was die Mannschaften von Bruno Labbadia und Urs Fischer an diesem Freitagabend darboten, war eigentlich ganz ordentlich. Und im Fall der Herthaner schon auch ein bisschen mehr als ordentlich, weil sie ja ein Heimspiel unter gespenstischen Bedingungen zu absolvieren hatten. Da war nichts aus der Ostkurve zu hören, noch nicht einmal ein Banner platziert, weil die härtesten unter den Hertha-Fans Geisterspiele ablehnen. Da war kein Frank Zander, nur dessen Stimme vom Band mit seinem „Nur nach Hause gehen wir nicht“. Der Witz des Abends.

Nicht wirklich enthemmt

Wenig später fanden sich beide Teams zur Gedenkminute für die Corona-Opfer am Mittelkreis ein. Hertha-Coach Labbadia hatte im Vergleich zum 3:0 in Hoffenheim nur einen Wechsel in der Anfangsformation vollzogen, für Maxi Mittelstädt kam der zuletzt noch gelbgesperrte Vladimir Darida im Mittelfeld zum Zug. Fischer wiederum brachte Michael Parensen für Neven Subotic, der bei der Niederlage gegen die Bayern nicht so griffig wie gewohnt war. Ken Reichel, der seit September den Anpfiff lediglich als Ersatzspieler oder gar als Tribünengast erlebt hatte, spielte auf der linken Seite für Christopher Lenz, der am Mittwoch das Training hatte abbrechen müssen. Und erwartungsgemäß gab Sebastian  Andersson für Anthony Ujah den Stoßstürmer.

Doch Andersson war erst mal Unions erster Abwehrmann, lief von einem Hertha-Verteidiger zum anderen, ohne deren Aufbauspiel entscheidend stören zu können. Dominanz für die Gastgeber war die Folge. Und bis zur Pause auch ein paar ziemlich gute Chancen. In der 17. Minute kreuzte Lukebakio vor Rafal Gikiewicz auf, versuchte sich an einem Tunnel, vergebens, weil der Torhüter der Köpenicker frei von Angst in das Eins-gegen-Eins ging und mit einem doch ziemlich empfindlichen Körperteil den Ball abwehrte. Zehn Minuten später versuchte sich Matheus Cunha nach einer Hereingabe von Ibisevic an einem Hackenkunststückchen, aber auch der Brasilianer scheiterte an Gikiewicz.

Das alles wirkte nicht wirklich enthemmt, wie man sich das für so ein besonderes Fußballspiel wünscht. Und doch gewann man allmählich den Eindruck, dass die etwas eifrigeren und etwas wacheren Herthaner womöglich als Sieger vom Platz gehen werden. Etwas überraschend war es dann allerdings schon, dass das Spiel nach dem Seitenwechsel so flugs entschieden wurde. Durch ein prächtiges Kopfballtor durch den starken Ibisevic nach einer ebenso prächtigen Flanke von Marvin Plattenhardt. Durch einen gekonnten Abschluss von Lukebakio, der nach einem Steilpass von Ibisevic mit einem Schlenker Gikiwicz umkurvte und souverän vollendete. Und durch Cunha, der dank seiner Unnachgiebigkeit aus 16 Metern zum 3:0 traf.  Boyata setzte schließlich nach einem Eckball von Plattenhardt den Schlusspunkt.

Das Schlusswort geht an Labbadia, der schon vor der Partie Folgendes zum Besten gegeben hatte: „Ich wünsche mir, dass beide Mannschaften in der Liga bleiben. Das kann diese Stadt vertragen. So ein wunderbares Derby.“