Bei Aquajogging denkt man vielleicht an ältere, Badehauben tragende und bunte Schwimmnudeln schwenkende Damen, die zu Tina Turner steppen. Diese Vorstellung ist grundsätzlich nicht falsch. Sie ist aber auch ein wenig überholt. Aquajogging hat sich zu einem selbst ernannten therapeutischen Trendsport entwickelt. Unter Wasser ist der Widerstand ja etwa vier Mal so groß wie an Land, das schont Muskeln, Bänder, Gelenke, nicht nur die in die Jahre gekommenen. Und so einem gebrochenen Zeh, wie ihn Mitchell Weiser seit drei Wochen in seinen Fußballschuh zwingt und zwängt, tut regelmäßiges Aquajoggen auch gut.

Weisers Leidensfähigkeit, seine Bereitschaft, mehr zu leisten, als man eigentlich erwarten darf, ist ein wichtiges Kapitel in der aktuellen Erfolgsgeschichte von Hertha BSC. In vier Spielen schon hielt ein Dachziegelverband seine Zehen zusammen. Dazwischen konnte er nie mit der Mannschaft trainieren, saß auf dem Fahrrad oder lief einsam im Pool herum. Zu Hause trug er nur Badelatschen, um keinen falschen Druck aufzubauen.

Spritze in den Nerv

Und dann, wie am Sonnabend beim 3:0 (1:0) gegen den Hamburger SV, bekam Weiser vor dem Warmlaufen wieder eine Spritze in den Nerv gejagt. Spürte danach den Schmerz nicht mehr, spürte nur noch den Ball, dribbelte, passte – er ist ein offensiver Rechtsverteidiger in Topform. Dribbelnd und passend hat er jedenfalls den Führungstreffer durch Salomon Kalou ermöglicht. Und trotzdem ist Weiser froh über die nun anstehende Länderspielpause. So wie sein Zeh, der jetzt ordentlich auslüften und zusammenwachsen kann.

Froh waren sie bei Hertha zuletzt immer nur über Länderspielpausen, weil sie hofften, dass ihre Fußballweltreisenden mit einem Erfolgserlebnis zurückkommen, mit Selbstvertrauen im Gepäck, das sie sich daheim in Berlin selten erspielen konnten. Jetzt, mit vierzehn Punkten auf einem Europapokalplatz stehend, hoffen sie, dass alle das Selbstvertrauen mitnehmen, behalten und sich auf keinen Fall irgendwas zerren, reißen oder brechen. „Die Nationalspieler sollen aufpassen“, sagte Pal Dardai. „Wenn sich einer verletzt, muss er jedem Kollegen ein kleines Geschenk mitbringen.“ Der Trainer lachte nicht. Das war kein Scherz.

Gleichzeitig hoffen sie, dass die seit Wochen verletzten Spieler wieder gesund werden. John Brooks. Roy Beerens. Thomas Kraft. Sebastian Langkamp. Und eben Weiser. „Der Junge hat eine harte Zeit hinter sich“, sagte Manager Michael Preetz. „Ich glaube, die Pause kommt uns allen ganz recht.“

Hertha hat Potential für mehr

Das ist einerseits verständlich. Anderseits kann die Mannschaft nicht schon am kommenden Wochenende zeigen, dass ihr Lauf mehr ist als nur ein Sprint.

Das Spiel gegen Hamburg hat zumindest schon mal angedeutet: Hertha kann vielleicht auch über die Mitteldistanz erfolgreich sein, selbst wenn das deutliche Ergebnis verheimlicht, wie eng es in Wirklichkeit war. Erst eine Viertelstunde vor Schluss erzielte Vedad Ibisevic, der zuvor die wenigsten Ballkontakte hatte, das zweite Tor (auf Vorarbeit von Tolga Cigerci), zwei Minuten später das dritte (Dank an Alexander Baumjohann). Und hinterher gab der Stürmer zu: „Am Anfang dachte ich, boah, das wird schwierig heute.“

War es ja auch. Hertha hatte Probleme, ins Spiel zu finden. Sie dominierten nicht den Gegner wie bei den vergangenen beiden Heimsiegen, waren nicht so passsicher, dazu war das Pressing des HSV zunächst zu engmaschig. Nach ein paar Minuten schickte Dardai seinen Torwarttrainer Zsolt Petry zu Rune Jarstein, um diesem erklären zu lassen, dass er sich die Bälle mit der Hand vorlegen soll, bevor er sie wegschlägt. So war es abgesprochen. So gewinnt man mehr Raum, wenn spielerisch nichts geht.

Schnelles Flügelspiel

Erst in der zweiten Halbzeit, als der HSV einem Unentschieden näher kam, erinnerte sich Hertha an den Vorteil, schnell und direkt über die Flügel zu spielen. Über Genki Haraguchi zum Beispiel, der allerdings mehrmals die falsche Entscheidung traf, was Dardai in seiner Coaching-Zone dazu veranlasste, wild wie Rumpelstilzchen ums Lagerfeuer zu tanzen.

Am Tag danach schwitzte Dardai, als wäre er tatsächlich einer Flamme zu nahe gekommen. Gemeinsam mit seinem Trainerteam war er ein paar große Runden um den Trainingsplatz gelaufen, und erst danach erklärte er, während er sich über die leichte Wölbung seiner Trainingsjacke strich: „Mein Bauch muss wieder zurückgehen, weil er wächst und wächst.“ Diesmal lachte er. Aber streng genommen war auch das kein Scherz.

Dardais anschließende Analyse hatte drei Teile. Im ersten lobte er die Art, wie die drei Treffer zustande gekommen waren: „Es ist schön, dass es keine Zufallstore sind. Sie sind richtig herausgespielt, so richtig Schach und Matt.“ Im zweiten erklärte er, warum Hertha derzeit so gut spielt: „Wenn du physisch besser bist, dann hast du mentale Stärke, danach kommt die Sicherheit, die Automatismen.“ Und im dritten deutete er an, dass seine Mannschaft wohl auch in Zukunft so spielen wird: „Ein großes Lob gibt es eigentlich nicht mehr, das ist jetzt unsere Spielweise, das muss so sein bei einem Heimspiel.“

Die Fans könnten sich bestimmt daran gewöhnen. Am Sonnabend war das Olympiastadion ein Ort, an dem sich die Menschen erst ungläubig anschauten, bevor sie Lieder vom Europapokal anstimmten. Aber warum die alle so glücklich waren, das hat Salomon Kalou als Letzter verstanden. „Vierter? Wirklich? Das müssen wir jetzt genießen“, sage er. Dank der Länderspielpause sogar zwei Wochen lang.

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